Bionisches Auge : Durchblick mit Netzhautprothese bei Makula Degeneration

Erster Eingriff bei altersbedingter Makuladegeneration: Einem erblindeten Patienten wurde eine Netzhautprothese am Manchester Royal Eye Hospital in Großbritannien implantiert. Erste Systemtests deuten auf einen Erfolg.

Das Bild zeigt den Augenhintergrund eines Menschen, in dem sich ein Implantat befindet. Gelb eingefärbt und durchzogen mit roten Äderchen. An einer Stelle befinden sich systematisch angeordnete Punkte von denen feinde Drähte abgehen und die schließlich gemeinsam aus dem Bild laufen.
Neu verdrahtet: Das System nutzt die noch nicht abgestorbenen Sehnerven, um die Informationen an das Gehirn zu senden. Das epiretinale Implantat wird direkt auf die Netzhaut gesetzt.

Erstmals wurde einem Patienten mit altersbedingter trockener Makula Degeneration (AMD) eine Netzhautprothese implantiert. Das System stammt von der US-amerikanischen Firma Second Sight Medical Products und trägt den Namen Argus II. Es wandelt Videoaufnahmen einer Minikamera, die in die Brille des Patienten eingebaut ist, in Serien kleiner elektrischer Impulse um. Diese Information wird dann kabellos auf Elektroden übertragen, die direkt auf der Netzhaut angebracht sind. Dadurch werden Impulse vermittelt, die noch vorhandene Netzhautzellen stimulieren. Das Gehirn wandelt die entsprechende Wahrnehmung von Lichtmustern um. Indem der Patient lernt, diese Muster von Seheindrücken zu interpretieren, erlangt er eine gewisse Sehfunktion wieder.

Funktionales Sehvermögen zurückerlangt

Der 80-jährige Brite Ray Flynn verfügte vor dem Eingriff nur über einen „seitlichen Sehrest“ – er war praktisch blind. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass es zum ersten Mal gelungen sein könnte, die künstliche Wahrnehmung mit einem natürlichen Sehrest zu kombinieren. So zeigten Screeningtests,  dass der Patient sein funktionales Sehvermögen zurückerlangt hat, bestätigt Professor Paulo Stanga, Chefarzt der Abteilung für Augenheilkunde und Glaskörperchirurgie am Manchester Royal Eye Hospital. So könne er bei eingeschaltetem System die Umrisse von Personen und Objekten wahrnehmen – und das bei geschlossenen Augen. Das belege, so der Mediziner, dass er für das Erkennen von Formen und Umrissen nicht sein verbliebenes natürliches peripheres Sehvermögen nutze. „Ray Flynn macht wirklich bemerkenswerte Fortschritte“, sagt Professor Stanga.

Die Implantation erfolgte am 16. Juni im Rahmen einer vierstündigen Operation. Am 1. Juli wurde die Sehhilfe zum ersten Mal eingeschaltet. Am gleichen Tag wurden Untersuchungen durchgeführt, bei denen der Patient auf einem Computerbildschirm unterschiedlich verlaufende schwarze und weiße Muster erkennen musste. Professor Stagna geht davon aus, dass sich sein visuelles Wahrnehmungsvermögen mit zunehmender Übung und durch Rehabilitationsmaßnahmen kontinuierlich verbessern werde.

Erste klinische Studie über die Behandlung von AMD

Seit Ende 2014 läuft eine Studie, um die Sicherheit und Wirksamkeit von Argus II zu testen. „Die aktuelle Studie soll zeigen, ob Patienten mit trockener AMD, die unter einem erheblichem Sehverlust leiden – also funktional blind sind – das künstliche Sehen im zentralen Gesichtsfeld mit ihrem verbliebenen natürlichen peripheren Sehen kombinieren können”, sagt Gregoire Cosendai, Vice President Europe von Second Sight Medical Products. Und in diesem Rahmen sollen noch vier weitere Patienten am Manchester Royal Eye Hospital mit diesem System ausgestattet werden.

Die trockene AMD ist unheilbar und zählt zu den häufigsten Ursachen für Blindheit in den westlichen Industrienationen. Retinitis pigmentosa zählt dagegen zu den seltenen Krankheiten. Patienten mit trockener AMD unterscheiden sich von solchen mit Retinitis pigmentosa darin, dass sie noch ein gewisses Maß an peripherem Sehvermögen behalten. Demgegenüber haben Patienten mit schwerer Retinitis pigmentosa keinerlei peripheres Sehfeld mehr. „Diese Technologie verändert das Leben der Patienten. Indem sie ein gewisses Maß an funktionellem Sehvermögen wiederherstellt, ermöglicht sie den Betroffenen ein unabhängigeres Leben“, sagt Professor Stagna.

Argus II erhielt 2011 die CE-Kennzeichnung und wurde 2013 durch Food and Drug Administration (FDA) in den USA zugelassen. Das System ist nach Angaben des Unternehmens die weltweit erste zugelassene Netzhautprothese und wurde bislang bei 130 Patienten mit Retinitis pigmentosa implantiert. Manche Patienten verwendeten das System bereits seit mehr als sieben Jahren. Das Implantat hält nach Angaben des Unternehmens derzeit den NUB1-Status in Deutschland. Das heißt, die Kosten für diese Behandlung werden derzeit von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Mehr dazu im Internet:

© medizintechnologie.de/lp

Das könnte Sie auch interessieren

Insulinpumpe hilft

Am Montag sprach sich die Deutsche Diabetes Gesellschaft erneut für die Insulinpumpentherapie für Patienten mit unregelmäßigen Blutzuckerwerten aus. Insulinpumpe hilft Weiterlesen