Innovationsfonds

Kaia Health Software GmbH : Auf der Überholspur

In weniger als einem Jahr gründen, eine medizinische App entwickeln, dafür das CE-Zertifikat bekommen, aus dem Innovationsfonds gefördert werden, den ersten Vertrag mit einer Krankenkasse so gut wie in der Tasche haben. Geht nicht? Doch. Das Münchner Start-up Kaia Health Software hat alles das geschafft. Und hat noch viel mehr vor.

Zu sehen ist ein Tisch mit Obstschale und Monitor um den das Kaia Team sitzt bzw. steht. Zu sehen sind von v.l.n.r.: Gabriel Thomalla, Manuel Thurner, Dr. Stephan Huber und Moritz
Das Kaia-Team (v.l.n.r.): Gabriel Thomalla, Manuel Thurner, Dr. Stephan Huber und Moritz Weisbrodt.

Kaia ist japanisch und heißt "Ort der Entspannung". So nennt ein Münchner Start-up seine App für Rückenschmerz-Patienten. Auch ihrem Unternehmen haben die drei Gründer - Konstantin Mehl, Manuel Thurner und Moritz Weisbrodt - diesen Namen gegeben.

Die kurze Gründungsgeschichte der Kaia Health Software GmbH kann allerdings nicht sonderlich entspannt verlaufen sein. "Wir haben im Mai einen Terminplan aufgestellt und sind diesem weit voraus", erzählt Moritz Weisbrodt. Und schiebt selbstbewusst hinterher: "Das ist für Start-ups eher selten." Insbesondere für Unternehmen, die digitale Lösungen für die Gesundheitsversorgung anbieten. Auf dem Markt tummeln sich viele Start-ups, die aus dem IT-Sektor kommen. Nicht wenige scheitern an den umfangreichen regulatorischen Anforderungen für Medizinprodukte und zeitraubenden Verhandlungen mit Krankenkassen.

Nicht so Kaia. Anfang des Jahres wusste das Team lediglich, dass sie zusammen eine App entwickeln und auf den Markt bringen wollten. Ein Lieferdienst für Medikamente stand ebenso zur Debatte wie eine App, über die Blumensträuße bestellt werden sollten. Herausgekommen ist eine Anwendung für Menschen mit chronischen Rückenschmerzen. Die App ist als Medizinprodukt CE-zertifiziert, wird über den Innovationsfonds gefördert, und der erste Selektivvertrag mit einer Krankenkasse ist so gut wie unter Dach und Fach. "Dann wird das Ganze sicher noch einmal an Fahrt aufnehmen", freut sich Moritz.

Start-up-Atmosphäre, wie sie im Buche steht

Der Wahlmünchner sieht aus wie der Inbegriff eines jungen, aufstrebenden Gründers: gepflegter Dreitagebart, dunkelblondes, zurückgegeltes Haar, sportlich schlank. Konstantin Mehl ist beim Gespräch mit Medizintechnologie.de nicht dabei, sondern in Asien auf der Suche nach potenziellen Geschäftspartnern. Manuel Thurner sitzt nebenan im Coworking Space - wie Gemeinschaftsbüros auf Neudeutsch heißen - und haut auf die Tastatur seines Computers ein. Seit März können sie die Räume im Burda-Haus im Münchner Arabellapark nutzen. Das Medienunternehmen hat eine Etage für Start-ups eingerichtet, das sogenannte Burda Bootcamp. Große helle Räume, bunte Sitzsäcke, klischeehafter Weise gibt es sogar eine Tischtennisplatte und einen Tischkicker. Um dorthin zu kommen, musste das Kaia-Team lediglich einen Wettbewerb gewinnen. Bislang seine leichteste Übung.

Eine App gegen die Volkskrankheit Nummer 1

Wieso geht das alles so schnell? Zum einen haben die Kaia-Gründer den Nerv der Zeit getroffen. Es gibt kaum einen Deutschen, der nicht mindestens einmal in seinem Leben über Rückenschmerzen klagt. In den Industrienationen sind Probleme mit dem Kreuz der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Deutschland bildet da keine Ausnahme: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren 2014 Rückenschmerzen - nach Hüft- und Kniegelenkarthrose - der dritthäufigste Grund für stationäre Aufenthalte in Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen. Die Operationszahlen an der Wirbelsäule schießen seit Jahren rasant in die Höhe. Die Kostenträger suchen händeringend nach Behandlungsalternativen: Patienten sollen nicht mehr so schnell unters Messer kommen, die angespannten Kassen entlastet werden.

Zum anderen haben sich die Jungunternehmer gründlich beraten lassen, was alles dazugehört, um ein Medizinprodukt auf den Markt zu bringen. "Zeitaufwendig sind ja vor allem die Rückläufe, wenn man etwas nachreichen muss", erzählt Moritz, "das wollten wir uns sparen und haben uns deshalb vorher ganz genau erkundigt, was wir wo vorlegen müssen."

Multimodale Schmerztherapie - kein Hexenwerk

Klingt plausibel. Dennoch ist überraschend, dass das Kalkül der Gründer so gut aufgegangen ist. Vielleicht, weil hinter all der Geschäftstüchtigkeit auch eine persönliche Geschichte steckt. Konstantin litt selbst jahrelang unter Rückenschmerzen. Lief von Arzt zu Arzt und war während seines Studiums in den USA kurz davor, in ein Spine Center zu gehen und sich operieren zu lassen. Landete stattdessen in einem multimodalen Schmerzzentrum und ging nach sechs Wochen ohne chirurgischen Eingriff schmerzfrei nach Hause.

„Hexenwerk ist das alles nicht“, dachte er. Dennoch sind multimodale Schmerzzentren auch in Deutschland dünn gesät. Weder gibt es ausreichend Schmerztherapeuten, noch ist die konservative Behandlung von Rückenschmerzpatienten für ein Krankenhaus besonders ertragreich. ‚Wenn wir es schaffen, mit einer App diese Lücke zu schließen, könnten wir Erfolg haben‘, überlegten sich Konstantin, Manuel und Moritz. Und machten sich an die Arbeit.

Kennengelernt hatten sie sich im Jahr zuvor. Konstantin hatte schon zweimal gegründet: erst einen Blumen-Lieferdienst, dann zusammen mit Manuel die App-basierte Restaurant-Lieferplattform Foodora. Moritz absolvierte im Rahmen seines BWL-Masterstudiums ein Praktikum bei Rocket Internet. Er war dabei, als Rocket bei Foodora einstieg. Mittlerweile hat der Internet-Riese Foodora an Delivery Hero weitergereicht. Aus einem solch schnelllebigen Umfeld kommen also die Erfinder von Kaia. Sie machen genauso schnell weiter.

Edukation, Training, Entspannung – Kaia eben

In ihrer Kaia-App brechen sie die multimodale Schmerztherapie auf ein handliches Handy-Format herunter. Die Therapie ruht auf drei Säulen: Edukation, Training und Entspannung. Edukation meint Information und Aufklärung der Patienten zu ihrem Krankheitsbild, das Training umfasst gymnastische Übungen, die die Rückenmuskulatur stärken sollen, und im Entspannungsteil lernen die Nutzer loszulassen. Weil Rückenschmerzen oft körperlicher Ausdruck für seelische Probleme, also psychosomatischer Natur sind, schreibt die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz diesem Part große Bedeutung zu. "Wir vermeiden es aber, irgendwo von 'Psycho' zu sprechen´. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Patienten diesen Teil sonst nicht nutzen, weil sie es als Eingeständnis betrachten, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmt", erklärt Moritz.

Nach jedem Durchgang können die Patienten Fragen beantworten: War die Übung zu leicht, unangenehm, ist der Schmerz am Abend nach dem Training besser? Die App passt die nachfolgenden Trainingseinheiten an die Antworten an, macht aus allgemeiner Rückengymnastik also nach und nach eine individualisierte Therapie. Die Kaia-Macher nutzen die Antworten, um die App fortwährend weiterzuentwickeln. Für Krankenkassen sind diese Daten ein wertvoller Hinweis auf den Erfolg der Behandlung.

Refinanzierung über Direktvertrieb und (bald auch) Krankenkassen

Patienten können Kaia im AppStore oder bei Google Play herunterladen. 2.500 Nutzer haben das bereits getan. Die ersten sieben Tage sind kostenlos, danach schlägt die weitere Verwendung mit 14,99 Euro pro Monat zu Buche. In einer Studie mit 1.000 Probanden wollen die Kaia-Macher die Wirksamkeit ihrer App unter Beweis stellen. Demnächst startet an einem Schmerzzentrum einer privaten Klinikkette ein Pilotprojekt, in dessen Rahmen Kaia in die Krankenhaustherapie integriert werden soll. Auch am Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München ist Kaia bereits im Einsatz – in der Neurologischen Klinik unter Leitung von Professor Thomas Tölle. Das mit ihm gestartete Projekt gegen Rückenschmerzen hat den Zuschlag für den Innovationsfonds bekommen. Mit im Boot sind die AOK Bayern, das inav – Institut für angewandte Versorgungsforschung, die Bayerische TeleMedAllianz, die StatConsult IT-Service GmbH und das Medizinische Versorgungszentrum Algesiologogikum in München.

Mittlerweile sind weitere Mitarbeiter an Bord. Der Orthopäde Dr. Stephan Huber hat der Klinik den Rücken gekehrt und ist als Chief Medical Officer bei Kaia für die medizinischen Inhalte, Studien und die Leitlinientreue verantwortlich. „Außerdem braucht man einen Mediziner an Bord, um in Verhandlungen mit Kostenträgern respektiert zu werden“, berichtet Moritz. Gabriel Thomalla wertet die Daten aus, die über die App gesammelt werden, verantwortet das Online-Marketing und führt Feedbackgespräche mit Kaia-Nutzern. „Aber eigentlich macht jeder alles.“

Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht

Ein vollgepacktes Jahr liegt hinter den jungen Unternehmern. Zwischendurch hat sich das Start-up beim German Accelerator Tech beworben und den Zuschlag für einen mehrmonatigen Aufenthalt in New York erhalten. Der Accelerator ist eine Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums, die jungen Unternehmen den Weg in internationale Märkte ebnen will. Im Dezember steht noch die Qualitätsmanagement-Zertifizierung an. Die App bekommt derzeit ein neues Design, und Manuel ist es gelungen, eine Webcam so zu konfigurieren, dass sie dreidimensionale Bewegungsmuster erkennen kann. Damit wäre es theoretisch möglich, dem Patienten während des Trainings Rückmeldung zu geben, ob er die Übungen richtig ausführt. Außerdem suchen die Gründer gerade ein neues Büro. Die Zeit im Burda Bootcamp neigt sich dem Ende zu.

Ruhiger wird es danach nicht. Das Kaia-Prinzip müsse ja nicht auf Rückenschmerz-Patienten beschränkt bleiben, sondern könne eigentlich an alle möglichen Krankheitsbilder angepasst werden. "Wir haben die Vision, dass Kaia eine Art digitaler Pharma-Konzern wird, bei dem Krankenkassen sich die Therapie einkaufen können, die sie ihren Patienten gern anbieten möchten", erklärt Moritz. Warum sich kleine Ziele stecken, wenn es immer noch rasanter geht?

Kaia im Internet:

© Medizintechnologie.de/eh

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