InnovationsLOTSE

Von der Idee zum Medizinprodukt

Post-Market Surveillance (PMS)

Hersteller von Medizinprodukten sind dazu verpflichtet, ein systematisches Marktüberwachungsprogramm (Post-Market Surveillance, PMS) als Teil des Qualitätsmanagements einzurichten. Ein solches PMS-System ermöglicht es ihnen, routinemäßig die klinische Wirksamkeit und Sicherheit der im Markt befindlichen Produkte zu überprüfen und erforderliche Korrekturen in geeigneter Weise zu veranlassen. Die Anforderungen an das PMS sind aktuell auf europäischer Ebene in Richtlinien festgehalten und werden langfristig mit der neuen EU-Verordnung zu Medizinprodukten verschärft.

Die Umsetzung eines PMS-Systems muss auf der Basis der europäischen Richtlinien RL 93/42/EWG und RL90/385/EWG erfolgen und ist auf dem neuesten Stand zu halten. Der Hersteller wird diesbezüglich von den Behörden überwacht. In den aktuellen Richtlinien selbst findet sich keine Definition des Begriffs PMS und auch keinerlei Vorgaben zum PMS-System. Dennoch steht der Begriff Post-Market Surveillance für alle Aktivitäten, die ein Hersteller durchführt, um Daten zu seinen Produkten nach Inverkehrbringen zu sammeln und zu bewerten. Mit der neuen EU-Verordnung zu Medizinprodukten werden künftig mehr Vorgaben zur Umsetzung der PMS gemacht (siehe: Ausblick).

Die europäischen Richtlinien werden durch die Norm zum Qualitätsmanagementsystem (ISO 13485, 2016, nachfolgend QM-System genannt) ergänzt. Diese fordert, dass im Rahmen der Post-Market Surveillance die Sicherheit und Wirksamkeit des QM-Systems zusätzlich überprüft wird. PMS wird dadurch zu einem verpflichtenden Bestandteil des QM-Systems.

Über die Norm zum Risikomanagementsystem (ISO 14791, 2012) wird diese Vorgabe weiter spezifiziert. Sie verpflichtet den Hersteller, nicht nur gezielt nach Risiken oder Problemen zu suchen, sondern auch Informationen in die Risikoanalyse einfließen zu lassen, die helfen,

  • für bereits bekannte Risiken die Angaben zu Wahrscheinlichkeit und Schweregrad des Auftretens zu überprüfen,
  • die Vollständigkeit der bisher bekannten Risiken zu verifizieren und
  • das ermittelte Nutzen-Risiko-Verhältnis bzw. die Risikoakzeptanzkriterien zu überprüfen.

Ziele des PMS

Hersteller müssen im Rahmen der initialen Konformitätsbewertung zeigen, dass ihre Produkte die grundlegenden Anforderungen an Sicherheit und Leistungsfähigkeit erfüllen und von ihren Produkten keine unvertretbaren Risiken ausgehen. Häufig treten Probleme oder Risiken jedoch auf, nachdem das Produkt schon einige Zeit oder bei einer größeren Zahl von Patienten im Einsatz gewesen ist.

Ziel des PMS ist es aus diesem Grund, solche Risiken und Komplikationen systematisch zu identifizieren,

  • die Sicherheit und Leistungsfähigkeit der im Markt befindlichen Produkte systematisch zu überprüfen (beispielsweise die Langzeitsicherheit und -leistungsfähigkeit),
  • fehlerhafte Produkte und bisher unbekannte Sicherheitsprobleme (beispielsweise Fertigungsprobleme, Probleme mit der Produktqualität) kontinuierlich zu ermitteln,
  • Anwendererfahrungen zu überprüfen,
  • die bisher durchgeführte Nutzen-Risikoanalyse zu verifizieren und
  • gegebenenfalls  erforderliche korrektive und präventive Maßnahmen einzuleiten. 


Mithilfe eines PMS-Systems kann der Hersteller diese Ziele erreichen und über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg sicherstellen, dass das Medizinprodukt keine unkontrollierten Risiken birgt, die Patienten oder Anwender gefährden.

Umsetzung des PMS-Systems in der Praxis

Der Hersteller ist für die gesamte Entwicklung, Etablierung, Implementierung, Funktionalität und Umsetzung des Post-Market Surveillance-Systems verantwortlich.

Um im Rahmen des PMS routinemäßig die klinische Wirksamkeit und Sicherheit des Produkts sowie die Anwendererfahrungen mit dem Produkt überprüfen zu können, muss der Hersteller für jedes seiner Produkte bzw. für jede Produktfamilie eine richtlinienkonforme Strategie erarbeiten. Die PMS-Strategie beschreibt, welche Art von PMS-Daten gesammelt und bewertet wird. Dabei sind gemäß den Richtlinien für Medizinprodukte (RL 93/42 EWG und RL 90/385/EWG) die Art des Produkts und die vom Produkt ausgehenden Risiken zu berücksichtigen. Das PMS-System sollte dazu in einem angemessenen Verhältnis stehen – also einerseits dem jeweiligen Produkt bzw. der jeweiligen Produktfamilie angepasst, andererseits aber auch einfach umsetzbar sein.

Bei der Strategieentwicklung sollte der Hersteller berücksichtigen,

  • ob das Produkt oder die Technologie neuartig ist,
  • welche wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Produkt vorliegen (beispeilsweise Erfahrungen bezüglich Langzeitsicherheit und/oder -leistungsfähigkeit, Restrisiken), bzw.
  • wie der Stand der Technik und die Erfahrungen von vergleichbaren Produkten und Technologien im Markt sind, oder
  • welche Erwartungen die Anwender haben.


Hersteller, die bereits Vorgängerprodukte in Verkehr haben, verfügen in der Regel über ausreichende Erfahrungen zu diesen Fragen. In solchen Fällen reicht häufig ein strukturiertes Monitoring der Literatur (siehe Tabelle 1) nach definierten Kriterien aus, um das Sicherheitsprofil der Produkte zu überprüfen.

Ist das Produkt oder die Technologie hingegen neu, verfügen die Hersteller zum Zeitpunkt des Inverkehrbringens häufig nur über sehr wenige Informationen zum Einsatz ihres Produkts. Erfahrungswerte in der Anwendung in bestimmten Patienten-/ Anwender-Subgruppen oder zur Langzeitsicherheit und -leistungsfähigkeit fehlen zumeist. Daten dieser Art sind jedoch essenziell für die Bewertung der Sicherheit und Leistung des Produkts und sollten im Rahmen des PMS-System aufgebaut, gesammelt und analysiert werden.

Die PMS-Strategie ist in einem sogenannten PMS-Plan zu beschreiben, der im Rahmen der Zertifizierung von der Benannten Stelle geprüft wird. In diesem PMS-Plan sollten auch die innerhalb des Unternehmens mit dem Thema befassten Abteilungen und Mitarbeiter (beispielsweise der Sicherheitsbeauftragte, der Medizinprodukteberater, das Kundenserviceteam, Außendienstmitarbeiter, die Entwicklungsabteilung, der Risikomanager, das Management) sowie die entsprechenden Händler definiert sein. Für diesen Personenkreis sind zudem die Zuständigkeiten und Tätigkeitsfelder zu beschreiben. Dazu gehören unter anderem das Sammeln, die Analyse, die Bewertung der Daten sowie das Ergreifen von korrektiven und präventiven Maßnahmen im Rahmen des Risikomanagements. Die Verantwortlichen sind entsprechend ihrer Aufgaben zu trainieren. Das Training ist ebenfalls zu dokumentieren.

Erfassung der PMS-Daten

Daten können im Rahmen des PMS sowohl auf reaktive als auch auf proaktive Weise gesammelt werden. Idealerweise setzt sich ein PMS-System – je nach Zielsetzung und Produkt – aus beiden Elementen zusammen. Beispiele hierzu sind in Tabelle 1 zusammengefasst.

Bewertung von Reklamationen oder sonstigen Rückmeldungen aus dem Markt (zum Beispiel Negativinformationen)

 

Tabelle1: Beispiele für ein proaktives und reaktives PMS-System
Reaktive PMS MaßnahmenProaktive PMS Maßnahmen
Bewertung von Reklamationen oder sonstigen Rückmeldungen aus dem Markt (zum Beispiel Negativinformationen) Kunden- und Anwenderbefragung, Befragung medizinischer Fachkreise
Bewertung von ServiceberichtenProduktnachverfolgung (zum Beispiel Implantatregister)
Vigilanz-Reporting (Vorkommnismeldungen, Rückrufe, Maßnahmenempfehlungen)Innerbetriebliche Produktprüfung (routinemäßig)
Dokumentation der Beobachtungen von Mitarbeitern Klinische Nachbeobachtung
(Post-Market Clinical Follow-up, PMCF)
Überprüfung/Bewertung der wissenschaftlichen Literatur und Datenbanken
Fehleranalyse

 

 

Ein zentrales Element des PMS ist dabei derzeit die reaktive Marktüberwachung seitens des Herstellers. Diese schließt das Vigilanz-Reporting (gemäß MEDDEV 2.12-1), die Bewertung von Kundenreklamationen (gemäß ISO 13485) sowie die kontinuierliche Literatur- und Datenbankrecherche ein und darf im PMS-System eines Herstellers nicht fehlen. Denn gemäß den Richtlinien für Medizinprodukte (MDD 93/43 EWG, Anhang VII, AIMDD 90/382/EWG) ist ein Hersteller verpflichtet, die zuständigen Behörden nach Kenntnisnahme unverzüglich über Vorkommnisse zu unterrichten.

Inwieweit proaktive PMS-Aktivitäten erforderlich sind, hängt vom Ergebnis der klinischen Bewertung ab, die im Zuge des initialen Konformitätsbewertungsverfahrens durchgeführt worden ist. Existieren etwa nicht ausreichend Daten zur Langzeitsicherheit eines Produkts oder liegen Restrisiken vor, die das Nutzen-Risiko-Verhältnis möglicherweise negativ beeinflussen können, sind diese über systematische PMCF-Studien (gemäß der MEDDEV 2.12.2, 2016 zum Post-Market Clinical Follow-up, PMCF) zu untersuchen und zu bewerten. Werden PMCF-Studien für nicht erforderlich gehalten, so ist dies im PMS-Plan entsprechend zu dokumentieren und zu begründen.

Die Analyse und Bewertung der PMS-Daten ist Teil des Risikomanagementprozesses und sollte in regelmäßigen Abständen vom Hersteller durchgeführt werden. Idealerweise erfolgt die Bewertung im Rahmen des offiziellen Management Reviews (gemäß ISO 13485).

In welchem Intervall die PMS-Daten analysiert werden, ist im PMS-Plan anzugeben. Hier ist in Abhängigkeit von der PMS-Aktivität zu dokumentieren, ob die Analysen bezogen auf einen Zeitpunkt/Zeitintervall (zum Beispiel einmal im Jahr, vierteljährlich, jeden zweiten Montag im Monat) oder anlassbezogen (etwa bei Vorliegen einer Vorkommnis-Meldung oder bei einem gemeldetetn Gerätedefekt) erfolgen.

Die Analyse und Bewertung der PMS-Daten selbst sollte sowohl patienten- als auch produktorientiert durchgeführt werden und alle Informationen einbeziehen, die aus den PMS-Aktivitäten zur Verfügung stehen. Dies muss unabhängig davon  geschehen, ob die Informationen neu oder mit bereits vorhandenen Daten vergleichbar sind.

Beispielsweise kann die Auswertung von Kundenreklamationen dem Hersteller Informationen darüber liefern, ob von Medizinprodukten bisher nicht bekannte Risiken ausgehen, auf die mit einer Vorkommnismeldung und risikominimierenden Maßnahmen reagiert werden muss. Treten Vorkommnisse auf, können diese ein Indiz dafür sein, dass Fertigungsprobleme existieren oder am Design des Produkts etwas zu verändern ist. Häufen sich derartige Risiken, kann dies Einfluss auf das Nutzen-Risiko-Verhältnis haben.

Die Analyse solcher Informationen sowie die daraus resultierenden Schlussfolgerungen sollten detailliert und nachvollziehbar dargestellt werden.

Die Erkenntnisse aus dem PMS sind in die technische Dokumentation aufzunehmen (beispielsweise Fertigungsunterlagen, Risikomanagementakte, Bericht zur klinischen Bewertung, Gebrauchsanweisung) und dort entsprechend zu berücksichtigen. Sie tragen im Rahmen des Risikomanagements zur Reevaluierung von Risiken und Nutzen bei oder können korrektive Maßnahmen am Medizinprodukt nach sich ziehen. Im Zuge der klinischen Bewertung helfen die Daten, die klinische Sicherheit und Leistung der Produkte – nach Inverkehrbringen – zu bestätigen.

PMS ist deshalb als ein kontinuierlicher Prozess anzusehen, der dem Hersteller hilft, die Qualität, Sicherheit und Leistung seiner Medizinprodukte fortlaufend zu verbessern.

Ausblick

Mit der neuen EU-Verordnung zu Medizinprodukten (Medical Device Regulation, MDR), die die Richtlinien (RL 93/42/EWG und RL90/385/EWG) ersetzen wird, gibt es für Hersteller erstmals eine verbindliche Vorschrift, wie das Post-Market Surveillance (PMS) durchzuführen ist und welche Dokumente mit welchem Inhalt im Rahmen des PMS zu erstellen sind:

  • Kapitel VII: Überwachung nach dem Inverkehrbringen (Post-Market Surveillance), Vigilanz und Marktüberwachung
  • Anhang IIa: Technische Dokumentation über die Überwachung nach dem Inverkehrbringen
  • Anhang XIII Part B: Klinische Weiterverfolgung nach dem Inverkehrbringen (Post-Market Clinical Follow-up).

Bislang verließen sich die Hersteller von Medizinprodukten überwiegend auf ein reaktives Monitoringsystem, das überwiegend auf das Vigilanz-Reporting und die Bewertung von Kundenreklamationen gestützt ist. Mit der neuen MDR implementieren die Behörden erstmals Mechanismen für eine proaktive Marktüberwachung, die dafür sorgen sollen, die Qualität, Sicherheit und Leistung der Produkte kontinuierlich über den Produktlebenszyklus hinweg zu überprüfen. Dadurch sollen Risiken in der Phase nach dem Inverkehrbringen so früh wie möglich vom Hersteller erkannt und eingedämmt sowie die Produkte kontinuierlich verbessert werden, um Patienten und Anwender nicht zu gefährden und einen bestmöglichen klinischen Nutzen zu bieten.

Die Expertin

Dr. Andrea Röthler

GKM Gesellschaft für Therapieforschung mbH