InnovationsLOTSE

Von der Idee zum Medizinprodukt

Versorgungsanalyse

Eine Versorgungsanalyse beschreibt und bewertet die Versorgung der Bevölkerung hinsichtlich diagnostischer und therapeutischer Verfahren bei ausgesuchten Krankheitsbildern. Für Innovatoren, die ein Medizinprodukt für den deutschen Markt entwickeln, ist die Versorgungssituation in Deutschland ausschlaggebend. Werden andere Zielländer anvisiert, ist das Augenmerk auf den entsprechenden Markt zu lenken.

In die Versorgungsanalyse spielen sowohl epidemiologische Aspekte als auch Fragen versorgungsbezogener Strukturen und Prozesse hinein. Vor allem die Epidemiologie ist von entscheidender Bedeutung – geht es doch darum abzuschätzen, welche und wie viele Patienten von der Erkrankung betroffen sind, bei deren Behandlung das neue Produkt bzw. Verfahren zum Einsatz kommen soll. Auch die Organisation der medizinischen Versorgung sollte betrachtet werden; vor allem dann, wenn die Produktinnovation hauptsächlich darauf abzielt, die Therapieergebnisse zu verbessern, indem das neue Produkt eine effizientere Gestaltung der Behandlungsabläufe und damit auch eine Senkung der Kosten verspricht.

Ziel einer Versorgungsanalyse

Die Versorgungsanalyse liefert die maßgeblichen Argumente für oder auch gegen eine Produktinnovation. Auf ihrer Grundlage allein kann das gesundheitsökonomische Potenzial eines neuen Produktes abgeschätzt werden. Wenn beispielsweise sehr viele Menschen von einem bestimmten Krankheitsbild betroffen sind oder in Zukunft betroffen sein werden und die medizintechnische Innovation dazu beiträgt, dass sich die Lebensqualität der Patienten aufgrund der Behandlung bessert (und zwar in stärkerem Maße als aufgrund anderer medizintechnischer Lösungen), dann besteht offensichtlich ein Bedarf, den die Innovation decken kann. Im für den Produktentwickler günstigsten Fall besteht sogar eine Versorgungslücke, gibt es also noch keine medizinische/medizintechnische Lösung für die Indikation, auf die das Produkt abzielt. Anders ausgedrückt: Nur wenn es gelingt, einen Bedarf aufzuzeigen, den das innovative Produkt zu decken vermag, besteht die Aussicht darauf, das Produkt gewinnbringend am Markt zu platzieren.

Hinweise für die Recherche

Einen Überblick über medizinische Versorgungsbereiche kann man sich mithilfe epidemiologischer Maßzahlen verschaffen. Epidemiologische Maßzahlen geben Aufschluss darüber, wieviele Menschen erkrankt (Prävalenz) und wieviele Neuerkrankungen künftig zu erwarten sind (Inzidenz). Datenquellen sind etwa das Statistische Bundesamt oder die Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Die International Classification of Functioning (ICF) der Weltgesundheitsorganisation – zu deutsch: die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit – ermöglicht es, die Folgen einer Erkrankung für die Betroffenen zu beurteilen. Sie kann auf der Internetseite des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) online recherchiert, als PDF heruntergeladen oder als kostenpflichtige Printausgabe im DIMDI-Shop bestellt werden. Auch die Daten der Rentenversicherung, zum Beispiel zu Erwerbsminderungsrenten, geben Aufschluss über Krankheitsfolgen. Die Krankenkassen sammeln und analysieren in ihren jährlichen Gesundheitsreports Daten, aus denen ersichtlich wird, wie häufig Patienten medizinische Leistungen nachfragen bzw. in Anspruch nehmen. Interessant sind auch Daten zur Patientensicherheit aus Qualitätsberichten der Krankenhäuser, Registern sowie klinischen und qualitativen Studien, sofern diese zugänglich sind.

Schlussfolgerungen aus der Versorgungsanalyse

Aus der Versorgungsanalyse kann abgeleitet werden, in welchem Maße die Produktinnovation an Patienten zum Einsatz kommen könnte. Sie liefert also die Grundlage dafür, ob es einen medizinischen Bedarf für die Produktinnovation gibt oder nicht.

Ein begründeter medizinischer Bedarf ist zum einen für die eigene Bilanz wichtig – Geld lässt sich nur mit einem Produkt verdienen, das auch tatsächlich gebraucht wird. Zum anderen liefert er das Hauptargument, wenn externe Kapitalgeber überzeugt werden sollen, die Entwicklung des Produktes mitzufinanzieren – egal, ob es sich um private Geldgeber handelt oder ob ein Antrag auf Forschungsförderung gestellt werden soll. Auf Grundlage der Zahlen aus der Versorgungsanalyse kann abgeleitet werden, in welchem Maße die Produktinnovation in der medizinischen Behandlung eingesetzt werden wird bzw. wie es die medizinische Versorgung erleichtert und kostengünstiger machen kann. Dieses gesundheitsökonomische Potenzial sollte man auch für spätere Verhandlungen mit den Kostenträgern im Blick haben. Wenn es nämlich darum geht, ob das Produkt bzw. das damit zusammenhängende Verfahren in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aufzunehmen, ist es für die Kostenträger von entscheidender Bedeutung, inwiefern das Produkt einen medizinischen Nutzen für die Patienten aufweist oder aber etablierte Verfahren ergänzen oder sogar ablösen könnte, weil es die GKV-Ausgaben mindert.

Die Expertin

Jana Ehrhardt-Joswig

Redakteurin bei Medizintechnologie.de