Markus Rehm : Der von Olympia träumt

Weitspringer Markus Rehm ist Top-Leichtathlet, Paralympics-Sieger – und Orthopädietechniker. Im Sport und in seiner Arbeit geht er gerne an Grenzen und darüber hinaus. Zu gerne würde er bei Olympia antreten. Das wurde ihm bislang verwehrt.

Ein Mann mit rotem T-Shirt, schwarzer dunkler Hose und einer gelben Sprint-Prothese läuft von links nach rechts durch das Bild. Wassertropfen spritzen auf. Der Hintergrund ist dunkles Meer mit Abendhimmel zu sehen. Ganz links im Bild ist ein großer Lichtpunkt zu sehen.
Auf dem Sprung nach Olympia... Zu gern würde Markus Rehm trotz Prothese unter den Ringen antreten. Dafür trainiert er intensiv - unter anderem auf Lanzarote.

Die Verheißungen hängen groß und bunt an den Wänden: „Osaka 2007“ steht auf einem Plakat, auf einem anderen: „Auf zu goldenen Momenten – London 2012“. Anzeigetafeln listen Namen von Rekordathleten auf: Carlo Thränhardt, Heike Henkel, Dieter Baumann. Noch ist es leer in der Fritz-Jacobi-Halle in Leverkusen, der Sporthalle, in der sie alle trainiert haben. Ein leicht abgestandener Geruch liegt in der Luft, nach Hartgummi, nach Anstrengung, nach Schweiß.

„Mittags ist hier wenig los“, sagt Markus Rehm, der fast auf die Sekunde pünktlich zum verabredeten Termin um die Ecke biegt. Gut gelaunt, munter, die Sporttasche geschultert. „Heute Morgen waren mehr Leute hier.“ Natürlich war er einer von ihnen, hat trainiert, zwei Stunden, seine „erste Einheit absolviert“, wie er es nennt. Zweimal täglich, morgens und abends, rennt, sprintet, springt er. „Einmal die Woche mache ich außerdem lange Tempoläufe, die sind recht hart.“

Mehrfacher Weltmeister und Rekordhalter

Markus Rehm ist Leistungssportler, einer der schnellsten, einer, der am weitesten springt: Im vergangenen Sommer holte er bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London zweimal Gold: erster Platz im Weitsprung, erster Platz in der 4x100-Meter-Staffel. Ein Jahr zuvor war er es, der beim Einmarsch ins olympische Maracanã-Stadion in Rio die deutsche Flagge schwenkte. Auch hier erkämpfte er sich die Goldmedaille in seinen zwei Stammdisziplinen. 2015 sprang er bei der WM in Katar über eine Distanz von 8,40 Metern, so weit wie nur wenige vor ihm – und bislang niemand nach ihm.

Diese Leistungen machten ihn bekannt. Doch in die Medien brachte den 29-Jährigen zuletzt vor allem ein ganz persönlicher Kampf: der Kampf um Olympia. Denn all die Rekorde fuhr der Spitzensportler auf paralympischen Wettbewerben ein. Eine Beinprothese, die er seit einem Sportunfall im Jahr 2003 trägt, verweist ihn ins Camp der Behindertensportler. Die meisten Wettstreite der Unversehrten sind ihm bislang verwehrt.

Hemmnis oder Booster?

Rehm schreibt Briefe, bittet um Stellungnahmen. Er will in Rio mitlaufen, mitspringen – mit denen, die kein Handicap haben. Kern der Debatte ist nicht der Punkt, dass er dort nicht mithalten könnte. Sondern die Frage: Macht die Prothese ihn womöglich schneller als nichtbehinderte Sportler? Ist sie vielleicht weniger ein Hemmnis als vielmehr ein Booster? 13 Zentimeter, heißt es in einer Studie, springen Prothesenträger weiter. „Doch weiter als wer?“, fragt Rehm. „Wie legt man diese 13 Zentimeter fest, wer ist hier die Referenz? Ich selbst? Ein anderer Athlet?“

Meister der Orthopädietechnik

In den Diskussionen, Studien und Untersuchungen, die Rehm zum Teil selbst in Auftrag gibt, geht es um Motorik und Sensorik im Fuß. Um das besondere Gespür, das manche Sportler mit Handicap für ihre Prothese haben. Aber auch um das Eigengewicht der Prothese. „Da musste ich in meiner eigenen Studie aufpassen“, sagt Rehm. Musste die Studienleiter, ein Team aus japanischen Wissenschaftlern, darauf hinweisen, das Gewicht des Zubehörs wie den Silikon-Liner und die Kniekappe mitzurechnen.

Rehm kämpft nicht den Kampf eines Anwenders, eines Laien. Er kämpft den Kampf eines Fachmanns: Er ist ausgebildeter Orthopädietechniker, hat 2012 seinen Meister gemacht. „Das Hantieren mit Materialien, mit Technik“, sagt er, „das lag mir schon immer.“ Vielleicht wäre er Flugzeugbauer geworden oder sogar Flieger. Daran hatte er gedacht, als er 13, 14 Jahre alt war. Vor dem Unfall war das, in einem anderen Leben. „Aber was weiß man schon mit 14“, sagt er heute. Was er damals nicht ahnen konnte: Er, der ambitionierte Freizeitsportler, würde nach dem Sommerurlaub 2003 nur noch einen Unterschenkel haben. Eine Bootsschraube zerriss ihm im Main sein rechtes Bein, kurz nachdem er beim Wakeboarden ins Wasser gefallen war. Der Unterschenkel musste amputiert werden.

Das „neue Ding“ ist interessant

Wochen in der Klinik folgten. „Ich bin jetzt behindert“, ging ihm damals ständig durch den Kopf, und die Frage: „Ich muss doch jetzt nicht etwa diesen komischen Schwerbehindertenausweis tragen?“ Was ihm hilft, ist Abstand, Ruhe, langes Sitzen im Park, allein. Aber auch die Auseinandersetzung mit diesem „neuen Ding“, wie er es nennt, diesem Hilfsmittel aus Schaft und künstlichem Fuß. Der Orthopädietechniker, der ihn betreut, erkennt sein Talent. Vor allem Rehms Interesse an der Technik, seinen Drang, die Konstruktion genau verstehen und verbessern zu wollen, lässt den Prothetiker aufhorchen: Er lädt den Jungen ein, ihm bei einem Praktikum über die Schulter zu schauen.

Aus zwei Wochen Schnupperzeit im Sanitätshaus wird ein ganzer Monat, ein Ferienjob. Und schließlich eine Ausbildung. Schon im dritten Lehrjahr betreut Rehm die Unterschenkelabteilung komplett selbst.

„Ich denke schon, dass ich die Nöte der Kunden gut begreife.“

Heute arbeitet Rehm in Teilzeit bei einem Orthopädiefachhaus in Troisdorf. Er betreut dort bei flexiblen Arbeitszeiten mal 25, mal 30 Menschen. Größtenteils sind es ältere Menschen, die eine Gliedmaße vor allem aufgrund von Verschlusskrankheiten verloren haben. Doch manchmal sind auch Kinder und Jugendliche darunter, die bei einem Unfall Arm oder Bein verloren haben.

Ist Rehm ein anderer Versorger, weil er selbst ein Handicap hat? „Ich denke schon, dass ich die Nöte der Kunden gut begreife“, sagt er. Seine Aufgabe sei es ja nicht nur, Prothesen anzufertigen, sondern auch, die Kunden aufzubauen und darauf hinzuweisen, „was mit der Prothese noch alles so geht“. Regelmäßig fährt er zu Unfallopfern ins Krankenhaus, klärt sie auf, beantwortet Fragen. Und ist dabei sehr ehrlich: „Ich mache ihnen klar, dass ich keine Prothese bauen kann, die in zehn Jahren nicht einmal drückt.“ Und dass es auch mal kleine Haarwurzelentzündungen am Stumpf geben kann, die Schmerzen verursachen. „Dann sage ich: Hey, das kenne ich auch, da musst du durch.“

Und er versucht, gerade die jungen Patienten zum Sport zu bringen. Verhandelt auch mal hart mit den Kassen, wenn die sich bei der Finanzierung einer Sportprothese sträuben. „Sport zeigt doch den meisten erst, dass sie noch genau das machen können, was sie zuvor gemacht haben.“ Mit veränderter Technik, „aber es geht.“ Ohnehin habe er erkannt, dass es solche und solche Prothesenträger gibt. „Manche haben Talent, mit einer Prothese zu laufen, die lernen das ganz schnell, andere haben Schwierigkeiten damit.“ Mit Körpergefühl habe das etwas zu tun und mit Gespür für die Prothese. Wenn Rehm mit seiner Prothese auf einen Stein tritt, sagt er, kann er ziemlich genau bestimmen, ob der Stein unter seinem Schuh unterm Mittelfuß oder unterm Ballen liegt.

Die Prothese ist wie ein Körperteil

Längst ist sein Blick auf seine eigene Behinderung ein anderer. Er nimmt sie als selbstverständlich. Seine Prothese betrachtet er als Körperteil. „Andere Menschen sind besonders groß, klein, haben eine Brille, einen Leberfleck oder ein Tattoo“. Sein „besonderes Merkmal“ sei eben die Prothese. Insgesamt fünf einsatzbereite Gehhilfen habe er, zwei für den Alltag, eine wasserfeste zum Schwimmen, drei für seinen Sport. Statt mit einem Kunstfuß schließen diese mit einer Art Schwinge ab. Rehm nennt sie „Blade“.

Komplizierte Fälle sind die spannendsten

Die Technik immer weiter verbessern zu wollen, das treibt ihn an. Grenzen ausloten, auch die der Prothetik. In den vergangenen Jahren hat sich viel getan: Früher wünschten sich die Menschen eine Gehhilfe, die möglichst echt aussah. „In meiner Ausbildungszeit habe ich noch viele solcher Prothesen mit Verkleidung, oft hautfarbener, gebaut“, mittlerweile gebe es dafür kaum noch Bedarf. „Eine Prothese ist heute ein Modeaccessoire, wird oft lackiert, mit Strass-Steinen verziert.“ Spannender noch als das Design findet er die Konstruktion. Eine Lösung für komplizierte Fälle zu finden, das reizt ihn. Erst kürzlich hat er einen 2.500-Euro-Fuß bestellt, ihn zerlegt, die Ferse abgeschnitten und wieder neu zusammengebaut, weil ein Kunde eine spezielle Anfertigung brauchte. „Das war ein unkonventioneller Weg, ein Risiko, aber es hat funktioniert, und der Kunde ist heute wahnsinnig glücklich mit seiner Prothese.“

Auch an seinen eigenen Prothesen, reinen Serienprodukten, hat Rehm über die Jahre gearbeitet, den Schaumstoff in den Sohlen leicht abgeschliffen, sie fürs Springen optimiert, Einzelteile ausgetauscht. Hinter vorgehaltener Hand raunte sein Umfeld, er stünde länger in seiner Werkstatt und feile an seiner Sportprothese, als auf dem Sportplatz zu trainieren. Das Gerede landete in der Zeitung, ärgerte ihn. „Das ist völliger Blödsinn.“ Seit fünf Jahren habe er an seiner Sportprothese nicht viel verändert, „nicht mal die Sohle“. Er müsse doch mit „diesem Ding“ eins werden – „wie soll ich das machen, wenn ich es alle zwei Wochen verändere?“

„Ich kann viel weitergeben“

Die nächsten Etappen stehen klar vor ihm: die Deutschen Meisterschaften in Dortmund, im Sommer die Para-EM in Berlin. In der Werkstatt seines Teilzeitarbeitgebers in Troisdorf steht er nur noch selten. Er hat andere angelernt, sie in die Feinheiten der Prothesentechnik eingeführt. Zunehmend tritt er als Coach auf, referiert vor Managern über Selbstorganisation, Motivation. „Ich habe schließlich gelernt, mich selbst zu strukturieren, davon kann ich viel weitergeben.“

Einen seiner Sponsoren, einen isländischen Prothesenentwickler, berät er außerdem intensiver beim Feintuning der Produkte: „Wir wollen Prothesen entwickeln, die Gehandicapten den Zugang zum Sport erleichtern, weil sie schneller angelegt werden können, speziell für eine Sportart angefertigt sind, sie vielleicht speziell fürs Springen auslegen.“ Seine Augen leuchten, wenn er davon erzählt.

Und Olympia? „Reizt mich immer noch“, sagt er. Die Ergebnisse der japanischen Studie, die ihm den Zugang ermöglichen sollten, sind jedoch nicht signifikant genug. Es könne „nicht eindeutig ausgesagt“ werden, so heißt es im abschließenden Gutachten, ob Rehms Prothese ihm einen Vorteil verschaffe. Er will nicht falsch verstanden werden, er schätzt die Paralympics und den Spirit, der dort herrscht. „Aber dass man beide Veranstaltungen so voneinander trennt, die Ringe abnimmt, das Feuer löscht, bevor wir kommen, ist schade.“ Einmal bei Olympia antreten, ruhig in getrennter Wertung, das wünscht er sich noch immer.

Und dann geht er zum Spind, holt eine seiner Sportprothesen heraus und macht sich bereit fürs Training. Die zweite Einheit wartet. Auf zu goldenen Momenten.

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