XPOMET : Ganz oder gar nicht

Ein Jahr später als ursprünglich geplant, hat in Leipzig hat vom 21. bis 23. März 2018 die erste XPOMET stattgefunden. Das Warten hat sich gelohnt. 1.700 Besucher nahmen an der „Convention für Innovation und Hightech in der Medizin“ teil – keine schlechte Bilanz fürs erste Mal. Gründer Ulrich Pieper will mit dem neuen Format zeigen, was in der Medizin alles möglich ist. Sein Konzept hat Potenzial. Nächstes Jahr will er mit der „Convention für Innovation und Hightech in der Medizin“ nach Berlin.

Weder Messe noch Kongress, sondern alles auf einmal- das wollen die Macher der XPOMET.

Im Herzen von Leipzig, gleich neben dem Gondwana-Land des Zoos, liegt die Leipziger Kongresshalle. Von außen ein etwas schwerfälliger Bau aus der Gründerzeit, überrascht der Gebäudekomplex in seinem Inneren mit einer modernen, lichten Architektur. Ganz in Weiß mit viel Beton und Glas, bietet die Kongresshalle der ersten XPOMET eine atmosphärische und äußerst stilvolle Kulisse.

Als völlig neues Format haben die Veranstalter die „Convention für Innovation und Hightech in der Medizin“ im Vorfeld angekündigt. Als Event, das den Spirit und die innovative Kraft der Forschung an der Schnittstelle zwischen Medizin und Technik aufgreifen und sich deshalb weder in das Korsett einer Messe noch in den Rahmen eines Kongresses pressen lassen wolle. So erläutert XPOMET-Gründer Ulrich Pieper seinen ganzheitlichen Ansatz im Interview. Zum Termin in einem Café in Berlin Mitte erscheint der an die zwei Meter große Mittfünfziger mit Streifen-T-Shirt unterm schwarzen Jackett und großen Kopfhörern in der Hand. Das graumelierte Haar stachelt über der Stirn kühn nach oben: „Für diejenigen, die sich einen Überblick über medizinische Innovationen in Gänze verschaffen wollen, gibt es bislang kein passendes Angebot“, fasst er sein Konzept zusammen. Er wolle weder eine kleinere Medica ins Leben rufen noch dem Hauptstadtkongress Konkurrenz machen, wo die politischen Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems diskutiert werden.

„Ich will einfach zeigen, was alles möglich ist.“

Pieper ist von Haus aus Ingenieur für technischen Umweltschutz und Verfahrenstechnik. Auf das Thema hat er sich allerdings nie festnageln lassen. Seit über 20 Jahren ist er als Berater im Gesundheitswesen unterwegs, hat mehrere Unternehmungen gegründet – Joint Ventures unter anderem mit der Sana Gruppe und dem Rethmann Konzern. 12 Jahre lang war er Geschäftsführer von Rhenus Eonova, einem Unternehmen, das Krankenhäuser in Logistikfragen berät. Aktuell hat er sich an einem Medizintechnikunternehmen beteiligt, das ihn dann auch auf die Idee für die XPOMET gebracht hat. „Das war wie ein Schlag vor den Kopf“, erzählt er. „Ich dachte, ich bekomme es mit Hightech-Medizin zu tun.“ Von allem gab es aber immer nur ein bisschen – hier ein bisschen Bildgebung, da ein bisschen Monitoring, dort ein bisschen Robotik. „Das kann nicht alles sein“, dachte er und begann, sich in der medizinischen Forschung umzusehen. Und fand dort so viel mehr als in der tatsächlichen klinischen Anwendung. Diesem „viel mehr“ will er mit der XPOMET eine Bühne verschaffen.

Die Zukunft in den Blick nehmen

Seine Hoffnung: dass Politiker und Entscheidungsträger darauf aufmerksam werden und reagieren können. „Das deutsche Gesundheitssystem ist von einem großen Beharrungsvermögen geprägt“, bedauert er. „Wir schauen stolz zurück auf das, was wir geschafft haben, und verlieren darüber die Zukunft aus dem Blick.“ Die Zukunft der Medizin – das heißt für ihn: Heilung. Um das zu erreichen, müssten Innovationen vorfinanziert werden. Doch weil dazu niemand bereit sei, ziehen viele kluge Köpfe voller guter Ideen ab, beispielsweise in die USA, wo viele Investoren dafür sehr tief in die Tasche greifen.

Für die XPOMET haben er und sein Team 150 Sprecher aus der ganzen Welt zusammengetrommelt, „was die Kosten für die Veranstaltung immens in die Höhe getrieben hat“. Und haben sich für ein sehr offenes Ausstellungskonzept entschieden. Eine Aneinanderreihung von Ständen, an denen Hersteller ihre jeweiligen Produkte vorstellen, sucht man auf der XPOMET vergebens. Stattdessen sind 15 „Showcases“ aufgebaut. Einer ist dem Thema Notaufnahme gewidmet. Dort rettet ein Sanitäter einem Unfallopfer mit Herzstillstand mit einer Herz-Lungen-Maschine das Leben. Die Maschine zeichnet gleichzeig die Vitaldaten auf und generiert einen Verlegungsbrief für das Krankenhaus. Der Patient ist nicht echt, sondern eine Puppe. Die Abläufe im Showcase folgen einem Drehbuch, das eine Medizinerin geschrieben hat. Während der Puppe eine Infusion gelegt wird, ruft das Team einen Rettungshubschrauber. Dann ziehen sich Besucher und Fachleute zu einem dreistündigen Brainstorming zurück, das im Programm als „Think tank“ bezeichnet wird. Daneben gibt es zahlreiche Use-Case-Sessions, Workshops und Roundtables – alles Formate, die den Austausch fördern.

Ganz oder gar nicht

Es sei nicht einfach gewesen, die Aussteller von diesem Experiment zu überzeugen, erzählt Pieper. Ursprünglich wollte er mit der Convention schon vor einem Jahr an den Start gehen. Das hat nicht geklappt, „und das hat uns eine Menge Reputation gekostet.“ Aber er wollte sein Konzept lieber ganz oder eben gar nicht durchsetzen. Er sei mit einer großen Naivität an die Planung herangegangen, sagt er. Ein großes Stück davon habe er – leider – verloren. Wenn er die Erfahrungen, die er in den zurückliegenden zwei Jahren gesammelt hat, schon gehabt hätte, „dann hätte ich von dem ganzen Projekt die Finger gelassen.“ Viele haben ihn belächelt, nicht wenige haben gesagt: „Werdet erstmal groß, dann kommen wir vielleicht vorbei.“

Doch Piepers Konzept geht auf. Beim Gang durch die Ausstellungshallen stellt sich beim Besucher tatsächlich eine Idee davon ein, wie sie aussehen könnte: die Medizin der Zukunft. Zwar unterscheiden sich die ausgestellten Produkte gar nicht so sehr von denen, die auf anderen Messen gezeigt werden. Virtuelle Brillen, ein flackerndes Hologramm, der kleine Roboter Pepper – das gibt es alles auch auf der Medica. Doch die von Einzelständen losgelöste Präsentation und ihre Einbindung in die Showcases ist etwas völlig anderes und haucht der vielbeschworenen Digitalisierung der Medizin Leben ein, macht sie greifbar.

Durchgreifender Wandel

Den durchgreifenden Wandel, den die Medizin derzeit durchlebt, machen vor allem die zahlreichen Vorträge deutlich. Dr. Anthony Atala, der das Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in Winston-Salem, USA, leitet, spricht über seine Forschung in Sachen Gewebezüchtung. In nicht allzu ferner Zukunft wird man damit Ersatzorgane herstellen können. Er zeigt das Video eines jungen Mannes, dem eine biotechnologisch hergestellte Blase nach einer von Krankheit gezeichneten Kindheit eine normale Jugend beschert hat. Er stellt einen Körperscanner vor, der die Verletzungen eines Patienten aufzeichnet und direkt am Bett beschädigtes und fehlendes Gewebe in die Wunde druckt.

Wie Science Fiction mutet auch der Vortrag von Dr. Aubrey de Grey an, wissenschaftlicher Leiter der Sens Research Foundation in Mountain View, USA. Altern sei künftig nicht mehr gleichzusetzen mit Altwerden, sagt der Wissenschaftler. Denn Altwerden sei nichts anderes als die Summe aller Abnutzungsschäden, die die menschlichen Zellen im Zuge des Stoffwechsels erfahren. Diese Schäden könnten mit Methoden der regenerativen Medizin – Stammzelltherapie und Tissue Engineering – sowie bestimmten Medikamenten repariert werden.

Faszinierende Forschungsergebnisse

Auch deutsche Wissenschaftler stellen faszinierende Ergebnisse ihrer Arbeit vor. Dr. Dietmar Frey von der Charité in Berlin spricht über eine Anwendung, die mit künstlicher Intelligenz und durch Machine Learning das Risiko für Schlaganfälle vorhersagen und präventive Maßnahmen vorschlagen kann. Michael Sacilowski von der Sonovum AG präsentiert ein kleines Gerät, mit dem das Gehirn nicht-invasiv mit Hilfe des Schalls untersucht werden kann, um Erkrankungen in einem frühestmöglichen Stadium aufzuspüren. Dr. Christina Feldmann von der Medizinischen Hochschule Hannover stellt ein Telemonitoring-Projekt zur Fernüberwachung von Patienten vor, die mit einem Herzunterstützungssystem leben. Professor Tobias Moser spricht über seine Arbeit an einem Cochlea-Implantat, das Lichtimpulse zur Stimulation der Hörnerven nutzt. Die Nerven werden vorab mithilfe von Viren umprogrammiert, so dass sie Lichtimpulse wahrnehmen können. So wird ein wesentlich punktgenaueres Hörererlebnis ermöglicht. Professor Erwin Keeve stellt den vernetzten Hybrid-Operationssaal vor, den er an der Charité entwickelt.

Medizin zum Staunen

Das alles ist tatsächlich „Medizin zum Staunen“, wie sie vorab angekündigt war. Man würde den renommierten Rednern ein paar mehr Zuhörer wünschen – mit den insgesamt 1.700 Teilnehmern ist Pieper dennoch zufrieden. Zumal ihre Beteiligung an der Veranstaltung als sehr rege bezeichnet werden kann: Die Zuhörer fragen neugierig, auch kritisch, die Diskussionen verlaufen lebhaft.

In der Zeit, in der Pieper die XPOMET auf die Beine gestellt hat, mag er seine Naivität eingebüßt haben. Seinem Tatendrang scheint hat das keinen Abbruch getan zu haben. Ein Fortbestehen der Convention ist für die nächsten zwei Jahre gesichert. „Zur Not gehe ich mit meinem privaten Kapital rein“, sagt Pieper selbstbewusst. Ein Investor aus den USA habe ihn angesprochen, ob er die XPOMET nicht dort stattfinden lassen wolle. Das erst einmal nicht – aber über kleinere Satelliten-XPOMETs denke er bereits nach, nicht nur in den USA, sondern weltweit. Hauptstandort soll jedoch Deutschland bleiben. Für nächstes Jahr will er Investoren an Bord holen. Die Convention soll in Berlin stattfinden, größer und für Patienten geöffnet werden. Ideen hat er in Hülle und Fülle. Einen „Notfall-Battle“, bei dem zwei Rettungsteams gegeneinander antreten, kann er sich ebenso vorstellen wie Drohnen, die über der Veranstaltung kreisen. Es bleibt also spannend.

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