Open-Source : „Innovation ist hier nicht aufzuhalten“

Raúl Aguayo-Krauthausen ist Berater und Botschafter von „Made for my wheelchair“ – ein Projekt der sogenannten Open-Source-Szene, in dem Tüftler Zubehör und Add-ons für Rollstühle entwickeln. Im Interview mit Medizintechnologie.de erklärt er, warum es diese Community dringend braucht.

Raúl Aguayo-Krauthausen: „Die Open-Source-Szene zeigt einfach, was alles möglich ist, wenn man dem Nutzer mal zuhört.“

Herr Aguayo-Krauthausen, es heißt, die Initiatoren von „Made for my wheelchair“ seien auf Sie zugekommen, nicht nur weil Sie selbst Rollstuhlfahrer und zudem ein prominenter Aktivist für Behindertenrechte sind, sondern auch, weil Sie bereits früh mit 3-D-Druck experimentiert hätten ...

Sagen wir: Ich habe es versucht. (lacht) Ich habe mir – das ist schon vier Jahre her – mal einen 3-D-Drucker gekauft, damit herumprobiert und dann am Ende, fast zufällig und mit Unterstützung eines befreundeten Designers, eine Rampe entworfen. Die hilft mir, mit meinem Rollstuhl über Bordsteinkanten zu kommen. Nicht perfekt, alles ausbaufähig – aber die Anleitung dafür habe ich damals auf meinem Blog veröffentlicht. So wurden die Projektleiter auf mich aufmerksam.

In dem Projekt arbeitet ein Team von Rollstuhlnutzern, Technikern und Designern an Produkten zum Selberbauen: Sie tragen Bedürfnisse zusammen, entwickeln Ideen und Prototypen, testen sie – und stellen die Anleitungen dafür auch ins Netz, damit andere die Ideen nachbauen können. Erste Produkte wurden bereits vorgestellt. Welches hat Sie am meisten begeistert?

Die Scheinwerfer „Open Lights“ sind toll: Mit denen wird man im Straßenverkehr im Dunkeln gut gesehen und sieht auch selber gut. Auch den Anhänger „Open Trailer“ für elektrische Rollstühle finde ich praktisch: Er eignet sich als Einkaufshilfe oder sogar dafür, jemanden damit zu transportieren. Da er aus einfachen Holzplatten gefräst wird, kostet er nicht mehr als 100 Euro. Und: Er lässt sich an jedes Rollstuhlmodell anpassen und nach eigenem Geschmack gestalten.

Die Open-Source-Szene hat einen Gemeinschaftsgedanken: Was ich entwickle, stelle ich als Anleitung ins Netz, damit andere es nachbauen können.

Was kann eine Open-Source-Gemeinde an Tüftlern schaffen, was die Hilfsmittelindustrie nicht leisten kann?

Sie zeigt einfach, was alles möglich ist, wenn man dem Nutzer mal zuhört und dann – mal pragmatisch, mal spielerisch, immer aber erfinderisch – ans Werk geht. Und sie hat einen Gemeinschaftsgedanken: Was ich entwickle, stelle ich als Anleitung ins Netz, damit andere es nachbauen können.

Was fehlt denn den handelsüblichen Rollstühlen?

Das sind viele Kleinigkeiten. Ich frage mich zum Beispiel: Warum gibt es Klapptische an jedem Flugzeugsitz, nicht aber an meinem Rollstuhl? Warum hat nicht jeder Elektrorollstuhl einen USB-Anschluss, ein USB-Ladekabel, warum etwa kann ich meinen Laptop nicht über den Rollstuhl-Akku aufladen? Jedes Mountainbike kann großartig getunt werden: mit Tacho, mit Catlight-Scheinwerfern. Warum geht das nicht beim Rollstuhl? Oder: Jeder Kinderwagen hat ein Sonnen- oder Regendach. Kann man so etwas nicht auch auf einen Rollstuhl bauen? Und zwar bitte: in schön! Ich möchte keine Plastiktüte da oben baumeln haben. Und dann gibt es so viel sagenhaft Unsinniges ...

Unsinniges? An einem Rollstuhl? Was zum Beispiel?

Mein neues Rollstuhlmodell hat nun diesen fetten neuen Farbbildschirm. Toll, endlich nicht mehr schwarz-weiß. Aber: keine Touchscreen-Funktion, keine Möglichkeit, eine Navi-App draufzuladen oder SMS darüber abzurufen. Das allein ist schon einmal rückständig. Was mich aber richtig ärgert, ist, dass der Bildschirm mitsamt Joystick so groß ist, dass man mit dem Rollstuhl nicht mehr ordentlich an einen Tisch heranfahren kann. Das zeigt mir: Derjenige, der das konzipiert hat, hat nie drin gesessen.

Damit greifen Sie ziemlich konkret die Produktdesigner, mithin die Hersteller an: Haben Sie denn schon einmal den Kontakt zur Industrie gesucht, den Unternehmen Ihre Kritik mitgeteilt?

Ganz ehrlich: Die haben keine Lust auf individuelle Anpassungen, auf Nutzerzentrierung. Es ist ein leidiges System: die, die die Produkte nutzen, sind nicht diejenigen, die sie bezahlen, denn das sind ja die Kassen. Die, die die Produkte herstellen, sind nicht diejenigen, die sie verkaufen, denn das sind die Sanitätshäuser. Es gibt immer Mittler. Das macht den Kontakt schwierig.

Und die Sanitätshäuser? Haben Sie denen schon mal Ihre Wünsche mitgeteilt?

Ach, die betonen doch auch eher, was alles nicht geht. Ein Beispiel: Für meinen letzten Rollstuhl hatte ich mir ein installiertes USB-Ladegerät gewünscht. Das Sanitätshaus aber winkte ab: Das ginge nicht wegen der Spannung, der Umwandlung, der Feuergefahr. Lediglich einen Zigarettenanzünder könnte man anbringen lassen. Hab' ich mir also ein solches Ding einbauen lassen, im Elektromarkt einen Adapter gekauft und den zwischengeschaltet – jetzt konnte ich mein Handy am Rollstuhl aufladen. Aber ich frage mich: Warum muss diese letzte Meile des Nachdenkens von mir, dem Nutzer kommen?

Aber stoßen solche Eigenkreationen nicht irgendwann an Grenzen? Was ist mit Sicherheitsaspekten? Nicht umsonst gibt es Labels und Zertifikate wie etwa „TÜV-geprüft®“.

Nichts für ungut, aber das ist ein typisch deutscher Ansatz: Da wird etwas Tolles gebaut, für den Eigenbedarf wohlgemerkt, und gleich fragt jeder nach Sicherheit. Was bitte kann bei einem Cabriodach am Rollstuhl passieren, was bei einem Scheinwerfer? Wird auch jedes selbst gebaute Hochbett geprüft, das ich mir in mein Schlafzimmer stelle? Das sind alles Scheinargumente, die vor Veränderung schützen sollen. Und das tun sie auch: Sie verhindern Innovation.

Die Hilfsmittel von heute sind eine reine Funktion, aber kein Design. Das entspricht nicht meinem Behindertenlifestyle.

Sie sprachen vorhin die Schönheit an. Wie wichtig ist Ästhetik bei Rollstühlen und Co.? 

Die Hilfsmittel von heute sind eine reine Funktion, aber kein Design. Schauen Sie sich mal die Farbpalette an: grau, beige, braun – Krankenhausästhetik. Da ist nichts farblich ansprechend aufeinander abgestimmt, da passen Formen nicht zueinander. Das entspricht nicht meinem Behindertenlifestyle.

Behinderten... – bitte was?

Ja, sehr wohl. Jeder Mountainbiker führt einen gewissen Lifestyle, was sich auch in den Produkten, die er kauft und gebraucht, niederschlägt. Nicht anders möchte ich das als Behinderter, als Rollstuhlfahrer auch: einen Lifestyle leben. Denn nicht jeder, der in einem Rollstuhl sitzt, empfindet das als negatives Schicksal, vor allem nicht, wenn er von Geburt an auf dieses Hilfsmittel angewiesen ist. Wir wollen unser Leben gestalten, wir wollen es uns schön machen. Ein guter, ein schicker, ein intelligenter Rollstuhl gehört zu diesem Lifestyle dazu.

Was macht eigentlich Ihr 3-D-Drucker? Ist er noch kräftig in Betrieb?

Der 3-D-Drucker steht jetzt bei einem Freund, der mehr damit anfangen kann. So ein richtiger Bastler bin ich selbst ja nicht, auch wenn ich gerade versuche, meine Applewatch auf den Joystick meines Rollstuhls zu klemmen. Aber die Anleitung zur 3.D-Rampe steht immer noch als Open-Source im Internet.

Und wurde auch schon heruntergeladen?

Aber ja! Knapp 2.000 Mal! Mehr noch: Es gibt sogar zwei Remixes, das heißt, die Anleitung wurde weiterentwickelt und neu aufgesetzt. So funktioniert eben die Szene und das ist auch das Schöne an ihr: Innovation ist hier nicht aufzuhalten.

© Medizintechnologie.de

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