InnovationsLOTSE

Von der Idee zum Medizinprodukt

Leitfaden ISO/TR 24971:2013

Bereits seit zehn Jahren existiert die Norm ISO 14971 für die Implementierung und Umsetzung eines Risikomanagementsystems. Dabei lehnt sich diese Norm an die Richtlinie 93/42/EWG an. In Anbetracht der Komplexität, die das Thema Risikomanagement für Medizinproduktehersteller hat, existiert seit 2013 ein Leitfaden: ISO/TR 24971:2013. Dieser dient dem besseren Verständnis sowie der Umsetzung der Norm ISO 14971. Es folgt eine Zusammenfassung der einzelnen Kapitel.

Kapitel 1: Anwendbarkeit

Die Anwendbarkeit des Leitfadens bezieht sich auf

  • die Natur/Beschaffenheit des Medizinproduktes,
  • die resultierenden Risiken, die mit der Nutzung des Medizinproduktes einhergehen,
  • die anwendbaren regulatorischen Anforderungen.

Kapitel 2: Die Rolle internationaler Prozessstandards, der Produktsicherheit und des Risikomanagements

Experten in den jeweiligen Fachgebieten entwickeln Produktsicherheits- und Prozessstandards. Diese werden grundsätzlich als „State of the Art“ akzeptiert. Wenn ein Medizinprodukt diese Anforderungen erfüllt, können die Restrisiken, die sich aus der Anwendung des Medizinproduktes ergeben, als akzeptabel eingestuft werden – es sei denn, das Gegenteil wird hinreichend belegt.

Um Restrisiken nachzuweisen, können Berichte von nachteiligen Events oder unerwünschten Vorkommnissen, Rückrufaktionen und auch Kundenreklamationen herangezogen werden. Solche Gefährdungen und gefährlichen Situationen müssen mit den zutreffenden internationalen Produktstandards abgeglichen werden. Dabei muss das Risikomanagementteam hinterfragen, seit wann es diese Produktstandards gibt und ob sie eventuell bereits von einer Expertengruppe überarbeitet werden.

Wenn die identifizierten Gefährdungen und gefährlichen Situationen bereits nachweislich über einen Produktstandard abgedeckt sind, muss der Medizinproduktehersteller die Risiken nicht weiter ermitteln. Die Anforderungen der Risikoanalyse und der Risikoabschätzung sind damit erfüllt. Parallel muss der Medizinproduktehersteller im Rahmen seines Qualitätssicherungssystems regelmäßig die Designspezifikationen, die die Anforderungen des Produktstandards erfüllen, identifizieren und kontrollieren (Kapitel 6.2 der DIN EN ISO 14971:2013).

Zu beachten gilt, dass es für einige Produktstandards technisch nicht möglich ist, alle identifizierten spezifischen Risikokontrollmechanismen zu messen. Beispiel: IEC 60601-1-2:2014: Medizinische elektrische Geräte-Teil 1-2: Allgemeine Festlegungen für die Sicherheit einschließlich der wesentlichen Leistungsmerkmale – Elektromagnetische Störgrößen

Anforderungen und Prüfungen

Wenn in der Summe die grundlegenden Anforderungen des Medizinproduktes erfüllt werden, ist das ermittelte allgemeine Restrisiko als akzeptabel zu dokumentieren.

In einigen Fällen werden in den anwendbaren Produktstandards spezifische Tests für bekannte und gefährliche Situationen adressiert, jedoch keine Akzeptanzkriterien angegeben. Zum Beispiel IEC 60601-2-16: 2015 Medizinische elektrische Geräte-Teil 2-16: Besondere Festlegungen für die Sicherheit einschließlich der wesentlichen Leistungsmerkmale von Hämodialyse-, Hämodiafiltrations- und Hämofiltrationsgeräte.

In anderen Fällen verweist der Produktstandard den Medizinproduktehersteller direkt zu weiteren Tests, die für die Risikoanalyse durchgeführt werden müssen. Ein Beispiel ist die IEC 60601-1:2005, + A1:2012; Kapitel 10.2 Medizinische elektrische Geräte-Teil 1 Allgemeine Festlegungen für die Sicherheit einschließlich der wesentlichen Leistungsmerkmale.

Die Bandbreite der Alternativen ist zu groß, als dass detailliert festgelegt werden könnte, wie mit einem solchen Standard umzugehen ist. Das ist Aufgabe des jeweiligen Produktrisikomanagements. Ein Beispiel ist die repräsentative Probennahme, die in der EN ISO 14664-1:2015 beschrieben wird.

Die dritte mögliche Fallkonstellation sieht so aus, dass Risiken und gefährliche Situationen, die ein spezifisches Medizinprodukt verursacht, nicht im Produktstandard genannt werden. Der Medizinproduktehersteller muss diese Risiken und Gefahren im produktspezifischen Risikomanagementprozess adressieren. Dafür muss er die Anforderungen der DIN EN ISO 14971:2013 Kapitel 4.4, 5 und 6 umsetzen. Beispiel: IEC 62304:2006 + A1:2015 Medizingeräte-Software-Software-Lebenszyklus-Prozesse. In internationalen Prozessstandards ist vorgesehen, das Risikomanagement basierend auf der DIN EN ISO 14971:2013 umzusetzen. Beispiel: IEC 62366:2007 Medizinprodukte – Anwendung der Gebrauchstauglichkeit auf Medizinprodukte sowie die Reihe der ISO 10993 für die biologische Beurteilung von Medizinprodukten.

In beiden Fällen ist eine sorgfältige Anwendung der internationalen Prozess- oder Produktstandards für die jeweiligen Schnittstellen gefordert, um ein akzeptables Risiko des Medizinproduktes zu erreichen.

Kapitel 3: Risiko Akzeptanzkriterien – Entwicklung der Herstellerpolitik

In Anlehnung an die DIN EN ISO 14971:2013, Kapitel 3.2, muss das Topmanagement die Kriterien der Risikoakzeptanz definieren und dokumentieren. Die Kriterien müssen auf anwendbaren nationalen oder regionalen Regularien sowie auf den relevanten internationalen Standards basieren. Alle verfügbaren Informationen müssen einbezogen werden, etwa der auf dem Markt akzeptierte „State of the Art“, Vergleiche mit ähnlichen Medizinprodukten oder Konkurrenzprodukten sowie die bekannten Kundenanforderungen, beispielsweise an die Handhabung. Zudem muss in geplanten Intervallen im Unternehmen ein Review des angewendeten Risikomanagementprozesses stattfinden (in Anlehnung an die DIN EN ISO 14971:2013; Kapitel 3.2).

Kapitel 4.1: Produktion und die nachgelagerten Produktionsprozesse

Typischerweise basiert die initiale Risikobetrachtung auf Erfahrungen mit ähnlichen Medizinprodukten. Bei einem völlig neuen Medizinprodukt beruht sie in der Regel auf Annahmen. Die am Markt gewonnenen Erfahrungen und Rückmeldungen sind die wichtigsten Einflussgrößen, um die bestehende Risikobetrachtung zu bestätigen oder zu korrigieren (siehe DIN EN ISO 14971:2013; Kapitel 9). Eine Rückkopplung und Auswertung der Marktdaten muss beim Medizinprodukte-hersteller etabliert sein.

Kapitel 4.2: Beobachtung und Übertragung

Die Überwachung dient dazu, die Erfahrungen mit dem Medizinprodukt mit dem bestehenden Risikomanagement abzugleichen. Beobachtet werden:

  • des Hersteller bzw. der Forschungs- und Entwicklungsabteilung
  • über Installation, Service und/oder Trainingspersonal
  • (Kundenbeschwerden, Gutachter)
  • über Konkurrenzprodukte (Vorkommnismeldungen, FDA Warning letters)
  • über neue oder geänderte Standards und Regularien

Bei Kombinationsprodukten oder Borderline-Produkten sind die relevanten aktuellen Daten zu berücksichtigen.

Klinische Informationen (Post-Market-Evaluation, siehe dazu die MEDDEV 2.7.1 Revision 4: Leitfaden für klinische Bewertungen; Kapitel 6: Ziele und allgemeine Prinzipien der klinischen Bewertung) sollen belegen, dass das Produkt leistungsfähig und sicher ist. Basis dafür sind klinische Daten, also Sicherheits- und/oder Leistungsangaben, die sich aus der Verwendung eines Medizinproduktes ergeben (MDD 93/42 EWG Artikel 1.2k).

Klinische Daten können vom Produkt selbst, aber auch von äquivalenten Produkten stammen. Die Äquivalenz muss plausibel erklärt werden. Reichen die verfügbaren Daten nicht aus, müssen zusätzliche klinische Daten generiert werden, beispielsweise im Rahmen einer klinischen Prüfung, insbesondere bei neuen Produkten und bei Hochrisikoprodukten.

Dieser Prozess wird zum einen von den Kunden angestoßen, zum anderen vom Hersteller selbst, um stets aktuelle Daten zu dokumentieren.

In beiden Fällen ist eine zielführende Kommunikation innerhalb wie auch außerhalb des Unternehmens sicherzustellen. Die Maßnahmen, die im Falle eines Vorkommnisses ergriffen werden sollen, müssen bestimmt werden. Informationen dürfen nur von den dazu ermächtigten Mitarbeitern weitergegeben werden.

Kapitel 4.3: Bewertung

Jede Revision der Risikobewertung auf Basis neuer Beobachtungen sollte genauso überprüft und kontrolliert werden wie die initiale Risikobewertung. Dabei sind die neuen Sicherheitsfeststellungen mit den bereits bestehenden zu vergleichen:

  • die Anwendung des Medizinproduktes unverändert?
  • ein Anstieg von Fehlern bei der Anwendung zu beobachten?
  • ein Fehlgebrauch gemeldet, der bislang nicht in der Risikobetrachtung berücksichtigt wurde?
  • es Beweise für neue Gefahren oder Risiken, die bislang nicht in der Risikobetrachtung festgestellt wurden?
  • der Schweregrad und die Wahrscheinlichkeiten für ein bestehendes Risiko weiterhin valide?
  • die Effektivitätskontrolle der Risikomessungen als anwendbar geprüft?
  • die Risiko/Nutzenabwägung aktuell mit den Marktbedürfnissen abgeglichen worden?

Kapitel 4.4: Aktionen

Für den Fall, dass ein neu detektiertes Risiko als unakzeptabel bewertet wird, müssen weitere Kontrollmechanismen etabliert werden. Die bereits auf dem Markt befindlichen Medizinprodukte bedürfen zur Risikominimierung einer sogenannten Nachrüstung. Dabei können sich die Risikomessungen für bereits ausgelieferte Medizinprodukte von den Medizinprodukten, die aktuell produziert werden, unterscheiden.

Kapitel 5: Unterscheidung zwischen Informationen zur Sicherheit und der Restrisiken

Im Anhang J der DIN EN ISO 14971:2014 heißt es: „Informationen zur Sicherheit sind das am geringsten bevorzugte Verfahren zur Risikobeherrschungsmaßnahmen und nur anzuwenden, wenn die sonstigen Risikobeherrschungsmaßnahmen erschöpft sind.“ Und weiter: „Die Offenlegung einzelner Restrisiken und das Gesamt-Restrisiko liefert einen Hintergrund und erforderliche relevante Informationen zur Erklärung des Restrisikos, so dass die Anwender aktiv geeignete Handhabungen durchführen können, um das Einwirken eines oder mehrerer Restrisiken auf ein Mindestmaß herabzusetzen.“

Was bedeutet das konkret?

Die Informationen zur Sicherheit resultieren aus der Risikokontrollmessung. Dabei stellen die Angaben zur Sicherheit die allerletzte Möglichkeit dar, Risiken zu minimieren. Zuvor müssen die Risiken in den Design- und Entwicklungsvorgaben sowie mittels Schutzmaßnahmen reduziert werden. Ein Beispiel für einen Sicherheitshinweis in einer Gebrauchsanweisung ist: „Schutzhandschuhe sind zu verwenden.“

Bei der Offenlegung von Restrisiken werden auch ihre Hintergründe beschrieben. Dies kann die Kaufentscheidung der Kunden maßgeblich beeinflussen. Beispiel: „Linearbeschleuniger können bei Tumorbehandlungen angewendet werden. Das Restrisiko einer Bestrahlungstherapie von Tumoren können mögliche Erytheme oder Epilationsdosen sein.“

Kapitel 6: Auswertung des allgemeinen Restrisikos

Nach Auswertung der einzelnen Risiken und Gefährdungen muss der Hersteller das allgemeine Restrisiko im Hinblick auf die Akzeptanzkriterien des Risikomanagementplans bewerten (siehe DIN EN ISO 14971:2013, Kapitel 7).

Im Gegenteil zu den einzelnen Risiken, die auf der Grundlage der Schwere der Gefährdung und der Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens bewertet werden, ist das Akzeptanzkriterium für das resultierende Restrisiko keineswegs in der DIN EN ISO 14971:2013 festgelegt.

Die DIN EN ISO 14971:2013 listet in D.4 und D.7 mögliche Techniken oder Methoden zur Evaluierung auf. Grundsätzlich sind die Kriterien und die Methoden, mit denen das allgemeine Restrisiko ermittelt wird, im Risikomanagementplan festzulegen. Das allgemeine Restrisiko ist erst zu ermitteln, nachdem die einzelnen Risikomessungen durchgeführt und dabei die Einzelrisiken auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert wurden.

Dabei können folgende Abwägungen hilfreich sein:

Der Medizinproduktehersteller kann äquivalente Produkte in die Restrisikobewertung mit einbeziehen (vgl. dazu D.7.7 DIN EN ISO 14971:2013) und dabei sein eigenes Medizinprodukt mit dem ausgelobten Anwendungsbereich bewerten.

Ferner kann der Hersteller externe Experten, beispielsweise Anwender aus den Krankenhäusern, hinzuziehen (vgl. dazu D.7.8 der ISO 14971). Voraussetzung ist, dass diese Experten im Umgang mit dem Medizinprodukt geschult sind.

Wenn Wechselwirkungen von Risiken und Risikoanalysen festgestellt werden, muss das allgemeine Restrisiko, die sogenannte Risiko-Parallaxe, genauer untersucht werden. Beispiel: Für den Anwender steigt das Risiko, während es sich für den Patienten verringert.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die abschließende Bewertung des allgemeinen Restrisikos immer auf Basis der klinischen Bewertung stattfindet. Das Risikomanagement verknüpft dabei das gesamte Aufgaben- und Verantwortlichkeitsspektrum innerhalb eines Medizinprodukteunternehmens.

Die Expertin

Anja Heidmann

Senior Regulatory Affairs Manager, Kuont GbR