Innovationsfonds

Behandlungsqualität : Black-Box Notaufnahme

Die Notfallversorgung soll reformiert werden. Demnach soll es künftig eine intelligente Versorgungskette geben, vom medizinisch betreuten Notruf über telemedizinische Notfallbehandlung im Rettungswagen und einem ärztlich besetzten Tresen in der Portalpraxis der Notaufnahmen bis hin zur fachärztlichen Intensivbehandlung. Doch eigentlich wissen die Experten noch recht wenig über die Behandlungsqualität in den Notaufnahmen. Medizintechnologie.de sprach mit Professor Felix Walcher über den Stand der Forschung und die Notwendigkeit, ein Notaufnahmeregister für die Bundesrepublik aufzubauen.

Bislang gibt es keine einheitlichen Standards in der Dokumentation von Behandlungen in Notaufnahmen. Noch werden lebenswichtige Informationen auf Papier festgehalten. Die wenigsten Notaufnahmen arbeiten digital.

Herr Professor Walcher, aktuell sind Sie gleich an mehreren Projekten beteiligt, die die Notfallversorgung in deutschen Kliniken untersuchen oder zumindest die Grundlagen dafür schaffen wollen. Sind deutsche Notfallbehandlungen noch ein weißer Fleck auf der Landkarte unserer Versorgungsforschung?

Ein weißer Fleck ja – oder besser noch: eine Blackbox. Wir können derzeit keine Aussagen darüber machen, wie es um die Notfallversorgung in Deutschland bestellt ist, zumindest nicht einrichtungsübergreifend und nicht auf Basis der täglichen klinischen Dokumentation.

Woran liegt das?

Das liegt vor allem daran, dass wir keine einheitlichen Standards in der Dokumentation von Notaufnahmen haben. Jede Klinik dokumentiert im Rahmen der Notfallversorgung inhaltlich nach eigenen Vorstellungen und nach den jeweils vorliegenden technischen Möglichkeiten – bislang meist auf Papier, zunehmend auch elektronisch. Doch es handelt sich dabei größtenteils noch immer um Stand-alone-Lösungen.

Wenn doch aber, wie Sie sagen, zunehmend IT-Anwendungen zur Dokumentation eingesetzt werden, dann ließen sich die Daten doch zusammenführen und auswerten?

Theoretisch schon, praktisch aber erlauben die meisten dieser Anwendungen keine einrichtungsübergreifende Datennutzung – dafür fehlen die technischen Voraussetzungen wie etwa passende Schnittstellen. Gleichermaßen spielen rechtliche Fragen eine Rolle. Zum anderen gibt es bislang keine zentrale Stelle, keine Institution, die solche Daten, ob nun auf Papier oder aber digital, zusammenführen könnte.

Wie schlimm steht es denn wirklich um die Datenlage zur Situation unserer Notfallversorgung? Wagen wir doch konkret einen Check, mit der Bitte um kurze Ja- oder Nein-Antworten: Haben wir zum Beispiel einen klaren Überblick, wie viele Kliniken Notfälle elektronisch und wie viele auf Papier dokumentieren?

Nein.

Oder wissen wir genau, wie viele Kliniken zum Beispiel eine Triage anwenden?

Nein.

Wissen wir, wie viele Patienten in Deutschland nach einer Notaufnahmebehandlung versterben oder wie viele wieder wie weit und mit welcher Lebensqualität genesen?

Nein.

Was wissen wir überhaupt? Könnte etwa die Qualität der Notfallbehandlungen in Deutschland – in einigen Kliniken – miserabel sein und keiner merkt's?

Ja, das ist leider so. Sicher ist, dass pro Jahr rund 21 Millionen Patienten in den Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser behandelt werden. Das ist eine Zahl aus dem Gutachten im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) aus dem Jahr 2015. Alles sonstige, was wir wissen, stammt aus stichprobenhaften Datenerhebungen im Rahmen von Umfragen oder Studien, ist also nicht wirklich für ein großes Bild nutzbar oder belastbar. Einen klaren, umfassenden Überblick gibt es nicht.

Welche Folgen hat das?

Zum einen wird so eine einrichtungsübergreifende Qualitätssicherung verhindert. Auch ein Benchmarking kann so nicht stattfinden. Wie wollen sie sich mit anderen messen, sich verbessern, wenn sie nicht wissen, wie ihre Leistung ist? Daneben lassen sich aufgrund der schlechten Datenlage keine wissenschaftlichen Studien durchführen, die helfen könnten, die Versorgung zu optimieren. Doch der unzulängliche Datenaustausch zwischen niedergelassenen Ärzten, Kliniken und Rettungskräften führt zu einem weiteren Problem: Daten werden redundant aufgenommen oder vorgehalten und Patienten unnötig doppelt untersucht; falsche Entscheidungen werden getroffen, weil wichtige Informationen verloren gehen.

Sie versuchen nun durch diverse Forschungsprojekte, die Blackbox etwas zu öffnen, unter anderem durch Ihre Mitwirkung an AKTIN, einem Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Was genau ist das Ziel dieser Initiative?

AKTIN will die Versorgungsforschung in der Akutmedizin in Deutschland verbessern, und zwar durch den Aufbau eines Notaufnahmeregisters. Wir erarbeiten dafür die Grundlagen: Jede der 15 am Projekt beteiligten Kliniken nutzt für die Dokumentation ihrer Notfälle das Notaufnahmeprotokoll der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI. So entsteht eine Art einheitlicher Mindestdokumentationsstandard und eine Grundlage für spätere Datennutzung durch das Notaufnahmeregister. Dabei ist der Ansatz übrigens dezentraler, als er klingen mag. Die Daten verbleiben nämlich primär in den einzelnen Kliniken und damit im Behandlungskontext. Das heißt: Geht im Register eine Anfrage zur Datenauswertung ein, zum Beispiel für eine wissenschaftliche Frage, werden nur die dafür erforderlichen Daten zusammengeführt – anonym und unter Wahrung des Datenschutzes.

Das Projekt gibt es bereits seit 2013. Wie ist der aktuelle Stand?

Die elektronische Infrastruktur steht und auf die sind wir stolz. Denn sie dient nicht nur dem wissenschaftlichen Erkenntnisdrang, sondern kann auch eine wichtige Rolle für die Verbesserung der Notfallversorgung spielen, weil damit die notwendigen Daten für das Qualitätsmanagement in der Notfallversorgung gesammelt, bereitgestellt und aufbereitet werden können. Das Projekt wurde um weitere 18 Monate verlängert, gerade widmen wir uns mit Hochdruck der Sicherstellung der Datenqualität.

Die Projektförderung des BMBF läuft Ende Oktober 2019 aus ...

Nach Auslaufen der Förderung soll die Infrastruktur des Notaufnahmeregisters verstetigt werden.

Aber wie stehen dafür die Chancen? Sind Sie in Gesprächen? Wen sehen Sie in der Pflicht?

Die DIVI hat großes Interesse an dem Register. Aber auch die Gesundheitspolitik und die Selbstverwaltung haben die Aufgabe, die Qualitätssicherung in den Notaufnahmen voranzutreiben, wie dies ja in vielen anderen Bereichen seit Jahren Routine ist. Die Daten dazu kann unser Register liefern. Außerdem schlägt ja der Sachverständigenrat Gesundheit (SVR) eine strukturelle Veränderung der Notfallversorgung vor, indem ambulanter und stationärer Bereich enger verzahnt werden. Aber auch diese Modelle müssen unbedingt wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden. Das geht nur mit vergleichbaren Daten. Auch deshalb wünschen wir uns eine aufeinander abgestimmte standardisierte Dokumentation in allen Sektoren der Notfallversorgung.

Während das AKTIN-Projekt also sichtbar in seiner Reifephase angekommen ist, ist ein anderes Projekt, welches Sie initiiert haben, noch ganz frisch: Im Juli geht ENQuIRE an den Start, ein Forschungsvorhaben, das sich – das Akronym steht für „Evaluierung der Qualitätsindikatoren auf die Outcome-Relevanz“ – den Qualitätskriterien für die Notaufnahme widmet ...

Mit diesem Projekt wollen wir langfristig Indikatoren aufstellen, die etwas über die Güte der Behandlung in unseren Notaufnahmen aussagen.

Aber es gibt doch bereits eine Reihe von Qualitätsindikatoren für die Notaufnahme: Die von Ihnen selbst zitierte DGINA-Gesellschaft geht zum Beispiel nach festgelegten Kriterien vor, bevor sie eine Notaufnahme zertifiziert. Und die Liste ist stattlich ...

Ich weiß, wir haben uns an der Erarbeitung der Kriterien selbst beteiligt.

Ich darf dennoch kurz einige zitieren. Da steht unter anderem: die Zeitdauer von der Ersteinschätzung bis zum Arztkontakt, Zeitdauer von Arztkontakt bis Aufnahme auf Station, Prozentsatz von herzkranken Patienten, bei denen innerhalb von zehn Minuten ein EKG durchgeführt wird, Prozentsatz von Patienten mit Sepsis, denen innerhalb von 60 Minuten nach Aufnahme ein Breitbandantibiotikum verabreicht wurde – und die Liste geht noch weiter. Reicht Ihnen das nicht?

Nein, zumindest nicht mit Blick auf unser ENQuIRE-Projekt – und ich sage Ihnen auch, warum: Wissen Sie denn, ob oder inwieweit die einzelnen Maßnahmen etwas bringen? Hat es dem herzkranken Patienten wirklich etwas gebracht, innerhalb von zehn Minuten per EKG untersucht worden zu sein? Vielleicht wären fünf Minuten besser gewesen, vielleicht hätten aber auch 20 Minuten genügt. Da ist sie wieder: diese Blackbox, Vermutungen. Wir wollen ergründen, welche Kennzahlen, die gemeinhin mit Qualität assoziiert werden, wirklich etwas über Versorgungsqualität in Notaufnahmen aussagen, wollen zeigen, wie gut diese Indikatoren überhaupt patientenrelevante Versorgungserfolge vorhersagen können. Deshalb haben wir dieses Projekt auf den Weg gebracht.

… das über den Innovationsfonds für 3,5 Jahre mit rund drei Millionen Euro unterstützt wird. Wie funktioniert die Studie nun genau? Wie gehen Sie vor?

Die Studie setzt auf den im AKTIN-Projekt geschaffenen Strukturen auf: Und zwar werden wir die Behandlungsdaten aus den 15 deutschlandweit verteilten Notaufnahmen, die ja nun in der Routine auf Basis des besagten Notaufnahmeprotokolls elektronisch erhoben werden, mit den Daten einer etwaigen weiteren stationären Behandlung und den Daten der Krankenkasse verknüpfen – in dem Fall mit jenen unseres Projektpartners, der Techniker Krankenkasse. Die Patienten werden selbstverständlich vorher gefragt, ob sie damit einverstanden sind.

So werden wir sehen können, in welchem gesundheitlichen Zustand die Patienten vor der Behandlung in der Notaufnahme waren, wie sie behandelt wurden – und wie sich ihre Gesundheit in den Tagen oder Wochen danach entwickelt hat. Dabei wird jeweils das Jahr vor und nach der Behandlung in einer Notaufnahme betrachtet. Außerdem befragen wir ausgewählte Patientengruppen ein paar Monate nach der Notfallbehandlung zu ihrem Gesundheitszustand. Sie sollen dann selbst ihre Lebensqualität – bezogen auf ihre Gesundheit – nach der Notfallbehandlung einschätzen.

Was soll, wenn das Projekt dann in drei bis vier Jahren abgeschlossen sein wird, mit den Daten geschehen? 

Mein Wunsch wäre, dass diese Ergebnisse die Grundlage für ein standardisiertes und umfassendes Qualitätsmanagement in den Notaufnahmen legen werden. Deshalb gehört zu dem Projekt auch eine Diskussion der Ergebnisse. Klinische Experten werden daraus Handlungsempfehlungen ableiten. Die Notaufnahmesituation in Deutschland soll, so meine Hoffnung, dann nicht länger eine Blackbox sein, sondern ein transparenter, wissenschaftlich durchmessener Raum – mit ganz viel Licht und Durchblick.

Vielen Dank für das Gespräch!

© Medizintechnologie.de

Das könnte Sie auch interessieren

Vier Personen stehen an einem Messestand. Einer der Männer ist der CDU-Politiker Gottfried Ludewig, der neuer Digital-Chef im Bundesgesundheitsministerium ist.

Die Konturen der Digitalstrategie

Nach der Sommerpause will das Bundesgesundheitsministerium (BMG) eine Strategie zur Digitalisierung des Gesundheitswesens vorlegen. Auf dem Hauptstadtkongress rollte man dieser Strategie schon mal den Teppich aus. Die Konturen der Digitalstrategie Weiterlesen

Digitalisierung überrollt das SGB V

Es braut sich etwas zusammen in Digitaldeutschland. Noch fehlen der politische Rahmen und das dazugehörige Kleingeld, damit die Gesundheitswirtschaft durchstarten kann. Auf dem Hauptstadtkongress 2018 wurde das deutlich. Allen ist klar: Deutschland braucht einen gewaltigen Innovationsschub in Sachen Digitalisierung. Digitalisierung überrollt das SGB V Weiterlesen