Elektronische Patientenakte : Deutschland fällt weiter zurück

In den vergangenen zwei Jahren hat Deutschland bei der Einführung der elektronischen Patientenakte keinen Fortschritt gemacht - im Gegenteil. Zu diesem Ergebnis kommt eine Versorgungsanalyse der Stiftung Münch. Die Wissenschaftler wünschen sich von der derzeitigen Regierung vor allem Mut, die Digitalisierung des Gesundheitswesens voranzutreiben.

Auf einer Tatsatur eines Computers liegt eine Akte, die mit "Pateinten-Akte" beschriftet ist.
Deutschland fällt in der Entwicklung und Umsetzung der elektronischen Patientenakte im europäischen Vergleich weiter zurück.

Die Bundesrepublik Deutschland tut sich schwer in Sachen elektronische Patientenakte (ePA). Dabei hat das deutsche Gesundheitssystem bereits den Anschluss zur Spitzengruppe in Europa verloren. Zu dem Schluss kommt eine aktuelle Untersuchung der Stiftung Münch.

„In Deutschland ist außer einem schleppenden Ausbau des Breitbandinternets weiterhin wenig passiert. Es mangelt hierzulande bis dato an klaren, verlässlichen konzeptionellen Vorgaben der Politik“, sagt Stephan Holzinger, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Münch. Länder, bei denen es klare Vorgaben für die Gestaltung der ePA, den Zugang der Bürger zur ePA und die Art der Datennutzung gebe, hätten einen klaren Vorteil. Aber auch die Nutzung der ePA entscheide über die Weiterentwicklung. Demnach schritten, so Holzinger, vor allem die Gesundheitssysteme weit voran, deren ePA immer häufiger von Krankenhäusern, Notaufnahmen und niedergelassenen Ärzten verwendet werde.

Dänemark ist die Nummer eins

In dem Ranking der Wissenschaftler ist die Bundesrepublik Deutschland um zwei Plätze abgerutscht und liegt nunmehr auf Platz 13 von insgesamt 20 untersuchten Gesundheitssystemen in Europa – gerade noch knapp vor der roten, wenig fortgeschrittenen Gruppe. Zum Vergleich: 2016 lag Deutschland noch auf Platz 11. Damit sei Deutschland „das Schlusslicht des Mittelfeldes“. Die Spitzengruppen bilden weiterhin die skandinavischen Länder Dänemark (Platz 1) sowie Finnland und Schweden (beide Platz 2). Spanien, die Schweiz und das Vereinigte Königreich konnten in den vergangenen zwei Jahren von der gelben in die grüne Gruppe aufsteigen. Insgesamt erreichten mehr Länder als noch im Jahr 2016 einen guten Fortschritt bei der Nutzung und Funktionalität der ePA, allen voran Frankreich und das Vereinte Königreich. Beide Länder verbesserten sich jeweils um sechs Plätze. Italien gibt im Ranking drei Plätze ab und liegt nun zusammen mit Slowenien (Verschlechterung um zwei Ränge) auf dem 18. Platz im roten Bereich. Schlusslicht auf Rang 20 bildet weiterhin Irland.

Die Studie wurde vom Institut für Angewandte Versorgungsforschung (inav) unter der Leitung von Professor Volker E. Amelung durchgeführt. Darin bewerteten die Wissenschaftler insgesamt 20 europäische Gesundheitssysteme hinsichtlich des Entwicklungsstandes ihrer ePAs und vergaben jeweils grüne, gelbe und rote Farben. Dieses Ampelschema beruht auf Indikatoren, die abgefragt werden. Im Jahr 2016 veröffentlichten die Wissenschaftler erstmalig ihre Daten. Der aktuelle Entwicklungsstand ist sozusagen das Ergebnis einer Folgeuntersuchung.

Mut von derzeitiger Regierung erwartet

Die Debatte, warum die Entwicklung der ePA und ihre Implementierung so schleppend vorangeht, wird seit Jahren erbittert geführt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei immer wieder die Gematik, die vom Bundesgesundheitsministerium und der Selbstverwaltung gesteuert wird. Mittlerweile entwickeln Krankenkassen und Kliniken ihre eigenen Patientenakten. Sofern die jeweiligen Systeme nicht Schnittstellen kompatibel sind, könnten dadurch – ähnlich wie in den USA – langsam, aber stetig Insellösungen entstehen.

Allerdings schöpfen die Wissenschaftler aus den im Koalitionsvertrag angekündigten Reformen durchaus Hoffnung, dass die deutschen Politiker aufgewacht sind. Holzinger resümiert: „Ich hoffe, dass wir von der kleinteiligen, zuweilen auch etwas aktionistisch anmutenden Politik nun zumindest auf diesem Gebiet zu einem mutigen, verbindlichen und damit auch planbaren Wurf der Bundesregierung kommen.“

Mehr dazu im Internet:

Versorgungsanalyse der Stiftung Münch

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