Gesundheits-Apps für Kinder : Durch den Dschungel

Der Markt an medizinischen Apps für Kinder wächst stetig. Für heranwachsende Patienten eröffnen medizinische Apps viele neue Chancen, sich an Entscheidungsprozessen bezüglich der Diagnose und Therapie ihrer Krankheit aktiver zu beteiligen. Es herrscht allerdings noch Verwirrung, wie diese aussehen sollten, wer die Inhalte prüft, damit sie zuverlässig und sicher sind und wo man sie überhaupt findet.

Ein Vater sitzt mit seinen beiden Kindern auf der Couch. Sie blicken zusammen auf ein Smartphone.
Apps und digitale Helfer können Kinder und ihre Eltern bei der Diagnose und Therapie von Erkrankungen unterstützen und entlasten. Auf dem Bild sieht man Marc Kamps, Wirtschaftsrechtler und App-Entwickler, der für seinen an Mukoviszidose erkrankten Sohn Nalu (rechts) eine App zur Therapiebegleitung entwickelt hat.

Smartphones sind unserer Kleinen liebstes Spielzeug geworden. Mehr als 80 Prozent aller 12-Jährigen besitzt eines – und auf ihm viele Apps. Von Snapchat, Intagram, WhatsApp bis hin zu Musical.ly bestimmen die Softwareanwendungen den Alltag der Heranwachsenden.

Markt der Gesundheits-Apps wächst, ist aber unübersichtlich

Für die Medizin ist das Smartphone ein neuer Weg, kleine Patienten zu erreichen und ihnen zu helfen. „Medizinische Apps bieten chronisch kranken Kindern Hilfe oder erinnern Jugendliche mit transplantierten Organen zum Beispiel an die Einnahme ihrer Immunsuppressiva“, sagt Urs-Vito Albrecht, stellvertretender Direktor des Peter L. Reichertz Instituts für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der MH Hannover. „Andere Apps wollen gesunde Kinder über erste Hilfe oder gesunde Ernährung aufklären.“ Niemand weiß genau, wie viele Medizin-Apps auf dem Markt sind. Forscher des Hans-Bredow-Institut schätzen, dass es rund 131 000 sind. Doch das Geschäft ist unübersichtlich und schnelllebig. Gerade mal 1300 Medizin-Apps weisen mehr als 50 000 Downloads auf.

„Die genaue Zahl an gesundheitlich und medizinisch orientierten Softwareangeboten für Kinder und Jugendliche lässt sich aktuell nicht abschätzen“, sagt Claudia Lampert vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg. Die Medienpädagogin hat 2017 Gesundheits-Apps für Grundschulkinder in einschlägigen App-Stores ein halbes Jahr lang beobachtet. „Das Angebot hat sich in den letzten Jahren zwar stark erweitert“, sagt Lampert. „Insgesamt ergab die Suche aber nur 66 Gesundheits-Apps für Kinder.“ Die Analyse hat zudem einen Mangel an Transparenz bezüglich der Qualität der Angebote gezeigt. „Es gibt keinen Überblick, welche Gesundheits-Apps vertrauenswürdig sind und wie ihre Qualität einzuschätzen ist.“ 

Unterschiedliche Gruppen von Gesundheits-Apps

„Im Moment gibt es noch nicht einmal eine überzeugende Systematisierung von Gesundheits- oder Medical-Apps“, sagt Lampert. Unterschieden werden mehrere Gruppen mit jeweils eigener Zielsetzung. So bieten zum Beispiel Gesundheits-Apps – wie Lampert sie untersucht hat – Präventionsangebote und stellen erste Weichen zu einem gesundheitsbewussten Verhalten. Beispiele sind Zahnputzhilfen, Lernspiele zur gesunden Ernährung, Schrittzähler-Spiele, Apps zur menschlichen Anatomie oder Unfallverhütung.

Die zweite Gruppe bilden Medizin-Apps, die zwar Lerninhalte zu Krankheiten vermitteln, aber nicht direkt in Diagnose und Therapien involviert sind. „Diese Apps sprechen gezielt chronisch kranke Heranwachsende an und unterstützen sie in ihrem Selbstmanagement“, weiß Ursula Kramer, Gründerin von HealthOn. Die Info- und Bewertungsplattform für Health-Apps testet Gesundheits-Apps, informiert über Trends und erstellt Marktanalysen für Entscheider im Gesundheitswesen. Hier gebe es gerade bei Eltern eine große Nachfrage. „Denn ganz gleich, ob es um Asthma oder Diabetes geht – das Smartphone und Apps gehören mehr in die Lebenswelt von Jugendlichen als in die vieler Eltern, eine App kann Jugendlichen viel direkter erreichen, vorausgesetzt, sie trifft den Ton und die Bedürfnisse dieser Nutzer.“

Einige Gesundheits-Apps sind Medizinprodukte

Die dritte Gruppe bilden Apps, die als Medizinprodukte konkret die Therapie beeinflussen. Der Hersteller weist dafür seiner Software eine medizinische Zweckbestimmung zu, die App muss dann ein sogenanntes Konformitätsverfahren durchlaufen. „Das ist eine Art Zulassung, bevor die Produkte in Verkehr gebracht werden“, sagt Kramer. „Auch bei den Medizinprodukte-Apps kommt die Motivation meist aus den betroffenen Familien selbst, denn sie haben einen starken Therapiebedarf und wissen besser als jeder Hersteller, wie sie mithilfe einer App ihre Krankheit noch besser in den Griff bekommen könnten“, weiß Kramer von HealthOn.

Bestes Beispiel ist der Wirtschaftsrechtler Marc Kamps. Er hat einen kleinen Sohn mit Mukoviszidose – eine Systemerkrankung, bei dem der Körper „verschleimt“. Der Alltag betroffener Kinder wird von der Erkrankung bestimmt, ob durch dreimal täglich halbstündige Inhalationen, Physiotherapie oder die Einnahme von zahlreichen Medikamenten. „Eine App kann helfen, den Stress zu reduzieren, der täglich durch all diese Pflichten entstehen“, sagt der junge Familienvater, der die Entwickler der App „Birds and Trees“ auf der GamifyConference 2017.

Gamification ist der große Trend bei Kindern

„Eine App kann aus theoretischen Therapieanweisungen digitales Spielen kreieren – und Kinder wollen nichts als spielen“, sagt Kamps. Experten, die wie er selbst aus der Computerspielszene stammen, sprechen von Gamification, also spieltypische Elemente in spielfremde Kontexte wie zum Beispiel eine Mukoviszidose-Therapie zu bringen. „Ein gutes digitales Spiel muss klare Ziele haben, transparent Informationen vermitteln, Entscheidungsmöglichkeiten und Feedback in Echtzeit geben und Herausforderungen bieten“, weiß Kamps.

Für Kinder sei zudem wichtig, dass ihnen Geschichten erzählt werden. In „Birds and Trees“ macht das der kleine Held Patchie, der auch Mukoviszidose hat. Patchie zeigt, dass Therapie auch Spaß machen kann und motiviert das Kind, sich täglich mit der Therapie zu beschäftigen. „Gemeinsam mit Patchie stellt es sich den täglichen Herausforderungen, übernimmt Verantwortung und lernt, seine Krankheit zu verstehen“, sagt Kamps.

Depressions-Prophylaxe läuft im Hintergrund

Auch das Team der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Uni Tübingen erarbeitet derzeit eine App, die als Medizinprodukt wie eine Art Frühwarnsystem für depressive Jugendliche fungieren soll. „Wir nutzen die für Jugendlichen gängige Kommunikationswege über WhatsApp und das Smartphone, um erste Anzeichen einer Depression bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen“, sagt Projektleiter Stefan Lüttke. Denn kindliche Depressionen bleiben häufig unerkannt. „Aus Studien wissen wir, dass Menschen in einer depressiven Phase anders mit Sprache umgehen und zum Beispiel mehr negative Wörter verwenden. Außerdem ziehe man sich zurück, wenn man sich niedergeschlagen fühlt – und nutz vermutlich das Smartphone generell weniger als sonst.

Das App-Frühwarnsystem schlägt Alarm, wenn sich die Sprache in Chats verändert und gibt Tipps, welche Schritte Betroffene als nächsten gehen sollten, wenn es konkrete Hinweise auf eine Depression gibt. „Zwar ist es hierzulande schwer, innovationsfreudige und kreative Forschung wie What's up staatlich fördern zu lassen“, weiß Lüttke. Zudem sei man in Deutschland blind auf dem Auge psychischer Erkrankungen. „Dennoch ist das Medizinproduktegesetz ganz wichtig“, so Lüttke. „Sonst geraten wir in die ungünstige Situation wie jetzt in den USA, wo die Wirksamkeit vieler Apps niemals an „echten“ Patienten geprüft wird.“

Diabetes-Apps sind am weitesten entwickelt

Vorreiter in Bezug auf medizinische Apps sind seit Jahren die Diabetes Apps. Ein erfolgreiches Beispiel ist zum Beispiel „mySugr“. Die App bietet alle Therapie-Daten auf einen Blick und hilft über einfache grafische Darstellungen, Therapieschwächen auf die Schliche zu kommen. Sind Jugendliche mit Diabetes aber überhaupt interessiert an solchen Apps? „Wenn diese ihnen wirklich nutzen, weil sie zum Beispiel mit dem Blutzuckermessgerät direkt verbunden sind, nehmen die Jugendlichen das an“, weiß Diabetesberaterin Hanna Kleine-Klatte. „Bei reinen Tagebüchern oder Bolusrechnern hält sich ihre Begeisterung eher in Grenzen.“

Viele Jugendliche scannen ihren Glukosewert nur noch, statt sich zu piken oder nutzen die kontinuierliche Glukosemessung. Die Daten können dann über eine App auf dem Smartphone gespeichert werden.“ Vor allem für Grundschulkinder sei das auch praktisch, denn es können Follower am Gerät eingestellt werden, so dass auch die Eltern den ganzen Tag einen Überblick über die Blutzuckerwerte des Kindes haben. „Auch für Lehrer kann das eine große Entlastung sein“, sagt Kleine-Klatte. „Sie müssten die Kinder nur noch anregen, die Zeiten zur Messung und Insulinabgabe einzuhalten. Die Eltern haben auch aus der Ferne einen Blick auf den Verlauf.“

Keine Apps übernimmt das Mitdenken

Bei aller Begeisterung warnt die Beraterin aber vor allem die Jugendlichen vor einem zu unbekümmertem Gebrauch. „Wer beispielsweise in der Regel seine Glukosewerte über das Freestyle Libre System misst, darf seinen Verstand nicht ausschalten“, sagt sie. „Man muss logisch nachvollziehen können, ob die gescannten Werte realistisch sind, zum  aktuellen Körpergefühl passen oder ob die Insulindosis stimmt“, sagt sie. „Es ist alles nur Technik, die auch mal ausfallen kann.“

Um einen Überblick zu geben, welche Apps Betroffene mit Diabetes wirklich unterstützen können, haben vor mehrere Fachgruppen, darunter diabetesDE und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), vor ein paar Jahren die Initiative DiaDigital gegründet. „Auf dem Portal werden als empfehlenswert befundene Apps zertifiziert und auf der Seite von DiaDigtal empfohlen“, sagt Kleine-Klatte, Testerin bei DiaDigital. „Nur wenn eine App bestimmte Kriterien erfüllt, gilt sie als sicher und verlässlich.“ Doch damit nicht genug: Als einzige Initiative in der Szene vergibt DiaDigital mittlerweile auch Siegel für die inhaltliche Qualität von Gesundheits-Apps. „Insgesamt haben bisher sechs Apps das DiaDigital-Siegel erhalten,  an sechs weitere, die wir bewertet haben, konnten wir es nicht vergeben“, sagt Kleine-Klatte.

Hersteller legen wenig Wert auf geprüfte Inhalte

„Wie viele medizinische Apps für Kinder und Jugendliche überhaupt eine CE-Kennzeichnung, einen Siegel oder anderweitigen Prüfungen hinter sich haben, lässt sich nur schwer feststellen“, weiß auch Albrecht von der MHH. „Siegel und CE-Kennzeichen sind nämlich generell, also unabhängig von der Zielgruppe, in den Stores nur sehr selten vertreten und ihre Aussagekraft variieren stark“, so der Arzt, dessen Team kürzlich die Relevanz von Gütesiegeln und CE-Kennzeichnungen für Hersteller von mobilen Anwendungen analysiert hat.

Eine weitere aktuelle Studie des Teams um Albrecht zum Thema medizinische Apps zeigt, dass noch viel Arbeit vor den Entwicklern liegt:  So gibt es zwar viele Apps zum Selbstmanagement und der Therapietreue sowie Prävention und Gesundheitsförderung, umfassende Belege für deren Nutzen fehlen allerdings noch. Produkte mit diagnostischem oder therapeutischem Anspruch sind zudem bisher eher selten. Die Studie empfiehlt, die weitergehende wissenschaftliche Evaluation von Präventions-Apps sowie Apps zur Diagnostik und Therapie zu fördern, um mehr Evidenz zu schaffen. „Einige Apps wurden zwar bereits im Rahmen von wissenschaftlichen Studien eingesetzt und evaluiert“, sagt Albrecht. Die meisten der vorliegenden Studien seien aber unbefriedigend.

Klassische Studiendesigns eignen sich für Apps nicht

„Das ist nicht unbedingt dadurch begründet, dass die Apps schlecht sind, sondern dass sich die konventionellen Studiendesigns für die Evaluation von Apps schlecht eignen“, sagt der geschäftsführende Arzt der Ethikkommission der MHH und Leiter der multidisziplinären Forschergruppe PLRI MedAppLab, die sich mit den ethisch-rechtlichen Rahmenbedingungen von Gesundheits-Apps auseinandersetzt und auch eigene Anwendungen entwickelt. Schließlich unterliegen die Apps rapiden Entwicklungszyklen und technischen Neuerungen, mit denen herkömmliche Studiendesigns nur schwer Schritt halten können.

©Medizintechnologie.de/ga

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