Studie : E-Health muss in den Alltag passen

Zum wiederholten Mal hat die Stiftung Gesundheit Ärzte zu Zukunftsthemen im Gesundheitsmarkt befragt. Dabei zeigt sich, dass Ärzte gegenüber E-Health-Anwendungen zwar prinzipiell aufgeschlossen sind. Dennoch nutzen sie sie eher zurückhaltend.

Ein junger Mann in weißem Kittel und mit einem Stethoskop um dem Hals schaut konzentriert auf ein Smartphone in seiner Hand. Er trägt Kopfhörer. Vor ihm auf dem Tisch steht ein aufgeklappter Laptop.
Zwei von drei Ärzten sagen, dass sie gern mehr E-Health-Anwendungen nutzen würden.

Seit über zehn Jahren legt die Stiftung Gesundheit Jahr für Jahr ihre Befragung „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“ vor. Die jetzt vorgestellte Auflage 2017 widmet sich schwerpunktmäßig der intersektoralen oder, wie die Studie schreibt, transsektoralen Zusammenarbeit im deutschen Gesundheitswesen. Sie stellt einige für die Gesundheitspolitik, aber auch für die Anbieter digitalmedizinischer Lösungen relevante Fragen: Wie wird im deutschen Gesundheitswesen derzeit sektorenübergreifend kommuniziert? Wie würden Ärzte in Klinik und Niederlassung gerne kommunizieren? Welche Arten von E-Health-Anwendungen sind sinnvoll?

Enorme Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die Studienergebnisse sind ein deutlicher Beleg für die nach wie vor weit überwiegend analoge Kommunikation im deutschen Gesundheitswesen – und zwar sowohl bei niedergelassenen Ärzten als auch bei Krankenhausärzten. 57 Prozent der niedergelassenen Ärzte gaben an, mit Gesundheitsberufen anderer Sektoren vorwiegend per Brief zu kommunizieren. 11,2 Prozent kommunizieren vorwiegend per Fax und 15 Prozent per Telefon. Per E-Mail oder über integrierte IT-Systeme kommunizieren gerade einmal 9,3 Prozent. Bei den Klinikärzten sieht es digital noch düsterer aus: 82,7 Prozent schreiben vorwiegend Briefe, 5,8 Prozent faxen, 9,6 Prozent telefonieren. E-Mails oder integrierte IT-Systeme nutzt niemand.

Der Wunsch nach digitaler Kommunikation ist allerdings deutlich vorhanden: Bei den Klinikärzten wollen annähernd 90 Prozent primär digital kommunizieren, rund die Hälfte davon am liebsten über integrierte IT-Systeme. Auch bei den Niedergelassenen sind es drei von vier. 18,7 Prozent der Niedergelassenen sind allerdings nach wie vor Fürsprecher des guten alten Briefes.

„Die Botschaft lautet: Los jetzt!“

„Die Botschaft aus diesem Teil unserer Befragung ist glasklar. Sie lautet: Los jetzt!“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Gesundheit Dr. Peter Müller im Gespräch mit Medizintechnologie.de. Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit sei mittlerweile so groß, dass es niemandem mehr vermittelt werden könne.

Die Befragung zeigt auch, dass die Qualität der intersektoralen Kommunikation von den Angehörigen der unterschiedlichen Sektoren durchaus unterschiedlich wahrgenommen wird. So geben 82 Prozent der Klinikärzte an, dass sie relevante Dokumente den Patienten direkt mitgeben. Nur 7,8 Prozent sagen, dass sie die Dokumente erst nach mehr als einer Woche verschicken. Von den niedergelassenen Ärzten gibt mehr als ein Viertel an, mehr als eine Woche damit zu warten. Nur gut die Hälfte sagt, dass sie die Dokumente den Patienten unmittelbar aushändigen.

Videosprechstunde verliert an Zustimmung

Die Kommunikation mit Kollegen ist jenes Feld, von dem sich die Ärzte in Sachen Digitalisierung mit Abstand am meisten versprechen. Es zeigt sich insgesamt eine wachsende Offenheit der Ärzteschaft gegenüber digitalen Gesundheitsanwendungen aller Art. Zwei von drei Ärzten sagen, dass sie die Entwicklungen in Richtung mehr E-Health gut fänden. Im Vorjahr war es nur knapp jeder zweite.

Interessant ist der Blick auf einige Details. Stichwort Videosprechstunde. Deren Ruf hat unter der Einführung der niedrig dotierten Abrechnungsziffern zum 1. April 2017 offensichtlich etwas gelitten. Gaben im Vorjahr noch 47 Prozent der Befragten an, dass sie Videosprechstunden entweder planen oder sie sich zumindest gut vorstellen können, waren es nach Einführung der Abrechnungsziffern nur noch 37,8 Prozent. Real genutzt wird die Videosprechstunde nach wie vor von kaum jemandem: 1,8 Prozent der Umfrageteilnehmer arbeiten damit, weitere 2,8 Prozent bereiten sie konkret vor.

Neben der Kommunikation mit Kollegen sehen Ärzte die größten Potenziale für die Betreuung von Patienten in größerer Entfernung sowie für eine höhere Versorgungsqualität und Patientensicherheit. Klinikärzte sehen das ähnlich. Kaum Potenzial sehen beide Arztgruppen für Digital-Health-Lösungen, die darauf abzielen, die Compliance der Patienten zu verbessern. Das steht deutlich im Widerspruch zur großen Zahl an Start-up-Unternehmen, die genau solche Lösungen vorantreiben.

Angst vor Mehraufwand und Datenlecks

Wird da am Bedarf vorbei entwickelt? Müller sagt, dass er sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen wolle. Er weist aber darauf hin, dass „Operationalisierbarkeit“ bei E-Health-Anwendungen, die die Ärzte unmittelbar betreffen, beachtet werden müsse: „Neue Anwendungen müssen im Workflow handhabbar sein, und sie müssen sich harmonisch in gewohnte Handgriffe einfügen.“

Dass es bezüglich der Handhabbarkeit Nachholbedarf gibt, zeigt die Befragung deutlich. 71,3 Prozent der niedergelassenen Ärzte und 92,6 Prozent der Klinikärzte sagen, die praktische Umsetzung von E-Health-Anwendungen sei noch „unausgereift“. Jeder dritte gibt an, dass E-Health-Anwendungen zu viel Aufwand verursachten. Probleme mit dem Datenschutz befürchtet nach wie vor jeder zweite.

Müller fordert vor diesem Hintergrund von der neuen Bundesregierung vor allem mehr Mut. „Die Politik sollte ihre pflichtgemäße Aufgabe besser erfüllen und die Selbstverwaltung gut monitoren. Speziell beim Thema E-Health sollte sie sich nicht von einzelnen Interessengruppen alles torpedieren lassen.“

Methodisch basiert die Studie „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“ auf einer Online-Befragung, für die 7.300 Ärzte kontaktiert wurden. Als Rücklaufquote wurden 3 Prozent angepeilt, die annähernd erreicht wurden.

Mehr im Internet:

Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2017

© Medizintechnologie.de

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