Digitale Medizin : Selektivverträge liegen im Trend

Digitale Medizinprodukte durch die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) erstattet zu bekommen, bleibt eine Herausforderung. Immer häufiger setzen Anbieter auf Selektivverträge mit Krankenkassen. Die sind berechenbarer als der Weg durch die EBM-Instanzen, aber auch nicht ohne Tücken.

Eine Frau sitzt vor einem Fenster und schaut auf den Bildschirm eines Laptops. Durch das Fenster fließt goldenes Sonnenlicht ins Zimmer und verleiht dem Raum eine sehr positive Stimmung.
Vorbild Schweden: In der Region Stockholm erhalten Ärzte jetzt für eine Videokonsultation genau denselben Betrag wie für eine physische Konsultation, und Patienten müssen genau denselben Betrag dazuzahlen.

Als im vergangenen Jahr die EBM-Ziffern für die Videosprechstunde und das teleradiologische Konsil eingeführt wurden, war die Ernüchterung groß. Vor allem bei den Videosprechstunden sind die Sätze sehr knapp gerechnet. Knapp zehn Euro kann ein Arzt dafür geltend machen, und das auch nur, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, spricht mittlerweile auch von einem „Rohrkrepierer“.

Digitalmedizin in der Regelversorgung: Vorteil Schweden

Auch Klaus Strömer, Präsident des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen (BVDD), hält die EBM-Ziffer für wenig hilfreich. Er muss es wissen: Sein Verband gehörte bei der Videosprechstunde zu den Pionieren in Deutschland. Anderswo ist das anders. Beispiel Schweden: „Wir haben in der Region Stockholm zum Januar 2018 das Erstattungssystem geändert“, sagt Daniel Forslund, bei der Verwaltung der Region Stockholm zuständig für Innovationen und eHealth. „Ärzte erhalten jetzt für eine Videokonsultation genau denselben Betrag wie für eine physische Konsultation, und Patienten müssen genau denselben Betrag dazuzahlen.“

Davon ist das deutsche Gesundheitswesen noch weit entfernt. Kein Wunder also, dass Anbieter digitaler Medizinprodukte mittlerweile nicht mehr so sehr die „EBM-Schiene“, also den Weg durch die Instanzen, im Auge haben, sondern eher auf andere Wege setzen, in die GKV-Welt zu kommen. Der Selektivvertrag steht für viele junge Unternehmen ganz weit oben auf der Wunschliste. Der Vorteil ist klar: Er ist unabhängig von den Gremien des Gesundheitswesens. Nötig ist „nur“ eine erfolgreiche Verhandlungsrunde mit den jeweiligen Partnern inklusive der finanzierenden Krankenkasse.

Große Krankenkassen sind Vorreiter

Wie das geht, machen insbesondere größere Krankenkassen seit einiger Zeit vor. So haben BARMER und AOK Bayern in Bayern einen Selektivvertrag mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte abgeschlossen, der Telekonsultationen zwischen Allgemeinpädiatern und spezialisierten Pädiatern unter Einbeziehung des Kindes bzw. der Eltern umfasst. Sowohl anfragender als auch konsultierter Pädiater erhalten dafür je 50 Euro extrabudgetär. Mittlerweile wird dieser Vertrag bundesweit ausgerollt – eines der Beispiele, bei denen es gelang, einen ursprünglich begrenzten Selektivvertrag zu einem digitalen Produkt in die Breite zu tragen.

Die Techniker Krankenkasse versucht Ähnliches mit einem Selektivvertrag mit dem Berufsverband der HNO-Ärzte über den Einsatz der Tinnitus-Therapie Tinnitracks. Auch hier begann der Vertrag lokal in Hamburg und wird jetzt erweitert. Klaus Rupp, Fachbereichsleiter Versorgungsmanagement bei der TK, ist sehr zufrieden: „Bei digitalen Versorgungsangeboten gibt es ja oft das Problem einer gewissen Reserviertheit auf Seiten der Ärzte. In diesem Fall ist das anders, die Ärzte können ihre Lotsenfunktion besser ausüben. Sie haben die volle Therapiehoheit, und das kommt bei allen Beteiligten gut an.“ Nicht alle HNO-Ärzte sind allerdings von der Effektivität dieser Therapie überzeugt.

Dr. Algorithmus assistiert bei der Krebstherapie

Noch nicht ganz so weit ist ein anderer „digitaler“ Selektivvertrag, den die TK vor einem Jahr mit der Charité Berlin und dem in Heidelberg ansässigen Unternehmen Molecular Health abgeschlossen hat. Dabei geht es um die Versorgung von Kindern mit Krebserkrankungen, bei denen unter bestimmten Bedingungen in Ergänzung zur normalen Betreuung durch ein Tumorboard der Charité zusätzlich eine spezielle Genanalyse des Tumors durchgeführt werden kann.

Konkret geht es um ein Next Generation Sequencing-Panel (NGS 600+-Panel), also keine Komplettanalyse des Genoms. Die NGS-Daten werden laut einem Sprecher der TK in Berlin erstellt, dann nach Heidelberg geschickt und mit Hilfe einer Software namens „Molecular Health Guide“ ausgewertet. Zurückgespielt werden gezielte, genetisch begründete Therapieempfehlungen, die die Ärzte dann in einem erneuten Tumorboard miteinander und mit den Eltern diskutieren.

Das Beispiel illustriert, ähnlich wie das Tinnitracks-Beispiel, dass es bei digitalmedizinischen Selektivverträgen nicht nur um Prozessinnovationen, sondern auch um echte neue Therapieansätze gehen kann. Dabei ist freilich zu beachten, dass die Erstattung per Selektivvertrag die klinische Evaluation nicht überflüssig macht. Die auf Genomsequenzierung basierende Krebstherapie ist bisher ein experimentelles Verfahren, das unter anderem am NCT in Heidelberg in großen Studien wie dem MASTER-Programm und, bei krebskranken Kindern, der INFORM2-Studie klinisch evaluiert wird.

Dessen ist man sich natürlich auch bei der Techniker Krankenkasse bewusst. Nicht ohne Grund beschränkt man die Therapie – ähnlich wie in der INFORM2-Studie – auf Kinder mit Rezidivtumoren und therapieresistenten Tumoren. Das sind Patienten, für die es keine „Standardtherapien“ mehr gibt. Trotzdem: Eine Evaluation ist bei derartigen Selektivverträgen Pflicht. Nach etwa drei Jahren wollen die Projektpartner eine Bilanz ziehen. Erst dann dürfte sich die Frage stellen, ob ein solches Programm noch weiter ausgerollt wird.

Ausarbeitung ist oft mühsam

Auch Selektivverträge entstehen nicht über Nacht. Sie werden von den Partnern in oft langwierigen Verhandlungen ausgearbeitet. Das ist einer der Gründe, warum es vor allem die größeren Krankenkassen sind, die sich mit „digitalmedizinischen“ Selektivverträgen einen Namen machen. Es geht aber auch anders: So nutzen kleinere Krankenkassen teilweise Servicegesellschaften, die stellvertretend für viele Krankenkassen Verträge erarbeiten, die dann von den Mitgliederkrankenkassen oder Kundenkrankenkassen der jeweiligen Servicegesellschaft einfach übernommen werden können. Das hat auch für die Unternehmen Vorteile, denn dann müssen sie nicht mit jeder einzelnen Krankenkasse erneut alle Vertragsdetails „durchverhandeln“.

Ein Beispiel dafür ist die in Düsseldorf ansässige GWQ ServicePlus AG, ein von Betriebskrankenkassen gegründetes Dienstleistungsunternehmen. Sie hat vor einem Jahr den Selektivvertrag „Spielend besser sehen!“ entwickelt, der bei Kindern mit Amblyopie den Einsatz einer webbasierten Stimulationstherapie erlaubt, der Lösung Caterna: „Inzwischen wird diese Lösung unter dem Mantel des von uns ausgearbeiteten Selektivvertrags von mehr als zehn Krankenkassen erstattet“, sagt GWQ-Vorstand Johannes Thormählen, der allerdings auch betont, dass die Vertragsentwicklung langwierig war: „Ziel wäre, dass so etwas in Zukunft schneller geht.“ Eine Blaupause für künftige Verträge zu digitalen Medizinprodukten ist der Vertrag für ihn allemal.

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