Elektronische Patientenakte : Aktenprojekt will Wearables einbinden

Zum ersten Mal treiben gesetzliche Krankenkassen und private Krankenversicherer gemeinsam eine elektronische Gesundheitsakte voran. Sie soll nicht nur Datensafe sein, sondern eine echte Gesundheitsassistentin werden – mit Anbindung von Medizintechnik.

Über Vivy können Versicherte nach Angaben des Start-ups, der DAK und der Allianz mehr Gesundheitsdaten hinterlegen als bei den elektronischen Patientenakten der AOK und der TK.

Nach der AOK und der Techniker Krankenkasse positioniert sich eine weitere große deutsche Krankenkasse in Sachen elektronische Akten. Gemeinsam mit mehreren Betriebs- und Innungskrankenkassen startet die DAK-Gesundheit mit ihren 5,8 Millionen Versicherten eine eigene, rein mobile, webbasierte elektronische Gesundheitsakte. Ausgeschrieben worden war diese Akte im Dezember 2017 von dem Krankenkassen-IT-Dienstleister Bitmarck. Die Vergabe erfolgte jetzt an das in Berlin Mitte ansässige Start-up Vivy.

Anders als bei der IBM-Gesundheitsakte der Techniker Krankenkasse („TKSafe“) handelt es sich bei Vivy um ein bereits fertiges Produkt, das nicht eigens erst entwickelt wird. Wie TKSafe nutzt Vivy eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung unter Einsatz eines privaten, ausschließlich auf dem Mobiltelefon des Patienten gespeicherten kryptographischen Schlüssels. Die Daten liegen, ebenfalls wie bei TKSafe, in einem Rechenzentrum in Frankfurt am Main.

Anbindung von Wearables ist bereits möglich

Da Vivy ein bereits weit entwickeltes Produkt ist, ist der Funktionsumfang deutlich größer als bei anderen Krankenkassenakten. So können die Versicherten nicht nur Daten in zahlreichen Formaten – Pdf-Dokumente, DICOM-Bilder, andere Bilddateien etc. – in einer Dokumentenablage speichern, sondern auch zum Beispiel mit Hilfe eines Barcode-Scanners den bundeseinheitlichen Medikationsplan oder die Barcodes von selbst erworbenen Medikamenten auslesen und so eine digitale Medikationsliste samt Erinnerungsfunktionen erstellen. „Die Versicherten können außerdem Notfalldaten anlegen, die mithilfe eines Stickers oder Schlüsselanhängers von Ärzten zum Beispiel in einer Krankenhausnotaufnahme ausgelesen werden können“, betonte Vivy-Gründer und CEO Christian Rebernik beim Launch-Symposium der neuen Akte in Berlin.

Neben diesen „aktennahen“ Funktionen stellt die Vivy-Akte aber auch noch ganz andere Tools bereit. „Unsere Gesundheitsakte soll nicht nur Daten speichern, sondern den Versicherten aktiv unterstützen“, so Rebernik. Dafür gibt es eine integrierte Gesundheitsassistentin, die auf Basis von Daten, die der Patient zum Beispiel mithilfe von Wearables oder auch per Fragebogen erhebt, Feedback zum Lebensstil, zur Ernährung, zur Schlafqualität oder zur geistigen Leistungsfähigkeit gibt. Eine Anbindung an die Apple-Watch und andere Sport-Sensorik ist bereits möglich. Perspektivisch soll diese Vivy-Gesundheitsassistentin nach Art eines digitalen Gesundheitschecks auch Einschätzungen zur gesundheitlichen Gesamtsituation abgeben und zum Beispiel bei bestimmten Laborwertkonstellationen einen Arztbesuch empfehlen.

Schulterschluss von gesetzlichen und privaten Kostenträgern

Was die neue Gesundheitsakte neben dem breiteren Funktionsumfang noch von anderen Krankenkassenakten unterscheidet, ist die Einbindung einiger privater Krankenversicherungen, neben der Allianz, die Barmenia, die Gothaer und die Süddeutsche. Die Allianz ist über ihre (von der Krankenversicherung getrennte) Holding Allianz SE auch als Investor mit einem Anteil von 70 Prozent an Vivy beteiligt. Zusammen verfügen die gesetzlichen und privaten Versicherer über einen Kundenstamm von stolzen 25 Millionen Versicherten, die als potenzielle Zielgruppe für die neue Gesundheitsakte infrage kommen.

Dass „Private“ und „Gesetzliche“ gemeinsame Wege gehen, wurde sowohl von der PKV- als auch von der GKV-Seite hervorgehoben. Die Vorstandsvorsitzende der Allianz Private Krankenversicherung, Birgit König, betonte, dass eine private Krankenversicherung durch die Zusammenarbeit mit GKVen sicherstellen könne, keine Insellösungen aufzubauen. Und Hans-Jörg Gippler, Vorstand der Bahn BKK, erinnerte daran, dass gesetzlich krankenversicherte Patienten häufig private Zusatzversicherungen hätten: „Mein Traum ist, dass der Versicherte über seine App beides im Blick hat und private Zusatzleistungen vielleicht sogar irgendwann automatisiert abrechnen kann.“ Dazu seien aber neben technischen Weiterentwicklungen auch neue gesetzliche Regelungen erforderlich.

Kassenakten und Gematikakte passen (noch?) nicht zusammen

Das große Fragezeichen bei dieser wie bei anderen Krankenkassenakten ist und bleibt natürlich die Einbindung in das „Gesamtkunstwerk“ eines digitalen Gesundheitswesens, für das weiterhin in erster Linie die Betreibergesellschaft Gematik der gemeinsamen Selbstverwaltung verantwortlich ist. Rebernik zufolge sollen Ärzte per Fax (!) und perspektivisch dann wohl auch über die neue Patientenschnittstelle des Kommunikationssystems KV-Connect der Kassenärztlichen Vereinigungen Daten aus ihrer Praxis-IT in die Vivy-Akte schicken können.

Letzteres könnte man mit etwas gutem Willen als Integration in die Telematikinfrastruktur (TI) „verkaufen“, denn KV-Connect soll relativ zügig ein Teil dieser Infrastruktur werden. Nur: Auch die Gematik – an der die Gesetzliche Krankenversicherung über ihren Spitzenverband einen Anteil von 50 Prozent hält – werkelt an einer Aktenlösung, einer elektronischen Patientenakte nach §291a SGB V. Die ist zwar – im Gegensatz zum Beispiel zur AOK-Akte – auch als „zentrale“, serverbasierte Online-Akte konzipiert. Die Gematikakte nach §291a soll aber – anders als die Gesundheitsakten der einzelnen Krankenkassen – innerhalb der Telematikinfrastruktur lokalisiert sein und damit den strengen, an die elektronische Gesundheitskarte gekoppelten Zugriffsregelungen unterliegen, die diese gerade in ersten Schritten des Aufbaus befindliche Infrastruktur auszeichnet.

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