BVMed-Herbstumfrage : Stabile Branche fühlt sich ausgebremst

Die Lage der Medizintechnikbranche in Deutschland ist stabil – noch. Die Herbstumfrage des Bundesverbands Medizintechnologie zeigt, dass die Hersteller bang in die von der Medical Device Regulation verordnete Zukunft blicken.

BVMed-Pressekonferenz: Zwei Herren im Anzug sitzen hinter einem Tisch. Beide haben die Hände vor der Brust gefaltet. Auf em Tisch vor ihnen stehen mit Wasser gefüllte Gläser.
Stellten die Ergebnisse der Herbstumfrage des Bundesverbands Medizintechnologie vor: Dr. Meinrad Lugan, Vorstandsvorsitzender des BVMed, und Joachim M. Schmitt, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied.

Die Zahlen, die BVMed-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Joachim M. Schmitt bei der BVMed-Jahrespressekonferenz in Berlin vorstellte, zeichnen das Bild einer stabilen Branche. Das weltweite Umsatzwachstum der deutschen Medizintechnikunternehmen hat sich bei etwa 6 Prozent eingependelt. Im Inland sind die Umsätze stärker als im Vorjahr gewachsen – um 4,2 Prozent gegenüber 2,8 Prozent im Vorjahr. Sie liegen damit wieder gleichauf mit den Ergebnissen von 2015 und 2016.

Gleichwohl bewerten die Unternehmen die weltweite Umsatzentwicklung besser als die Entwicklung auf dem Heimatmarkt. Angesichts sinkender Preise und höherer Kosten gehen die meisten davon aus, weniger Gewinn zu machen. Nur 24 Prozent, erläuterte Schmitt, erwarten mehr. 35 Prozent rechnen mit einer rückläufigen Entwicklung, 40 Prozent mit Stagnation.

Als größtes Hemmnis für die zukünftige Entwicklung der Branche geben die Unternehmen die gestiegenen Anforderungen und die steigenden Kosten durch die neue EU-Medizinprodukte-Verordnung (MDR) sowie Engpässe bei den Benannten Stellen an. Nicht ohne Grund: Von den 58 Benannten Stellen, die im vergangenen Jahr akkreditiert waren – 2013 waren es noch 75 Stellen – haben 21 eine Neubenennung gemäß MDR beantragt, berichtete Dr. Joachim Wilke, der den BVMEd-Arbeitskreis Regulatory and Public Affairs leitet. Fünf davon seien in Großbritannien beheimatet. „Im Falle eines harten Brexits sind die weg.“ Zwei Drittel der Unternehmen befürchten darüber hinaus, dass als Folge der MDR-Implementierung Produkte aus ökonomischen Gründen vom Markt genommen bzw. nicht auf den Markt gebracht werden.

„Die Übergangsfristen für die MDR sind zu kurz und nicht umsetzbar.“

Marc Michel, stellvertretender Vorsitzender des BVMed-Vorstands

Das gelte zum Beispiel für Produkte, die nur in kleineren Stückzahlen benötigt werden, sogenannte „orphan medical devices“, erläuterte Marc Michel, stellvertretender Vorsitzender des BVMed-Vorstands und Geschäftsführer der Peter Brehm GmbH. Problematisch sei auch, dass Bestandsprodukte neu zugelassen werden müssen, selbst wenn sie seit 20 Jahren ohne Vorkommnisse am Markt sind. Die hohen Aufwände für die klinische Validierung oder die Technische Dokumentation seien insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen kaum zu stemmen, sagte der BVMed-Vorstandsvorsitzende Dr. Meinrad Lugan. „Ein Beispiel: Die Technische Dokumentation für ein Medizinprodukt der Klasse 3 war etwa 500 Seiten stark. Nach MDR beläuft sich der Umfang auf etwa.6000 Seiten.“ Michel gab an, dass in seinem Unternehmen deshalb zehn neue Regulatory-Affairs-Stellen geschaffen worden seien.

Medizintechnikbranche bleibt Jobmotor

Diesen Widrigkeiten zum Trotz bleibt die Medizintechnikbranche ein Jobmotor. 51 Prozent der teilnehmenden Medizintechnikunternehmen haben zusätzliche Jobs gegenüber dem Vorjahr geschaffen. Nur 9 Prozent der Unternehmen mussten Arbeitsplätze abbauen. Die Berufsaussichten für Fachkräfte sind nach wie vor ausgezeichnet. Gesucht werden vor allem Medizintechniker und Ingenieure. 84 Prozent der Unternehmen geben an, offene Stellen zu haben. Am dringendsten werden Vertriebsmitarbeiter gesucht. 79 Prozent der Unternehmen haben Probleme, offene Stellen zu besetzen.

Als „gute Signale für die hochinnovative Medizintechnikbranche“ wertete Lugan die neue Hightech-Strategie der Bundesregierung sowie den aktuellen Koalitionsvertrag. In beiden heißt es, dass Innovationen schneller zu den Patienten gelangen sollen. Laut Koalitionsvertrag sollen dafür die Verfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses beschleunigt werden.

„Wir möchten den Strategieprozess Medizintechnik nutzen, um eine bessere Fortschrittskultur in Deutschland zu erreichen.“

Dr. Meinrad Lugan, BVMed-Vorstandsvorsitzender

Auf der Wunschliste des BVMed stünde deshalb ein „Fortschrittsbeschleunigungsgesetz“, sagte Lugan. Um die Verfahren zu beschleunigen, bräuchten die Herstellerverbände ein Antragsrecht für neue Medizintechnologien. Hersteller müssten als Experten im die Bewertungsverfahren eingebunden werden. Nachbesserungsbedarf bestehe auch beim § 137e Sozialgesetzbuch (SGB) V – Erprobung von Untersuchungs- und Behandlungsmethoden – und beim § 137h SGB V – Bewertung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden mit Medizinprodukten hoher Risikoklasse. Lugan: „Diese Paragrafen sind eine Fortschrittsbremse.“

Lugan äußerte sich auch zum Kabinettsentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG). Die vorgesehene generelle Absenkung der Vergütung von Leistungen mit hohem technischen Leistungsanteil sollte gestrichen werden. Beim Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) sehe der BVMed die Gefahr unerwünschter Fehlanreize, wenn die Pflege aus den Diagnosis Related Groups (DRGs) herausgelöst würde. Es bestehe die Gefahr, dass beispielsweise minimalinvasive Verfahren benachteiligt werden, weil sie höhere Materialkosten verursachen, „obwohl die minimalinvasive Methode deutliche Vorteile für die Patienten hat und die Pflege entlastet“. Außerdem sollte die pauschale Kürzung der Sachkosten, die mit dem Krankenhausstrukturgesetz eingeführt wurde, zurückgenommen werden.

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