Siemens Jahresbilanz 2018 : Konzern im Wandel

Es war ein turbulentes Geschäftsjahr für die Siemens AG – vor allem aufgrund der Umstrukturierung des Konzerns und des Börsenganges der Healthineers. Diese Woche zogen der Mutterkonzern in München und die Medizintechniksparte in Erlangen ihre Jahresbilanz.

Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, demonstrierte Gelassenheit und schärfte den Blick in die Zukunft. Weltweit sei der Konzern ein Vordenker der industriellen Digitalisierung.

„Wachstum findet auf breiter Basis über fast alle Geschäfte hinweg statt“, sagte Vorstandschef Joe Kaeser am vergangenen Donnerstag. Demnach stieg der Jahresumsatz des Gesamtkonzerns um zwei Prozent auf 83 Milliarden Euro – trotz des gewaltigen Umsatzrückgangs in der Energiesparte Power und Gas (- 14 Prozent). Der Gewinn nach Steuern liegt bei 6,3 Milliarden Euro. Gut die Hälfte des Gewinns wird an die Aktionäre ausgeschüttet. Der Vorstand werde auf der Hauptversammlung am 30. Januar eine Dividende von 3,80 Euro vorschlagen. Das sei ein Plus von 10 Cent zum Vorjahr. Zudem steigere der Konzern kontinuierlich den Wert der Aktien durch einen Rückkauf. In den kommenden zwei Geschäftsjahren sollen Aktien im Wert von insgesamt drei Milliarden Euro zurückgekauft werden.  

Volle Auftragsbücher

Sorgenkind bleibt die Kraftwerkssparte. Wegen Überkapazitäten bei Gasturbinen am Markt und des Trends zu erneuerbaren Energien mussten die Münchner Tausende Stellen streichen. Der Umbau kostet viel Geld und ließ den Gewinn im vierten Quartal um nahezu die Hälfte einbrechen.

Die Vorbereitungen für das Vision 2020+ genannte Vorhaben liefen nach Plan, sagte Kaeser. Dadurch soll die Struktur des Konzerns schlanker werden und die einzelnen Geschäftsbereiche mehr Eigenverantwortung erhalten. Siemens will dabei auch in neue Wachstumsgebiete investieren, wie etwa in das Internet der Dinge, dezentrales Energiemanagement oder infrastrukturelle Elektromobilität. „In der industriellen Digitalisierung sind wir heute deutlich die Nummer Eins.“ Der Abstand zur Konkurrenz habe sich im abgelaufenen Geschäftsjahr vergrößert. Die „Digital Factory“ sei derzeit das „Maß der Dinge“. Allein der Umsatz mit Industriesoftware konnte um 12 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro gesteigert werden. Und dieser Trend werde sich fortsetzen.

Und die Bücher sind voll: 2018 stieg der Auftragseingang um acht Prozent auf 91,3 Milliarden Euro. Das Verhältnis von Auftragseingang und Umsatz lag im abgeschlossenen Geschäftsjahr bei 1,10. Kaeser freute sich besonders über einen Megaauftrag von über 800 Millionen Euro, den der Konzern in Norwegen abschloss. Dort werde Siemens das Bahnnetz digitalisieren und über 25 Jahre warten.

Healthineers-Börsengang für die Zukunft

Kaeser sprach auch über die Healthineers. „Siemens Healthineers hat es sehr schnell in den MDax geschafft.“ Die Marktkapitalisierung liege derzeit bei 38 Milliarden Euro. Seit dem Börsenstart habe der Aktienkurs um 36 Prozent zugelegt. Als eigenständiges Unternehmen im Markt habe die Medizintechnik nun „den nötigen unternehmerischen Freiraum, um die Zukunft branchengerecht zu gestalten“. Bereits zu Wochenbeginn wurden die Geschäftszahlen der Healthineers veröffentlicht.

Demnach lag der Jahresumsatz der Medizintechniksparte bei 13,4 Milliarden Euro – ein Plus von 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Beachtlich ist auch der Gewinn: 2,3 Milliarden Euro. Die USA ist mit einem Anteil von 30 Prozent am Gesamtumsatz der größte Markt, gefolgt von EMEA (Europa, GUS, Afrika und Naher Osten) mit 55 Prozent und Asien-Pazifik mit 15 Prozent. Die Auftragslage hat sich im Vergleich zum Vorjahr verbessert (2017: +2 Prozent/ 2018: +7 Prozent). Unter anderem sind die Healthineers derzeit mit Großaufträgen in Australien, Brasilien, Deutschland, Korea und den USA unterwegs. Die Healthineers arbeiten, nach eigenen Angaben, kräftig an Produkten der künstlichen Intelligenz (KI). So gebe es bereits 40 Angebote mit KI, 240.000 Patientenberührungspunkte pro Stunde und 4.400 klinische Kollaborationen. Täglich fänden mit ihrem Sherlock Supercomputer mit 16 PetaFlop 400 KI-Experimente statt. Die Healthineers hielten 500 Patente im Bereich des Machine Learnings, davon 100 im Bereich Deep Learning.

„Wir wollen nachhaltige Geschäfte machen“

Wieder einmal wurde deutlich, dass Konzernchef Kaeser gesellschaftliche Entwicklungen und die Weltpolitik ernst nimmt. Seine Worte wählte er aber mit demonstrativer Gelassenheit. „Ich habe mich nie gegen die AFD ausgesprochen. Die AFD ist eine zugelassene Partei. Diejenigen, die sie wählen wollen, sollen das auch tun. Das steht mir gar nicht zu, dies zu bewerten. Ich habe mich ausgegesprochen gegen Rassenhass, Ausgrenzung und respektloser Beschreibung von Mitmenschen, die auch bei Siemens gute Arbeit machen. Das hat verschiedene Gründe. Diese Art von Spaltung hat in der Geschichte für die Menschen immer zu großen Nachteilen geführt, egal wo. Und deshalb werde ich mich weiterhin zu solchen Themen äußern, wenn ich danach gefragt werde oder wenn es dem Unternehmen schadet. Wenn die Menschen, die im Unternehmen arbeiten, diskriminiert werden, dann werde ich das wieder tun, aus der Verantwortung meinen Mitarbeitern gegenüber.“

Joe Kaeser war einer der wenigen Konzernchefs, die sich öffentlich zu Saudi Arabien äußerten. „Das Leben ist manchmal nicht so oberflächlich.“ Lange hätte er sich die Option offen gehalten, nach Riad zur Investorenkonferenz zu fliegen und sich erst am Abend vor Beginn des Megaevents dagegen entschieden. Schließlich hingen an Aufträgen auch viele Arbeitsplätze in Deutschland, zehntausende Arbeitsplätze. Der Dialog sei fundamental. „Wir müssen miteinander reden, nicht übereinander.“

Und wie geht es weiter mit US-Präsident Donald Trump und dem US-Markt? „Wir zwingen dem Kunden unsere Produkte nicht auf. Wir sind gut beraten, es dabei zu belassen.“ Immerhin mache Siemens mit 20 Milliarden Euro Jahresumsatz einen großen Teil seines Geschäftes in den USA. Zur Krise von General Electric wollte Kaeser sich nicht äußern. „Wir arbeiten hart. Zu den anderen kann ich nichts sagen.“ Auch zu dem ausstehenden Irakgeschäft hielt er sich bedeckt. „Wir möchten, dass das beste Team gewinnt. Wir wollen gute, nachhaltige Geschäfte machen. Wir konzentrieren uns auf die Lösungen.“

Vordenker für industrielle Digitalisierung

Der wichtigste Standort sei weiterhin Deutschland. Immerhin würde der Konzern zwei Drittel seiner Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, das waren insgesamt 5,6 Milliarden Euro, hier investieren. Das Unternehmen sei „Vordenker bei Themen, die wesentlich für die industrielle Digitalisierung sind“. Siemens baut dafür einen Schwerpunktstandort auf – in Berlin-Spandau. Das Thema Cybersicherheit werde sehr ernst genommen. Deshalb habe der Konzern dieses Jahr die „Charter of Trust“ gegründet. Der Initiative seien schon 15 Unternehmen beigetreten – etwa Cisco, IBM und Airbus. Über eine Auszeichnung freute sich Kaeser ganz besonders: Der Dow Jones Sustainibility Index hat Siemens erneut zur Nummer eins weltweit gekürt.

Mehr im Internet:

Statements von Joe Kaeser im Video

Rede von Joe Kaeser

Präsentation von Joe Kaeser

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