Digitalisierung : Milliardenchance für die Medizintechnikbranche

In digitaler Medizintechnik stecken Milliarden. Das ermittelten das Beratungshaus Roland Berger und der Verband Spectaris in einer im Vorfeld der Medica vorgestellten Studie. Doch der digitale Wandel verläuft in Deutschland zu langsam und unkoordiniert. Die Autoren warnen: Deutschland könnte international den Anschluss verlieren.

Digitalisierung: Eine Hand weist in Richtung des Betrachters. Der ausgestreckte Zeigefinger zeigt auf eine Wolke aus Symbolen für medizinsche Themen.
Mit der Digitalisierung der Medizin wird auch die Medizintechnik digital.

Die Zukunft der Medizintechnik ist digital. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die die Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag des Industrieverbands Spectaris und der Messe Düsseldorf durchgeführt hat. Schon in zehn Jahren werden Medizintechnikunternehmen laut der Befragung knapp ein Drittel ihrer Umsätze (31 Prozent) mit neuen digitalen Produkten und Dienstleistungen erwirtschaften. Der Segmentumsatz werde dann bei jährlich 15 Milliarden Euro liegen. „Das entspricht einem jährlichen Umsatzplus von 16 Prozent in diesem Segment“, erklärte Spectaris-Geschäftsführer Jörg Mayer anlässlich der Vorstellung der Studie im Vorfeld der Medica. Derzeit erziele die Branche mit digitalen Produkten einen Jahresumsatz von 3,3 Milliarden Euro und steuere damit elf Prozent zum Gesamtumsatz der Branche bei.

„Medizinprodukte und Services ohne digitale Komponenten dürften künftig eher die Ausnahme sein.“

Jörg Mayer, Spectaris

Künftig „dürften Medizinprodukte und Services ohne digitale Komponenten eher die Ausnahme sein“, so Mayer. Auch den Arbeitsmarkt werde der Trend beeinflussen: So könnten durch die Digitalisierung bis 2028 mehr als 10.000 neue Jobs in der Medizintechnikbranche entstehen, sowohl in Forschung und Entwicklung als auch in der Fertigung.

Medtech-Branche investiert wenig in Digitalisierung

Für ihre Studie befragten die Unternehmensberater mehr als 200 Medizintechnikunternehmen aller Größen und interviewte Experten aus Krankenhäusern, Start-ups, Krankenkassen sowie der Politik und wertete einschlägige Publikationen aus. Dabei offenbarte sich neben der Wachstumsprognose auch ein immenser Nachholbedarf: Zwar geben 36 Prozent der befragten Häuser an, eine Digitalisierungsstrategie formuliert zu haben. Doch investiere die große Mehrzahl der Firmen (76 Prozent) aktuell weniger als 2,5 Prozent ihres Umsatzes in Digitalisierungsprojekte. Angesichts der zu erwartenden Chancen und der notwendigen strukturellen Voraussetzungen ein viel zu geringes Volumen, so Spectaris-Chef Mayer: „Die Rate sollte eigentlich bei drei bis fünf Prozent liegen.“

MDR und Bürokratie sind Hindernisse

Die Studienautoren attestieren den Befragten eine Vogel-Strauß-Taktik: Personalmangel, Überforderung durch die Medical Device Regulation (MDR) und wachsende Bürokratie seien lähmend, langfristige Weichenstellungen würden auf später verschoben. „Nur 24 Prozent der Unternehmen fühlen sich auf künftige Herausforderungen der Digitalisierung gut vorbereitet“, so Mayer.

Dabei sei den Unternehmen sehr wohl klar, dass die Digitalisierung langfristig ihre Produktivität steigern könne. In zehn Jahren, so sagte mehr als die Hälfte der Befragten, könnte die Digitalisierung ihrer Industrie Einsparungen von zehn bis 30 Prozent bringen, 22 Prozent gehen sogar von Kostensenkungen von über 30 Prozent aus. „Das größte Potenzial sehen die Firmen in Forschung und Entwicklung“, so Thilo Kaltenbach, Senior Partner von Roland Berger. Durch innovative Technologien ließen sich die Entwicklungszeiten neuer Produkte erheblich verkürzen. „Dank digitalisierter Prozesse kann beispielsweise das Kundenfeedback direkt, manchmal sogar in Echtzeit, in die Entwicklung von Prototypen einfließen“, ergänzt Spectaris-Chef Mayer.

Deutschland könnte Digitalisierung verschlafen

Den größten Anwendernutzen versprechen sich die Befragten – nach klinischer IT-Vernetzung und IT-gestützter Patientenverwaltung – von sensorgestützten Geräten sowie von Analysen mittels Big Data. Interessant: Apps und Mobile Health-Anwendungen werden als eher nachrangig eingeschätzt. Sie hätten laut Studienautoren eine unterstützende Funktion, seien aber für die Platzierung von Produkten nicht entscheidend. 

Thilo Kaltenbach verwies bei der Studienpräsentation darauf, einen Anstoß in Richtung Politik geben zu wollen. Der digitale Wandel verlaufe zu langsam und unkoordiniert. „98 Prozent der Unternehmen wünschen sich mehr Unterstützung durch die Politik.“ Andere EU-Länder sollten als Vorbild dienen. „Um die Digitalisierung voranzubringen, hat die niederländische Regierung schon 2015 Investitionen im Umfang von 130 Millionen Euro bewilligt.“ Weitere Vorreiter seien Dänemark, Schweden, aber auch Estland, wo universelle Datenformate eine hohe Interoperabilität ermöglichten.

E-Health-Strategie gefordert

Deutschland brauche eine nationale E-Health-Strategie und ein Infrastrukturprogramm, um die Digitalisierung nicht zu verschlafen. Der wichtigste Schritt sei die Einführung einer elektronischen Patientenakte (EPA). „Wenn Deutschland jetzt nicht handelt, droht langfristig ein Verlust von Wettbewerbsfähigkeit, Marktanteilen und Arbeitsplätzen“, so Mayer. Zudem könnten neue Medizinprodukte zuerst im Ausland eingeführt werden – Deutschland fiele damit auch in der Qualität der Versorgung zurück.

Eine Einstellung, die übrigens auch manch ein für die Studie befragter Politiker teilt. Jens Spahn etwa lässt sich in dem Papier zitieren, die Digitalisierung „aktiv und offensiv gestalten“ statt „passiv erleiden“ zu wollen. „Aufzuhalten“, so der Bundesgesundheitsminister, „ist sie sowieso nicht.“

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