Chronische Atmungsinsuffizienz : Nicht-invasive Beatmung kann Leben retten

Eine neue Studie untermauert die hohe Wirksamkeit der häuslichen nicht-invasiven Beatmung (NIV) bei Patienten mit schwerer, chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD). Die Arbeit bestätigt eine deutsch-österreichische Studie von vor drei Jahren und dürfte Auswirkungen auf die neuen Leitlinien haben.

Bei der nicht-invasiven Beatmung (NIV) wird der Patient über eine Maske beatmet, die Mund und Nase luftdicht abschließt.

Bei der mechanischen Beatmung von Patienten werden die invasive und die nicht-invasive Beatmung unterschieden. Die invasive Beatmung erfolgt über einen orotrachealen Tubus oder über eine Trachealkanüle. Bei der nicht-invasiven Beatmung (NIV) dagegen wird der Patient über eine Maske beatmet, die Mund und Nase, mitunter auch nur die Nase, luftdicht abschließt.

Die NIV wurde Anfang der 80er Jahre entwickelt, um Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe zu behandeln. „Bei diesen Patienten dient sie dazu, die oberen Atemwege nachts offen zu halten“, erläutert Martin Hetzel, Chefarzt der Klinik für Pneumologie, Internistische Intensivmedizin, Beatmungsmedizin und Allgemeine Innere Medizin am Krankenhaus vom Roten Kreuz Bad Cannstatt. Seit damals wurden die NIV-Systeme kontinuierlich verbessert und haben sich neue Indikationsgebiete erschlossen.

Überleben steigt, Klinikaufenthalte werden seltener

Ein zentrales Einsatzgebiet der NIV ist heute die chronische Atmungsinsuffizienz: Patienten können nicht genug atmen, um das Kohlendioxid, das der Körper produziert, vollständig wieder loszuwerden. Sie werden „hyperkapnisch“, was im Extremfall zum Tod führen kann. Die häusliche NIV kann diesen Patienten helfen, nicht weil sie die Atemwege offenhält, sondern weil sie das Kohlendioxid „auswäscht“ und die Atemmuskulatur entlastet. „Dadurch kommen die betroffenen Patienten dann – ohne Maske – besser durch den Tag“, betont Hetzel. Diese Form der NIV wird am häufigsten bei COPD-Patienten eingesetzt. Aber auch Patienten mit Atemschwäche wegen neuromuskulärer Erkrankungen oder wegen Skelettdeformitäten sind gute Kandidaten für eine solche Therapie.

In der Fachzeitschrift JAMA wurden jetzt die Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten Studie zur häuslichen NIV publiziert, der britischen HOT-HMV-Studie. Sie hat die häusliche NIV bei 116 COPD-Patienten untersucht, die eine lebensbedrohliche Verschlechterung ihrer Erkrankung – eine sogenannte Exazerbation – hatten und deswegen im Krankenhaus behandelt wurden. Nach der erfolgreichen Therapie erhielt die Hälfte der Patienten eine medikamentöse Behandlung und eine Langzeit-Sauerstofftherapie, die andere Hälfte statt der Sauerstofftherapie eine häusliche NIV.

Das Ergebnis war deutlich: Das Risiko, im ersten Jahr nach der Exazerbation zu versterben, wurde um knapp ein Fünftel gesenkt. Die Rate erneuter, gefährlicher Exazerbationen sank um gut ein Drittel. Und die Zeit bis zum nächsten Krankenhausaufenthalt war bei Einsatz der NIV um die Hälfte länger. „Die britische Studie belegt eindrucksvoll, dass eine nächtliche Maskenbeatmung eine wichtige Therapieoption bei hyperkapnischen COPD-Patienten ist“, so Carl-Peter Criée, Vorsitzender der Deutschen Atemwegsliga. Auch Wolfram Windisch, Chef der Lungenklinik der Kliniken der Stadt Köln, betonte gegenüber Medizintechnologie.de, dass die Studie „extrem wichtig“ sei.

Neue Leitlinie kommt noch in diesem Monat

Die HOT-HMV-Studie ist die zweite größere randomisierte Studie, die die häusliche NIV bei Patienten mit COPD evaluiert hat. Bereits im Jahr 2014 gab es eine deutsch-österreichische Studie, die sich auf Patienten mit stabiler COPD konzentriert hat. „Die Ergebnisse der HOT-HMV-Studie gehen in dieselbe Richtung wie die Ergebnisse der deutsch-österreichischen Studie von 2014. Wir haben jetzt zwei qualitativ hochwertige, randomisierte Studien, die den Nutzen der häuslichen NIV bei der COPD belegen und erreichen damit ein sehr hohes Evidenzniveau“, betont Martin Hetzel.

Der Pneumologe ist daher zuversichtlich, dass sich die beiden Studien auch in der neuen deutsche Leitlinie zur Beatmung bei chronisch-respiratorischer Insuffizienz niederschlagen werden, die nach Aussage von Windisch noch im Juni auf der Webseite der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zugänglich gemacht werden soll. Die bisherige Fassung der Leitlinie stammt aus dem Jahr 2009 und berücksichtigt noch keine der beiden Studien. Auch damals wurde die NIV als Therapie aber bereits empfohlen. Die neue Empfehlung dürfte jetzt deutlich stärker ausfallen.

Ob sich das auf die Versorgungssituation in Deutschland auswirkt, ist eine andere Frage. „Letztlich bestätigt die HOT-HMV-Studie das, was wir in Deutschland bereits machen“, so Hetzel. Zwar gibt es keine präzisen Zahlen zur häuslichen NIV in Deutschland. Experten gehen aber davon aus, dass allein wegen chronischer Ateminsuffizienz aktuell eine fünfstellige Zahl an Patienten damit behandelt wird.

Telemedizin könnte die häusliche NIV voranbringen

Die Einstellung auf die Therapie und die Begleitung der Behandlung sind nicht ganz einfach. Die Beatmungsdrücke bei der NIV wegen chronischer Atmungsinsuffizienz übersteigen jene bei der nächtlichen Beatmung von Patienten mit chronischer Schlafapnoe deutlich. Zudem wird der Patient, anders als bei Schlafapnoe, aktiv beatmet. Nicht jeder kommt damit klar. „Auch deswegen gelingt es nur bei etwa zwei von drei Patienten, die die Indikation erfüllen, die NIV als Behandlung auch wirklich zu etablieren“, so Hetzel. Auch diese Quote gelinge nur, wenn man über größere Erfahrung verfüge: Die Maske muss individuell angepasst werden, und in der Anfangsphase müssen nachts die Blutgase kontrolliert werden, um eine optimale Einstellung zu erreichen.

Fünf bis zehn Tage dauere das, so Hetzel. „Wir empfehlen außerdem, dass die Patienten nach zwei Monaten zur  Kontrolle der Wirksamkeit der nächtlichen Beatmung  im Krankenhaus untersucht  werden.“ Bestrebungen, die NIV-Einstellung bei chronischer Atmungsinsuffizienz rein ambulant vorzunehmen oder zu kontrollieren, sieht Hetzel vor diesem Hintergrund kritisch. Interessante Perspektiven bietet die Telemedizin, durch die Experten in den pneumologischen Zentren eingebunden werden könnten. Technisch geht das. Wie so oft bei der Telemedizin ist aber unklar, wie solche Konzepte in der Versorgung umsetzbar sind.

Mehr dazu im Internet:

HOT-HMV-Studie in JAMA

© Medizintechnologie.de

Das könnte Sie auch interessieren

Drei Männer und eine Frau halten die Hände zusammen.

Siemens baut auf Berlin

Die Siemens AG investiert kräftig in ihren Berliner Standort. Dort sollen künftig Technologien für die Digitalisierung entwickelt und produziert werden. Trotz des Wirbels um die Umstrukturierung des Konzerns sind das gute Nachrichten für Deutschland. Siemens baut auf Berlin Weiterlesen

Auf einer Petrischale sieht man Punkte, Bakterienkulturen.

Kampf gegen gefährliche Keime

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat am vergangenen Dienstag die Förderrichtlinie „Innovative medizintechnische Lösungen zur Prävention und Versorgung nosokomialer Infektionen“ veröffentlicht. Kampf gegen gefährliche Keime Weiterlesen