Leistungsstatistik Herzchirurgie 2016 : Bedarf an Herzunterstützungssystemen steigt

Die Herzchirurgen sehen Verbesserungspotenzial in der Behandlung der Koronaren Herzkrankheit. Die offene Herzchirurgie zeige bei bestimmten Patientengruppen durchaus Vorteile gegenüber Herzkathetereingriffen. Zudem wünschen sich die Mediziner etwas von der Industrie: die Herzunterstützungssysteme weiterzuentwickeln. Sicher ist: Künftig werden noch mehr Geräte schwerstkranke Herzen am laufen halten.

Foto: DGTHG

Bundesweit werden weniger Herzoperationen durchgeführt. Die Gesamtzahl aller Operationen in den 78 Fachabteilungen für Herzchirurgie in Deutschland ist um 0,8 Prozent gesunken und lag 2016 bei 103.128 Eingriffen (2015: 103.967). Das geht aus den aktuellen Zahlen der herzchirurgischen Leistungsstatistik der  Fachgesellschaft der deutschen Herzchirurgen, der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG), hervor.

Nach Eingriffskategorien differenziert, zeigen sich allerdings unterschiedliche Entwicklungen. Trotz dieses allgemeinen Rückgangs wurden 2016 mehr Herzklappeneingriffe durchgeführt (+3,4 Prozent) – vor allem minimalinvasiv an den Aortenklappen. Dort wurden sogenannte biologische Herzklappenprothesen implantiert.

„Die kathetergestützte Aortenklappenimplantation ist eine vielversprechende Therapie“, sagt Wolfgang Harringer, Präsident der DGTHG. „Obwohl wir zur Zeit noch nicht alle Vor- und Nachteile dieses relativ jungen Verfahrens kennen, wie etwa die Haltbarkeit der Herzklappenprothesen.“ Diese werde bereits und müsse auch weiterhin noch kurz-, mittel- und insbesondere langfristig evaluiert werden. In diesem Zusammenhang begrüßt Harringer auch außerordentlich die seit Juli 2015 geltende „Richtlinie minimalinvasive Herzklappeninternventionen“ des Gemeinsamen Bundesausschusses, die Struktur-, Prozess- und Personalvoraussetzungen dieses Verfahrens verbindlich festlegt, um die Patientensicherheit in Bezug auf die Indikationsstellung, den Eingriff selbst und die begleitenden Maßnahmen zu erhöhen.

Team-Strukturen für eine bessere Patientenversorgung stärken

Ähnliche Vorgaben wünscht sich Harringer auch für andere Herzerkrankungen, etwa bei der Behandlung der Koronaren Herzkrankheit (KHK). Denn seit Jahren verzeichnet die DGTHG einen Rückgang der isolierten koronaren Bypass-Operationen zugunsten von Katheterinterventionen, wobei Koronarstents eingesetzt werden. Und dies, obwohl diverse Studien zeigten, dass eine Bypass-Operation für Patienten mit komplexen Verengungen sowie bei Befall mehrerer Herzkranzgefäße in punkto Lebensqualität und Überlebensrate die bessere Wahl sei, so Harringer. Dies empfehle auch die nationale Versorgungsrichtlinie „Chronische Koronare Herzkrankheit“ für diese Patienten.

„Diese Fakten legen nahe, dass die evidenzbasierten Empfehlungen von Leitlinien oder wissenschaftlichen Studien in der alltäglichen Patientenversorgung nicht durchgängig berücksichtigt werden“, kritisiert Harringer. Dafür verantwortlich macht der Chefarzt der Herzchirurgie am Städtischen Klinikum Braunschweig die Art der Patientenversorgung und mit ihr einhergehende Faktoren.

„Wenn der Patient zur Diagnostik einer KHK einen Herzkatheter erhält, wird oft schon im Vorfeld die potenzielle Stent-Therapie thematisiert und somit indirekt favorisiert – vom Patienten, da er für diesen einzeitigen und minimalinvasiven Therapieansatz sicher offener ist", sagt Harringer. „Andererseits gibt es aber auch ökonomische Interessen der Institution. Die Zahl der Herzkatheterlabore nimmt zu, und diese wollen aus Perspektive der Wirtschaftlichkeit eine gewisse Auslastung."

Deshalb solle die initiale Patientenaufklärung neutraler und häufiger interdisziplinär verlaufen. „Wir setzen uns bei der Behandlung der KHK für die verbindliche Verankerung von Versorgungsstrukturen wie in der Onkologie ein: qualifizierte, interdisziplinäre Herz-Teams, die zwingend die langfristig beste Therapie für den einzelnen Patienten diskutieren und eine gemeinsame Empfehlung abgeben.“

Herzunterstützungssysteme sind zunehmend Alternative

Aufgrund der zurückgehenden Bereitschaft der Bevölkerung zur Organspende und des daraus resultierenden sehr großen Mangels an Spenderherzen steigt die Zahl der implantierten Herzunterstützungssysteme seit Jahren deutlich an. Waren es im Jahr 2005 noch 350, wurden 2016 bereits 1.001 Patienten mit derartigen Systemen versorgt.

„Die Akzeptanz bei den Patienten für diese lebensrettende Technologie ist gestiegen. Zudem sind die implantierten Unterstützungssysteme im vergangenen Jahrzehnt deutlich kleiner, leistungsfähiger und einfacher in der Handhabung geworden, sodass sie nun auch bereits zur Dauertherapie eingesetzt werden. Bereits heute gibt es Patienten, die schon seit 10 bis 15 Jahren mit einem Herzunterstützungssystem leben“, sagt Harringer. Bei mehr als 90 Prozent der Patienten kommen Systeme zum Einsatz, die entweder die linke oder die rechte Herzkammer unterstützen. „Die sogenannten Kunstherzen, die das menschliche Herz in toto ersetzen, haben eher noch experimentellen Charakter und finden äußerst selten Verwendung.“

Verbesserungen wünscht sich der Präsident der DGTHG bei den Einkammer-Unterstützungssystemen. „Weil diese noch per Kabel durch die Haut an Batterie und Steuerung angeschlossen sein müssen, herrscht ein kontinuierliches Infektionsrisiko. Die künstliche Oberflächenbeschichtung der Unterstützungssysteme kann zudem Schlaganfälle begünstigen.“

Harringer ist allerdings optimistisch, dass die aktuellen Forschungsbemühungen zur autonomen Energieversorgung implantierter Systeme das Kabelsystem in den nächsten zwei Jahrzehnten ablösen werden. Damit ließe sich dieses Infektionsrisiko beseitigen. „Die Akzeptanz für solche Technologien wird dadurch noch weiter zunehmen. Das muss sie auch. Denn sicher ist, dass der Bedarf an Herzunterstützungssystemen durch den demografischen Wandel steigen wird.“

© Medizintechnologie.de