Tag gegen den Schlaganfall : Fliegende Ärzte für Schlaganfallpatienten

Viele Menschen mit Schlaganfall profitieren von einer raschen operativen Entfernung des ursächlichen Blutgerinnsels im Gehirn. Statt die Betroffenen zur Thrombektomie in ein spezialisiertes Zentrum zu verlegen, fliegen in einem innovativen Projekt Neuroradiologen in regionale Krankenhäuser und führen die Behandlung dort durch.

Ein gelber Hubschrauber steht auf einer Hubschrauber-Landeplattform inmitten eines ländlichen Gebietes.

Bei einem akuten Schlaganfall zählt jede Minute. Denn kein anderes Gewebe des menschlichen Körpers stirbt ohne Sauerstoff so rasch ab wie die Nervenzellen im Gehirn. Deshalb ist es für die Prognose der Betroffenen entscheidend, den Verschluss der Hirnarterie, der den Großteil der über 250.000 jährlichen Schlaganfälle in Deutschland bedingt, so schnell wie möglich zu beseitigen. Um eine rasche Versorgung zu gewährleisten, bringen in Berlin zwei Stroke-Einsatz-Mobile (STEMO) Diagnostik und Therapie zum Patienten. Bestätigt die Computertomografie den Schlaganfall, wird schon im Rettungswagen begonnen, dass ursächliche Blutgerinnsel mit Medikamenten aufzulösen. Wie eine Studie zeigt, bekommen durch das STEMO sechsmal so viele Betroffene innerhalb der ersten Stunde diese nervenzellrettende Therapie.

Thrombektomie vor Ort

Allerdings gelingt es mit einer solchen Lyse nicht immer, das verschlossene Blutgefäß im Gehirn wieder zu eröffnen. Dann kann die so genannte Thrombektomie helfen, die viele Experten als Revolution in der Schlaganfallbehandlung betrachten. Bei dieser neuartigen Behandlungsmethode, wird das Blutgerinnsel mit einem dünnen Katheter, den der Arzt durch das Gefäßsystem bis zur verstopften Stelle vorschiebt, mechanisch entfernt. Die Schlaganfallzentren, die das Verfahren rund um die Uhr anbieten, befinden sich aber meist in Ballungszentren. Schlaganfallpatienten aus ländlichen Regionen dahin zu transportieren, ist deshalb oft mit langen Wegen verbunden, die wertvolle Zeit kosten.

Zu diesen ländlichen Regionen gehört Süd-Ost-Bayern. Im Rahmen des telemedizinischen Schlaganfall-Netzwerks TEMPiS läuft dort seit kurzem das laut den Initiatoren „weltweit einzigartige“ Forschungsprojekt „Flying Interventionalists“. Statt die Schwerkranken zur Thrombektomie in ein Zentrum zu verlegen, fliegt ein erfahrener und spezialisierter Neuroradiologe aus dem Klinikum rechts der Isar der TU München oder dem Städtischen Klinikum München-Harlaching mit dem Helikopter direkt zu den 11 beteiligten regionalen Krankenhäusern und führt die Behandlung vor Ort durch.

Telemedizinische Einbettung

Mittels Videokonferenz und telemedizinischer Übertragung von CT-Bildern sind die Einsatzteams um die fliegenden Ärzte in die Diagnostik eingebunden. Kommen sie gemeinsam mit den Kollegen in der Kooperationsklinik zu dem Schluss, dass der Patient von der Thrombektomie profitiert, wirft der Hubschrauberpilot umgehend die Rotoren an. Parallel dazu treffen die behandelnden Ärzte vor Ort die nötigen Vorbereitungen für den Eingriff, so dass die Münchner Interventionalisten nach der Landung sofort loslegen können. Im Vergleich zur üblichen Verlegung mit dem Rettungswagen soll das innovative Versorgungskonzept die Zeit bis zum Therapiebeginn um bis zu hundert Minuten verkürzen. Ein weiteres Plus: Da die gesamte Behandlung im regionalen Krankenhaus erfolgt, können die Kranken in der Nähe ihrer Angehörigen bleiben.

In 26 zufällig ausgewählten Wochen im Jahr stehen die von den bayrischen Krankenkassen finanzierten „Flying Interventionalists“ zunächst bereit – an sieben Tagen und jeweils von 8:00 bis 22.00 Uhr. In den übrigen 26 Wochen werden die Patienten im Krankenwagen zur Thrombektomie in das nächstgelegene Schlaganfallzentrum gefahren. Das ermöglicht es, die beiden Versorgungskonzepte zu vergleichen und hinsichtlich ihres Nutzens zu analysieren. Nach einem halben Jahr wollen die Projektverantwortlichen eine erste Zwischenbilanz ziehen. Fällt sie eindeutig positiv aus, soll erwogen werden, die fliegenden Neuroradiologen in die Regelversorgung zu integrieren.

Mehr im Internet

Website des Teilprojekts bei TEMPiS

Pressemitteilung der TU München

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