Parkinson-Therapie : Hirnstimulation verbessert Impulskontrolle

Eine aktuelle Analyse der Daten aus der deutsch-französischen EARLYSTIM-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass mehr Patienten von Hirnschrittmachern profitieren könnten, als bislang von Medizinern angenommen.

Die tiefe Hirnstimulation lindert nicht nur die typischen Bewegungsstörungen von Parkinsonpatienten, sondern stabilisiert auch die Stimmung und hält impulsives Verhalten im Zaum.

Über Bohrlöcher in der Schädeldecke werden Mikroelektroden ins Gehirn implantiert, feine Kabel unter der Haut verbinden sie mit einem Schrittmacher, der kontinuierlich elektrische Impulse an die Zielregionen im Denkorgan schickt. Das mag martialisch klingen, doch für Menschen mit Parkinson kann die tiefe Hirnstimulation (THS) ein wahrer Segen sein. Wenn im fortgeschrittenen Stadium der chronischen Erkrankung Medikamenten nicht mehr ausreichend wirken, lassen sich charakteristische Beeinträchtigungen der Motorik mit der THS effektiv behandeln.

Neben typischen Symptomen wie Zittern, Muskelsteifigkeit und verlangsamten Bewegungen leiden die Betroffenen oft unter Stimmungsschwankungen und einer gestörten Impulskontrolle, die sich zum Beispiel in Spielsucht, Essattacken, ungehemmter Sexualität oder krankhaftem Kaufrausch äußert. Die von Fachleuten immer wieder geäußerte Befürchtung, dass eine THS diese Verhaltensauffälligkeiten verstärke, hat eine Analyse der Daten aus der deutsch-französischen EARLYSTIM-Studie jetzt entkräftet.

Weniger Stimmungsschwankungen, Plus an Impulskontrolle

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, berichtet Günter Deuschl von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Die THS bessert die Befindlichkeit deutlich und in einem Maße, wie es mit Medikamenten alleine nicht erreicht werden kann“, sagt der Parkinson-Experte aus Kiel, der an EARLYSTIM beteiligt ist. Wie die im Fachmagazin Lancet Neurology veröffentlichte Auswertung zeigt, nahmen Stimmungsschwankungen (Fluktuationen) und Impulskontrollstörungen unter der Stimulationsbehandlung nicht zu, sondern ab.

Bei EARLYSTIM wurden 251 Patientinnen und Patienten, die im Schnitt seit acht Jahren an Parkinson leiden, über einen Zeitraum von zwei Jahren engmaschig beobachtet und untersucht. Um Verhaltensänderungen zu messen, griff das deutsch-französische Forscherteam auf ein Ardouin Scale of Behavior in Parkinson’s Disease genanntes Bewertungssystem zurück. Bei den Teilnehmern, die ausschließlich Medikamente erhielten, blieben die neuropsychiatrischen Fluktuationen während der Beobachtungszeit unverändert. Unter einer zusätzlichen Hirnstimulation hingegen verringerte sich der entsprechende Wert auf der Ardouin-Skala um durchschnittlich 0,65 Punkte. Noch deutlicher waren die Unterschiede bei den als hyperdopaminerge Verhaltensstörungen bezeichneten Auffälligkeiten der Impulskontrolle. Mit Medikamenten plus THS nahm hier der Sub-Score um 1,26 Punkte ab, während er bei den Probanden, die rein medikamentös behandelt wurden, um 1,12 Punkte stieg. Keine signifikanten Differenzen zwischen den beiden Teilnehmergruppen fanden die Wissenschaftler hinsichtlich sogenannter hypodopaminerger Verhaltensauffälligkeiten wie Apathie und Depressionen.

Ausweitung des Einsatzgebiets

„Unsere Befunde erlauben einen Kurswechsel in der Behandlung“, schlussfolgert Lars Timmermann, Direktor der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Marburg, der zum Steuerungskomitee von EUROSTYM gehört. Bislang galt jede Form einer Verhaltensstörung als Hindernis für operative Therapiemethoden wie die THS. Jetzt sprechen die neuen Studienergebnisse sogar dafür, dass diese Betroffenen ganz besonders von der tiefen Hirnstimulation profitieren. Entsprechend positiv fällt deshalb das Fazit von Rüdiger Hilker-Roggendorf aus. Er ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen. „Die Studie liefert gute Argumente, die THS auch für ausgewählte Patienten mit neuropsychiatrischen Fluktuationen oder Impulskontrollstörungen zu empfehlen“, sagt der Neurologe vom Klinikum Vest in Recklinghausen.

Mehr dazu im Internet:

Studie im Lancet Neurology vom März 2018

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