Intensivmedizin : Leben retten mit Hightech

Seit 50 Jahren gibt es die Intensivmedizin in Deutschland. Medizintechnologie.de sprach mit Professor Stefan John von der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin (DGIIN) über aktuelle Trends und Bedarfe für medizintechnische Innovationen in Notaufnahmen und Intensivstationen. Demnach haben Organersatzverfahren großes Potenzial, das Überleben von Patienten zu sichern.

Große Innovation: Die sogenannte extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) macht den Gasaustausch direkt über das Blut außerhalb des Körpers und braucht die Lunge dazu nicht.

Professor John, wieviel Hightech steckt heute in der Notfall- und Intensivmedizin?

Immer mehr. Vor allem hinsichtlich der Organersatzverfahren hat sich in den letzten Jahren sehr viel weiter entwickelt. Mittlerweile lassen sich über extrakorporale Verfahren, also Therapien außerhalb des Körpers, viele Organfunktionen ersetzen: Lungenfunktion, Herz-Kreislauf-Funktion, Nierenfunktion oder auch teilweise die Leberfunktion. Zunehmend werden diese Technologien auf Intensivstationen eingesetzt.      

In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Intensiv- und Notfallmedizin extrem gewandelt. Wo sehen Sie die größten Erfolge?

Absolute Routine sind die Beatmungs- und die Nierenersatzverfahren. Die künstliche Niere bietet komplexe Möglichkeiten, das Organ über einen langen Zeitraum zu ersetzen. Die Beatmungstherapie kann gleichzeitig ein großes Problem sein. Denn die schädigt umgekehrt auch die Lunge. Hier ist der große Vorteil des extrakorporalen Verfahrens zu sehen. Eine sogenannte extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) macht den Gasaustausch direkt über das Blut außerhalb des Körpers und braucht die Lunge dazu nicht. Das ist eine große Innovation. Diese Verfahren verbreiten sich entsprechend schnell, weil wir glauben, dass sie in bestimmten Situationen, wie dem schwersten Lungenversagen, sehr helfen können. Allerdings ist die Datenlage dafür noch nicht ganz eindeutig, sodass man sicher sagen kann: ‚Am Ende überleben auch tatsächlich mehr Patienten‘.

Sie sprachen gerade davon, dass die Datenlage noch dürftig sei. Lässt sich dennoch sagen, welche Notfälle heute mithilfe der Hightech behandelbar sind, die vor 50 Jahren noch ein Todesurteil waren?

Nierenversagen wäre vor 50 Jahren ganz klar ein Todesurteil gewesen. Das lässt sich mittlerweile sehr gut behandeln. Ähnliches gilt für akute Ateminssufizienz, die durch die Beatmungstherapie seit Jahrzehnten gut behandelbar ist. Neu sind heute tatsächlich Patienten, die wir durch diese Beatmungstherapie eigentlich gar nicht mehr behandeln könnten. Klassisches Beispiel ist die Influenza-Lungenentzündung. Diese ging in den letzten Jahren mit den großen Grippewellen einher. Und wir verloren sehr früh Patienten. Tatsächlich profitieren gerade diese Patienten von dem Lungenersatz mit der ECMO. Dafür liegen uns auch gute Daten vor. Die Sterblichkeitsraten sind aufgrund des Einsatzes dieser Technologie erheblich niedriger als in den früheren Epidemien. Da bietet die ECMO ganz klar einen Vorteil.

Gibt es für die Niere, die Lunge und das Herz-Kreislauf-System Maximalzeiten, über die sich extrakorporal Patienten behandeln lassen?

Nieren können sie jahrelang ersetzen. Auf der Intensivstation begrenzt sich der Einsatz von Nierenersatzverfahren durch andere Faktoren. Aber auch Lunge und Herz-Kreislauf können sie sehr lange ersetzen. Behandlungszeiten von vier bis sechs Wochen sind keine Seltenheit. Aber je länger sie Patienten an Hightech-Verfahren angekoppelt haben, desto mehr Komplikationen können eintreten. Denn es befinden sich viele Fremdmaterialien im Körper, die auch zu Infektionen führen können. Und das begrenzt den Einsatz der Organersatzverfahren.

Wo liegt aus medizinischer Sicht Handlungsbedarf, neue Entwicklungen in der Intensiv- und Notfallmedizin voranzubringen?

Wir haben immer mehr Organersatzverfahren ganz unterschiedlicher Art. Wenn Sie auf eine Intensivstation gehen, dann stehen da manchmal unglaublich viele Geräte herum. Wir sehen großen Handlungsbedarf, das zu vereinheitlichen. Das heißt, Plattformen zu schaffen, über die die verschiedenen Organersatzverfahren gemeinsam laufen können. Aber es muss auch noch gezeigt werden, dass diese Verfahren – das gilt für den Lungenersatz mit ECMO, noch mehr aber für den Herz-Kreislauf-Ersatz mit ECMO – mehr Patienten überleben lassen.

Sie sprachen es eben an. Es stehen viele Geräte auf einer Intensivstation. Es gibt viele Schnittstellen. Der Bedarf an Vereinheitlichung über Plattformen ist groß. Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Notfall- und Intensivmedizin?

Die Digitalisierung spielt hier eine große Rolle. Denn dadurch können die Geräte auch immer kleiner werden. Und dadurch werden viele Geräte in der Notfallmedizin überhaupt erst einsetzbar. Die ECMO war früher ein riesen Apparat, der nur auf riesigen Intensivstationen einsetzbar war. Mittlerweile haben wir kleine, transportable Systeme, die auch in den Hubschrauber passen. Das ist ein riesen Fortschritt.    

Was hat sich in den vergangenen 50 Jahren hinsichtlich der Patienten in der Intensivmedizin verändert?

Intensivmedizin gibt es erst seit 50 Jahren. Dadurch sind viele Behandlungen erst möglich geworden, die davor undenkbar waren. Wir behandeln immer ältere Patienten. Dazu kommen immer größere Operationen. Die schwierigen Eingriffe ziehen oftmals sehr lange Aufenthalte auf den Intensivstationen nach sich. Dadurch entstehen immer mehr schwerstkranke Patienten. Krankenhäuser entwickeln sich sozusagen immer mehr zu großen Intensivstationen. Denn alle anderen, leichteren Eingriffe werden ja immer öfter ambulant durchgeführt. Dadurch wird die Intensivmedizin immer wichtiger. Aber auch ethische Probleme nehmen damit zu. Wir Intensivmediziner sind dann diejenigen, die sagen müssen: ‚Wir könnten jetzt zwar immer noch weiter die Organfunktionen wochenlang aufrechthalten, aber das Ganze macht manchmal auch keinen Sinn mehr für den Patienten‘. Oft müssen wir fragen: ‚Hätte er oder sie das so gewollt?‘ Das heißt, die ethische Fragestellung einer Therapiebegrenzung wird in der Intensivmedizin immer wichtiger. 

Ärzte sind verpflichtet, das Leben der Patienten zu erhalten. Wo liegen heute die Grenzen der Notfall- und Intensivmedizin?

Das ist ganz schwer zu definieren. Das ist Gegenstand vieler Diskussionen und ist dann eben auch immer im Einzelfall festzulegen. Eine ganz entscheidende Grenze ist sicherlich die Funktion des Gehirns. Wir haben beispielsweise immer mehr Patienten, die außerhalb der Klinik wiederbelebt werden. Auf jedem Bahnhof gibt es mittlerweile Defibrillatoren. Das kann oft Leben retten, aber manchmal auch mit  einer schweren Hirnschädigung einhergehen. Entscheidend ist dann immer der Wille des Patienten. Und das ist auch das, was unser Handeln dann maßgeblich bestimmen muss. Wenn wir klar erkennen können, dass ein Patient nicht gewollt hätte, dass er mit einem schweren Schaden – etwa vonseiten seiner Gehirnfunktion – weiterlebt, dann sind wir auch verpflichtet,  Therapiemaßnahmen zu beenden. Aber im Einzelfall ist es immer zusammen mit den Angehörigen dennoch oft nicht einfach zu entscheiden. Das ist eine große Aufgabe moderner Intensivmedizin, die Grenzen für jeden einzelnen Patienten zu finden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr dazu im Internet:

Vom 13. bis 15. Juni 2018 findet in Köln die 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und der Östereichischen Gesellschaft für Internistische und Allgemeine Intensivmedizin & Notfallmedizin (ÖGIAIN) statt. Das Kongressprogramm  finden Sie hier.

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