Behandlungsfehler : Spitze des Eisbergs

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hat seine Jahresstatistik vorgestellt und mehr als 3.000 Behandlungsfehler nachgewiesen. Doch die Zahlen sagen wenig über die Patientensicherheit in Deutschlands Arztpraxen und Krankenhäusern aus. Das geben auch die MDK-Experten zu: Sie fordern stattdessen eine Meldepflicht für Behandlungsfehler, wie es sie beispielsweise in den USA, England und den Niederlanden gibt.

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) bemängelt, dass die Strategien gegen „Never Events“ nicht konsequent umgesetzt werden.

Insgesamt 3.337 Behandlungsfehler hat der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) 2017 in seinen Sachverständigengutachten nachgewiesen – erstellt hat der MDK 13.519 Gutachten.  Damit bestätigt sich jeder vierte Verdacht auf einen Behandlungsfehler, durch den der Patient einen Schaden erlitten hat. Eine Kausalität zwischen Behandlungsfehler und erlittenem Schaden konnten die Gutachter noch in jedem fünften Fall, also 2.690 Fällen, nachweisen. Dies sind relativ geringe Zahlen angesichts von mehr als 700 Millionen ambulant behandelten Patienten in Deutschland und mehr als 19 Millionen Menschen, die stationär versorgt wurden.

Viele Behandlungsfehler bleiben unentdeckt

Doch ein beruhigtes  Zurücklehnen wäre grundfalsch, meinen die Autoren der MDK-Jahresstatistik. Im Gegensatz zu den USA oder etwa England und den Niederlanden, wo die Leistungserbringer dazu verpflichtet sind, Fehler zu melden, haben in Deutschland die Patienten die Möglichkeit, einem Verdacht auf Behandlungsfehler nachzugehen. Entweder sie wenden sich an die Ärztekammer oder an die Krankenkasse, die dann wiederum den MDK beauftragt.

„Eine Meldepflicht gibt es nicht. So fallen die Fehler entweder nicht auf oder der Patient geht einem Fehlverhalten erst gar nicht nach“, erklärt Max Skorning, Leiter der Stabsstelle Patientensicherheit beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (MDS). Entsprechend hoch vermuten die Experten die Dunkelziffer von mehr als 100.000 Behandlungsfehlern im Jahr – wie viele Patienten dabei einen Schaden erleiden, ist demzufolge nicht zu ermitteln.

Zwei Drittel der Vorwürfe richten sich gegen Behandlungen im Krankenhaus. Der Fokus liegt auf Operationen. „Das liegt daran, dass Fehler bei einer Operation meistens leichter für Patienten erkennbar sind als bei anderen Therapien“, erklärt  Professor Astrid  Zobel, Leitende Ärztin des MDK Bayern. Besonders die chirurgisch-orthopädischen Fächer stehen mit 31 Prozent der Vorwürfe unter Verdacht, Behandlungsfehler begangen zu haben, gefolgt von der Inneren Medizin und Allgemeinmedizin mit 13 Prozent und der Allgemein- und Viszeralchirurgie mit 9 Prozent.

Frauenheilkunde, Pflege und Zahnheilkunde besonders problematisch

Insgesamt 1.022 Diagnosen waren Gegenstand der 13.519 Gutachten im Jahr 2017. Besonders häufig tauchen die ICD-Diagnosen Kniegelenkverschleiß, Hüftgelenkverschleiß, Bruch des Oberschenkels, Druckgeschwür und Komplikation bei orthopädischem Gelenkersatz auf – neben Diagnosen der Zahnheilkunde wie beispielsweise Karies oder Krankheiten des Zahnmarks und der Zahnwurzel.

Doch die Statistik zeigt auch: Die Verdachtsmomente auf einen Behandlungsfehler in der orthopädischen und unfallchirurgischen Versorgung  lassen sich nicht in der Höhe der vermuteten Fehler verifizieren. „Am häufigsten bestätigt wurden Fehlervorwürfe in der Pflege mit 49 Prozent. An zweiter Stelle liegt die Zahnmedizin mit 35 Prozent und an dritter Stelle die Frauenheilkunde mit 27 Prozent“, erklärt Professorin Astrid  Zobel.  Zum Vergleich bei den orthopädisch-unfallchirurgischen Fällen beträgt die Quote 26 Prozent.  Einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen in der Pflege und den Behandlungsfehlern mochten die Experten des MDK dann aber nicht herstellen. Auch weil die Zahlen zu den ermittelten Behandlungsfehlern nicht repräsentativ seien.

Vermeidbare Fehler finden immer noch statt

Sorgen bereiten dem MDK sogenannte „Never Events“. Dies sind Fehler, die besonders folgenschwer, aber vermeidbar sind. „Jedes Jahr kommt es immer wieder vor, dass im Körper des Patienten Operationsgegenstände  zurück gelassen werden. Es gibt Verwechslungen von Patienten, Körperteilen oder auch Medikamenten. Es gibt vermeidbare schwere Druckgeschwüre und viele andere Schadensereignisse, die eigentlich zu verhindern wären.“ Die MDK-Experten führen dies darauf zurück, dass es „nach wie vor an einer konsequenten Strategie zur Fehlervermeidung“ hapert, erklärt Stefan Gronemeyer, Leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des MDS.

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