E-Akte der AOK Nordost : Digitaler Mutterpass im Regelbetrieb

In der Hauptstadt macht die erste Krankenkasse ernst und schaltet auf digital. Die Geburtskliniken von Vivantes und Sana sind die ersten Krankenhäuser, die sich im Regelbetrieb mit niedergelassenen Gynäkologen und ihren Schwangeren vernetzen.

Dr. Mandy Mangler, Chefärztin der Klinik für Gynäkologie am Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin erläutert der werdenden Mutter Christin Schlüter ein Ultraschallbild in der digitalen Patientenakte.

Schwangere und ihre Ärzte können seit Mittwoch an vier Berliner Geburtskliniken die digitale Patientenakte der AOK Nordost nutzen. Das System ermöglicht es, Ärzten und werdenden Mütter per Datenupload den Mutterpass, Berichte zu früheren Geburten sowie Ergebnisse ambulanter Untersuchungen einzusehen. Alle eingebundenen Leistungserbringer können auf der Plattform auf Dokumente wie frühere oder aktuelle Ultraschallbilder, Laborbefunde, Geburts- oder OP-Berichte sowie Briefe in der Akte zugreifen – sofern es die Patientin freigibt.

„Die digitale Akte wird das Team aus Patientinnen und Ärzten stärken und verbessern“, sagt Mandy Mangler, Chefärztin der Geburtsklinik am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum. Denn Geburtstermine seien mitunter schwer planbar. „Wenn ich aber als Ärztin vorab alle relevanten Informationen der schwangeren Frau aus dem Mutterpass einsehen kann, bin ich bestens vorbereitet.“ Etwa 85 Prozent aller in der Akte hinterlegten Infos nutzten der weiteren Behandlung, so die Chefärztin. Früher sei die Sammlung aller wichtigen Informationen ein völlig unstrukturierter Prozess gewesen. Mal kam ein Befund per Fax, mal mit der Post, mal über die Schwangere. „Mit der Akte werden nun endlich alle relevanten Daten standardisiert gesammelt“, sagt Mangler. „In unserer sonst so digitalen Welt ist das eine Verbesserung für die Klinik, auf die wir schon lange gewartet haben.“ Vor allem werden durch die schnell verfügbaren Daten Doppeluntersuchungen vermieden und die Behandlung zielführend verbessert.“

Anschlussfähige elektronische Patientenakte

Mit der digitalen Patientenakte startet für die Kooperationspartner Vivantes und Sana die zweite Ausbaustufe des Digitalen Gesundheitsnetzwerkes – eine bundesweite Initiative der AOK. Für die Ärzte und Patienten der beteiligten Kliniken ist die Plattform seit Mittwoch im Regelbetrieb nutzbar, weitere sechs Kliniken und 13 Medizinische Versorgungszentren sollen folgen. Sie versorgen insgesamt 114.000 AOK-Versicherte pro Jahr, die künftig von der neuen Vernetzung profitieren können.

„Im deutschen Gesundheitswesen wird schon viel zu lange darüber geredet, wie wichtig es wäre, Patienten und Ärzte zu vernetzen. Wir reden nicht nur, sondern tun es jetzt tatsächlich“, sagt Martin Litsch, Vorstand des AOK-Bundesverbandes. „Das Gesundheitsnetzwerk hat das Potenzial, für alle Beteiligten mehr Transparenz über medizinische Informationen und Daten zu schaffen und dadurch die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern.“ Das Netzwerk, das heute in den Klinikbetrieb geht, werde als offene Plattform zum digitalen Austausch von Gesundheitsdaten angelegt. „Zukünftig sollen verschiedene weitere Krankenkassen sowie Apotheken, Reha- und Pflegeeinrichtungen Angebote eingebunden werden“, sagt Litsch.

Auch der Austausch von Dokumenten zwischen den Kliniken ist möglich. Bei der Entwicklung des Netzwerkes achte man auf „Anschlussfähigkeit“ auch zur Telematik-Infrastruktur. „Wir wollen dazu beitragen, die Vernetzung im deutschen Gesundheitswesen voranzubringen“, sagt Christian Klose, Projektleiter „Digitales Gesundheitsnetzwerk“ und Chief Digital Officer der AOK Nordost. Die Infrastruktur sei aber nur das Mittel zum Zweck. „Denn das System lebt vor allem von den Anwendern“, weiß Klose. Erste Erfolge konnten die Partner in den letzten Monaten in Mecklenburg-Vorpommern verzeichnen, wo bereits ein Arztnetz und zwei Kliniken miteinander verknüpft wurden. Ab sofort können auch Berliner Patientinnen in die Akte eigene Daten und Dokumente digital zur Verfügung stellen und umgekehrt auch von der Klinik einsehen“, sagt Klose. „Unser Ziel ist, dass wir für alle einen wirklichen Mehrwert schaffen.“

Wichtig sei zudem Datensicherheit. Hier bleibe es beim Grundsatz des Digitalen Gesundheitsnetzwerkes: Die Daten liegen dezentral jeweils beim Erfasser, also bei der jeweiligen Klinik oder Arztpraxis. Die Patienten können die Daten und Dokumente per Smartphone oder Computer einsehen und selbst entscheiden, welche teilnehmenden Ärzte darauf zugreifen können. Die AOK hat keinen Zugriff auf diese Daten.

„Das funktioniert sehr easy peasy“

Christin Schlüter hat die digitale Patientenakte schon ausprobiert und ist begeistert. „Für mich als Schwangere vereinfacht die digitale Akte vieles“, sagt die Schwangere im sechsten Monat. „Ich kann zum Beispiel meinen Mutterpass schnell hochladen und jederzeit aktualisieren.“ Schlüter ist eine der ersten Schwangeren, die das neue System an der Geburtsklinik im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg mit getestet haben. „Das funktioniert sehr easy peasy, wenn ich das mal so sagen darf.“

Gut findet die junge Frau, dass sie als Patientin entscheidet, wem sie ihre Dokumente wie Ultraschallbilder, Befunde, Blutwerte oder Daten aus dem Mutterpass zur Verfügung stellen möchte.“ Besonders während einer Untersuchung helfe ihr und dem Arzt die digitale Akte sehr. „Wenn alles ohnehin schon ein bisschen stressig ist und ich emotional aufgeregt bin, stehen alle wichtigen Daten taggenau in der Akte.“  Im Vergleich zu ihrer ersten Schwangerschaft habe sie oft – auf der Suche nach Befunden und Ergebnissen – in der Warteschleife bei anderen Ärzten gehangen. „In die digitale Akte kann ich einfach reinschauen und sehen, was die Ärzte für Daten und vielleicht weitere Empfehlungen abgegeben haben“, sagt Schlüter.

Bei Vivantes, Deutschlands größtem kommunalen Krankenhauskonzern, werden im ersten Schritt das Klinikum Friedrichshain, das Auguste-Viktoria-Klinikum und das Klinikum Am Urban mit den jeweiligen Geburtskliniken an das Digitale Gesundheitsnetzwerk angeschlossen. Bis Ende 2018 sollen alle sechs Vivantes-Geburtskliniken ans Gesundheitsnetz angeschlossen werden - danach folgt die Urologie. Die Sana Kliniken AG startet zunächst mit der Geburtsklinik in Lichtenberg. „Das Projekt ist zukunftsweisend, denn es schafft dann eine enge Verbindung zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor“, findet Jens-Peter Scharf, Chefarzt der Frauenklinik am Sana Klinikum Lichtenberg. In kaum einem anderen Land gebe es eine solch strikte Trennung der medizinischen Versorgung und der Befunddokumentation. „Es wird Zeit, dass wir diese Barriere aufbrechen.“

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