Pflege : „Digitalisierung eröffnet viele neue Chancen“

In einem Cluster „Zukunft der Pflege“, das aus einem Pflegeinovationszentrum und vier Pflegepraxiszentren besteht, fördert das Bundesforschungsministerium zukunftsweisende Technologien für eine bessere Pflege. Am Pflegepraxiszentrum der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) beispielsweise wird eine bestehende unfallchirurgische Station digital aufgerüstet. Sensorgesteuerte Pflegebetten sollen einst ebenso zum Einsatz kommen wie ein Desinfektionsroboter oder innovative Transportsysteme. Wir haben mit Iris Meyenburg-Altwarg, MHH-Geschäftsführerin Pflege, darüber gesprochen, wie digitale Technologien das Leben der Pflegebedürftigen und der Pflegekräfte erleichtern können.

Digitalisierung der Pflege: Eine junge rothaarige Frau in türkisfarbener Schwesterntracht blickt auf einen frei schwebenden Bildschirm. Mit ihren Händen scheint sie auf einen bestimmten Bildausschnitt zu fokussieren.
Von digitalen Lösungen können sowohl die Pflegenden als auch die Patienten profitieren. Voraussetzung ist, dass Prozesse genau analysiert und die Anwender gut geschult werden.

Frau Meyenburg-Altwarg, seit wann beschäftigen Sie sich an der MHH in der Pflegedirektion mit dem Thema Digitalisierung?

Meyenburg-Altwarg: Wir beschäftigen uns mit dem Thema seit über 20 Jahren, wenn auch noch nicht auf der breiten Basis wie heute. Der Beginn war die elektronische Pflegeakte. Erst haben wir sie an großen Bildschirmen geführt, nach und nach kamen Laptops und Tablets. Heute bearbeiten wir von der Anamnese über die Pflegediagnostik und -therapie bis hin zu Pflegeberichten und Dienstplanungen alle dokumentarischen Prozesse ausschließlich elektronisch. Die Ausweitung auf den ärztlichen Bereich, die auch von Beginn an geplant war, ist am Anfang leider zunächst nicht gelungen.

Warum nicht?

Solch eine Arbeitsumstellung bringt immer viele Veränderungen mit sich: Standardisierung von Prozessen, Schulung von Personal, einen hohen organisatorischen Aufwand. Wenn eine Berufsgruppe in einer Zeit umstellt, in der die Digitalisierung noch lange nicht so bekannt war wie heute, heißt das nicht, dass eine zweite gleich mitzieht. Der nötige Arbeitsaufwand konnte und wollte im ärztlichen Bereich zunächst nicht geleistet werden. Wir haben das dann in der Pflege erst einmal allein weiter entwickelt.

Welche digitalen Produkte gibt es in der Pflege der MHH heute?

Die elektronische Patientenakte für die Pflege und auch für die Ärzte ist mittlerweile flächendeckend auf den Intensivstationen und weitgehend auf allen anderen Stationen Standard. Zudem führen wir von der Materialbestellung über das Formularwesen bis hin zum Qualitätsmanagement alles elektronisch. Wir messen Vitaldaten wie den Blutdruck elektronisch, auf den Intensivstationen auch die Temperatur. Transportroboter zur Logistik oder andere Roboter gibt es noch nicht.

Was ist die größte Herausforderung, damit die Digitalisierung als Prozess gelingt?

Ich glaube, dass die gelebte Philosophie der Leitung in der jeweiligen Klinik wichtig ist. Sie gibt die Stimmung und Einstellung den Innovationen gegenüber vor. Wie gehen die Mitarbeiter miteinander um, wie flexibel sind sie im Kopf, inwieweit sind sie offen dafür, Dinge neu und anders zu machen? Das ist entscheidend. Wir haben an verschiedenen Forschungsprojekten zum Thema Digitalisierung teilgenommen. Darin ging es beispielsweise um I-Pads in der Pflege oder intrinsisches Wissen. Ich kann mir noch sehr viel mehr vorstellen – und bin auch überzeugt, dass der Großteil der Pflegenden theoretisch für viele digitale Anwendungen zu motivieren ist.

Warum sagen Sie theoretisch?

Wir haben in den letzten Jahren eben doch noch häufig festgestellt, dass die digitalen Produkte noch nicht bis ins Letzte ausgereift sind. Denn sie müssen ja nicht nur funktionieren, sondern auch mit den bestehenden Systemen kompatibel sein. Es gibt aber noch eine andere Hürde: der erhebliche Schulungsaufwand. Gerade in der Pflege arbeiten viele Menschen in Teilzeit – wenn sie die neuen digitalen Produkte anwenden sollen, müssen sie auch alle eingearbeitet werden. Es geht also ein erheblicher Teil der Arbeitszeit für die Implementierung verloren. Am Anfang steht der Mehraufwand durch die Umstellung im Vordergrund, das ist also immer auch eine Frage von Ressourcen. Manchmal helfen aber auch schlechte Rahmenbedingungen, damit sich etwas verändert.

Was meinen Sie konkret?

Der Personalmangel in der Pflege und im ärztlichen Bereich zwingt uns förmlich dazu, uns neuen Wegen zu öffnen. Der Druck von außen führt also dazu, dass auch Skeptiker und Kritiker eher dazu zu motivieren sind, Dinge auszuprobieren, von denen sie vielleicht anfangs nicht viel gehalten haben.

Was erschwert den Prozess der Digitalisierung außerdem?

Das zweite große Problem ist, dass sich viele Beteiligte mit der Thematik nicht intensiv beschäftigt haben oder nicht beschäftigen wollen. Im ärztlichen Bereich stehen also meist zum Beispiel die inhaltlichen Dinge des Fachbereichs im Vordergrund. Der Chirurg kümmert sich um seinen Roboter im Operationssaal. Für organisatorische, logistische oder prozessorale Dinge gibt es weniger Interesse und entsprechend wenig ausgefeilte Vorstellungen. Neue Technologien  sind sehr gefragt, wenn es darum geht, medizinische Therapien oder Eingriffe zu verbessern. Wenn es aber darum geht, zum Beispiel einen Dokumentationsprozess fächerübergreifend zu digitalisieren, dürfen das gern andere machen. Das führt oft zu Reibungen zwischen den Berufsgruppen.

Eine Pflegedienstleitung wird nur Geräte bestellen, die Pflegende selbst gesund erhalten und ihnen gleichzeitig Freiraum geben, um sich mehr um die Patienten zu kümmern.

Was verändert sich im Alltag durch die Digitalisierung?

Wenn man Prozesse automatisiert, müssen eingeschliffene Handlungen neu überdacht und strukturiert werden. Prozesse müssen teils klarer definiert werden. Beispiel Verordnung von Medikamenten: Der Arzt hat bisher ein Medikament in der Visite neu verordnet, die Pflegekraft weiß, was er meint und führt die Verordnung aus. Auf dem Zettel wird ein Häkchen gemacht, wenn der Patient seine Tabletten erhalten hat. Mit der elektrischen Dokumentation läuft das komplett anders, es müssen zunächst Standards definiert und Abläufe strukturiert werden. Und dann müssen sich alle Mitarbeiter daran halten. Zudem gibt es neue Aufgaben zu verteilen: Wer lädt die beteiligten Geräte auf? Wo werden sie platziert, damit sie nicht stören, aber auch für jeden erreichbar sind? Wer sorgt dafür, dass Produkte ordnungsgemäß gereinigt werden?

Sehen Sie auch Risiken für die Patienten durch die Digitalisierung?

Die sogenannte Entmenschlichung wird ja häufig als Gefahr der Digitalisierung genannt. Im stationären Bereich sehe ich dieses Risiko nicht. Der Markt wird das selbst regeln. Keine Pflegedienstleistung wird ein Gerät bestellen, dass die Arbeit am Patienten ersetzt. Sie wird nur Geräte bestellen, die Pflegende selbst gesund erhalten und ihnen gleichzeitig Freiraum geben, um sich mehr um die Patienten zu kümmern. Es gibt schon so viele sinnvolle digitale Hilfsmittel, die ihre Arbeit zudem sicherer machen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Beispiel Sensor-Fußmatten: Sie registrieren zum Beispiel nachts Bewegungen des Patienten, wenn dieser vielleicht gerade aus dem Bett steigen will. Die Pflegekräfte werden rechtzeitig auf einen drohenden Sturz vorbereitet und können ihn verhindern. Im ambulanten Bereich kann ich mir indes schon eher vorstellen, dass die eine oder andere digitale Anwendung vielleicht überstrapaziert wird. Gar nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil man sich zu stark auf ein Gerät verlässt. Prinzipiell glaube ich aber nicht, dass wir Angst vor der Digitalisierung haben müssen, sie eröffnet eher in ganz vielen Bereichen neue Chancen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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