Digitales Krankenhaus : Evolution vom Klemmbrett zum IT-Wagen

Am 1. Juli fiel an der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) der Startschuss für das bundesweit erste klinische Arbeitsplatzsystem, das Klinik und Forschung direkt miteinander verbindet: das KAS+. Ärzte und Pfleger können damit medizinische Daten digital am Krankenbett erfassen, sodass diese direkt und anonymisiert mit der hauseigenen Forschungsdatenbank verknüpft werden können. Dafür stehen auf den Stationen 65 mobile IT-Wagen bereit, die den Zugriff auf Anwendungen ermöglichen, etwa die elektronische Patientenakte oder Tools für die Therapieplanung.

Blick in ein Patientenzimmer: Ein Arzt und eine Schwester stehen vor einem Bildschirm und lächeln sich an. Im Hintergrund ist ein Patient in enem Bett zu sehen. Daneben steht ein Pfleger und schaut auf den Patienten hinunter.
Ärzte und Pflegekräfte an der Universitätsmedizin Greifswald greifen bei der Visite nicht mehr zum Klemmbrett, sondern führen einen IT-Wagen mit sich.

KAS+ vereint ein klinisches Arbeitsplatzsystem (KAS) mit einer Forschungsplattform. Laut Max Baur, Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Greifswald (UMG), bieten sich mit KAS+ völlig neue Möglichkeiten für die Durchführung klinischer Studien und für die Versorgungsforschung. Sowohl der einzelne Patient werde davon profitieren als auch der medizinische Fortschritt und das Gesundheitswesen. Durch die digitale Verzahnung könnten Daten aus der Patientenversorgung besser für die Forschung genutzt und umgekehrt Ergebnisse aus der Forschung für eine bessere Versorgung eingesetzt werden.

„Mit dem Produktivstart kommen wir dem Ziel eines digitalen und papierlosen Krankenhauses ein großes Stück näher, vor allem in der Pflege“, erklärt Baur. Die Greifswalder wollen die Digitalisierung ihres Krankenhauses in mehreren Ausbaustufen weiterentwickeln. „Die Papierakten werden uns als Ergänzung der digitalen Patientenakte noch etwas begleiten, aber sie werden Stück für Stück dünner“, erläutert Baur. Immerhin verfügt die UMG als Maximalversorger über mehr als 1.000 Betten mit einer Fallzahl von über 35.000 stationären Patienten allein im Jahr 2017.

Patientendaten bleiben für die Forschung anonym

Für die pflegerische und ärztliche Dokumentation hat jede Station des UMG zwei bis drei IT-Wagen erhalten – sie bilden die Basis für die Umstellung der Dokumentation von analog auf digital. Ein weiterer Baustein von KAS+, sozusagen das Plus im System, ist die Forschungsplattform. „Eine Datenerhebung in zusätzlichen IT-Systemen ist nicht mehr erforderlich. Die Vielzahl von bisher papierbasierten Fragebögen oder Formularen entfällt“, freut sich Wolfgang Hoffmann, geschäftsführender Direktor des Instituts für Community Medicine (ICM).

Der Patient bestimmt, ob seine Daten für die Forschung verwendet werden dürfen, beispielsweise im Rahmen einer klinischen Studie. Entsprechend den Anforderungen der EU-Datenschutzgrundverordnung erfasst das KAS+ die Einwilligung der Patienten digital. Anschließend werden Daten, die den Patienten identifizieren, separat in einer Datentreuhänderplattform gespeichert und in den Forschungsdaten durch Pseudonyme ersetzt. Das System prüft automatisch, ob eine Einwilligung vorliegt und speichert nur dann die Daten in der Forschungsplattform.

Großprojekt Datenintegration

An der Entwicklung des Gesamtsystems, für das die einzelnen Komponenten wie die Versorgungs-, Forschungs- und die Datentreuhänderplattform tief integriert werden mussten, waren neben der UMG-IT weitere Partner aus der Industrie beteiligt. So steuerte die Kairos GmbH das Forschungssystem CentraXX bei und die Meierhofer AG das KAS. Die Architektur von KAS+ verschafft der UMG die technischen Voraussetzungen, ein sogenanntes Datenintegrationszentrum aufzubauen.

Damit qualifizierten sich die Greifswalder als ein Partnerstandort des MIRACUM-Konsortiums der Medizininformatik-Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Mit rund 120 Millionen Euro unterstützt das BMBF innerhalb von vier Jahren mehrere leistungsstarke, interdisziplinäre Konsortien, die Pionierarbeit in der Medizininformatik leisten sollen. Denn Klinik und Forschung produzieren in Zeiten von Big Data bereits heute immense Mengen an digitalen Daten, die zum Beispiel in der Bildgebung, im Labor oder als genetische Information anfallen. Die Datenintegrationszentren, die an Universitätskliniken und Partnereinrichtungen etabliert werden, sollen die Verknüpfung der Patientendaten aus der Krankenversorgung und klinischer und biomedizinischer Forschung über die Grenzen von Standorten hinweg vorantreiben.

Mehr Im Internet:

BMBF – Digitalisierung in der Medizin

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