Kardiologie : Herzpatienten leben länger mit Telemedizin

Passgenau zum Auftakt des Jahreskongresses der Europäischen Kardiologengesellschaft in München ist in der Fachzeitschrift The Lancet eine lang erwartete Studie erschienen: die TIM-HF2. Die Abkürzung steht für „Efficacy of telemedical interventional management in patients with heart failure“. Professor Dr. Friedrich Köhler untersuchte in der großangelegten randomisierten und kontrollierten Multicenter-Studie im Rahmen des Telemedizin-Projektes Fontane, ob Patienten mit Herzinsuffizienz länger leben und seltener ins Krankenhaus müssen, wenn sie telemedizinisch mitbetreut werden. Sein Ergebnis ist eindeutig: Telemedizin senkt nachweislich die Sterblichkeit von Herzpatienten.

Große Freude über die Ergebnisse der TIM-HF2-Studie bei Staatssekretär Tomas Rachel und Studienleiter Friedrich Köhler.

Zwei Tage, nachdem er die Studie in München vorgestellt hat, sind Köhler bei der Pressekonferenz in Berlin die Erleichterung und der Stolz ins Gesicht geschrieben. „Berlin gilt international jetzt als Hotspot der Telemedizin“, fasst er die bisherige Resonanz auf die Fontane-Studie zusammen. Thomas Rachel, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, spricht von einem „Meilenstein der evidenzbasierten Telemedizin-Forschung“. Zehn Jahre lang hat das BMBF das Fontane-Projekt mit insgesamt 10,2 Millionen Euro gefördert. „Dass die Ergebnisse nun mit unseren Hoffnungen übereinstimmen, freut uns sehr“, so Rachel.

Schon die vorausgegangene, im Jahr 2010 abgeschlossene TIM-HF-Studie hat gezeigt, dass Herzpatienten unmittelbar nach einem Klinikaufenthalt am stärksten von einer telekardiologischen Betreuung profitieren. Für eine Übernahme der Kosten für Telekardiologie durch die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) hat das nicht gereicht. Mit dem zweiten Teil der Studie hoffen die Projektpartner nun, die Grundvoraussetzung dafür geliefert zu haben.

Gut Ding will Weile haben

TIM-HF2 lief über zehn Jahre. Das ist eine lange Zeit. Aber gut Ding will Weile haben, auch und gerade in der Medizin. Allein vier Jahre hat es gedauert, bis die Patienten für die Studie –insgesamt 1.571 – rekrutiert werden konnten. Davon waren 765 Patienten in der telemedizinisch überwachten Gruppe und 773 in der Gruppe, die normal ambulant behandelt wurde. Zugelassen waren Patienten im NYHA-Stadium 2 und 3. Das NYHA-Stadium bezeichnet den Schweregrad der Herzinsuffizienz. Patienten im NYHA-Stadium 2 sind bei alltäglichen körperlichen Belastungen, etwa beim Treppensteigen, schnell erschöpft oder verspüren Atemnot. Im Stadium 3 treten diese Einschränkungen bereits bei leichten körperlichen Aktivitäten auf, etwa beim Umhergehen im Haus. Darüber hinaus sollten die Patienten in den 12 Monaten vor Studienbeteiligung mindestens einmal im Krankenhaus wegen Herzinsuffizienz behandelt worden sein und außerdem keine Anzeichen einer Depression zeigen. Bundesweit beteiligten sich 113 kardiologische und 87 hausärztliche Einrichtungen an TIM-HF2. Köhler hat jede einzelne von ihnen persönlich besucht, manche auch zwei- oder dreimal, erzählt er bei der Pressekonferenz in Berlin.

Die Patienten der Telemedizin-Gruppe bekamen einen Koffer mit vier Messgeräten: einen Elektrokardiografen (EKG) mit Fingerclip, um die Sauerstoffsättigung zu messen, ein Blutdruckmessgerät, eine Waage sowie ein Tablet, in das sie eine Selbsteinschätzung ihres Gesundheitszustandes eingeben sollten. Über das Tablet wurden die Werte automatisch an das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité übertragen. Dort bewerteten Ärzte und Pflegekräfte die übertragenen Messwerte – 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Beobachteten sie eine Verschlechterung der Werte, nahmen sie Kontakt mit dem Patienten auf, änderten die Medikation, empfahlen einen Arztbesuch oder wiesen ihn ins Krankenhaus ein. Davon abgesehen gab es einen festen Telefontermin im Monat. Die Patienten waren jeweils für ein Jahr in die Studie eingeschlossen. Danach mussten sie den Koffer wieder abgeben – nicht wenige hätten das bedauert, erzählt Köhler. Die Compliance sei gigantisch gewesen.

Neben dem primären Studienziel, ungeplante kardiovaskuläre Krankenhausaufnahmen zu vermeiden und die Patienten möglichst lange außerhalb eines Krankenhauses behandeln zu können sowie ihre Lebenserwartung zu erhöhen, wollten die Mediziner auch überprüfen, ob eine telemedizinische Mitbetreuung dazu beitragen kann, strukturelle Defizite der medizinischen Versorgung auf dem Land gegenüber städtischen Regionen auszugleichen.

In beiden Punkten konnten die Mediziner positive Ergebnisse verbuchen. Womöglich hätten sich Köhler und sein Team bei den ungeplanten Krankenhauseinweisungen aufgrund von Herzinsuffizienz größere Unterschiede erhofft: Im Durchschnitt waren es 3,8 Tage pro Jahr im Vergleich zu 5,6 Tagen pro Jahr in der Kontrollgruppe. Doch in dem kombinierten Endpunkt aus sogenannten „verlorenen Tagen“ aufgrund ungeplanter kardiovaskulärer Krankenhausaufenthalte und Tod war die Telemedizin-Gruppe klar im Vorteil: Bezogen auf die einjährige Studiendauer haben die telemedizinisch betreuten Patienten 17,8 Tage verloren, in der Kontrollgruppe waren es 24,2 Tage. Darüber hinaus wies die telemedizinisch betreute Patientengruppe eine signifikant geringere Gesamtsterblichkeit im Vergleich zur Kontrollgruppe auf. Von 100 Herzinsuffizienzpatienten starben in einem Jahr unter den regulären Bedingungen etwa elf Patienten (11,3 pro 100 Patientenjahre), mit telemedizinischer Mitbetreuung hingegen etwa acht Patienten (7,8 pro 100 Patientenjahre). Das ist ein beeindruckender Unterschied.

Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land werden ausgeglichen

Dieses Ergebnis sei unabhängig davon erreicht worden, ob der Patient auf dem Land oder in der Stadt lebt, erklärt Köhler. Damit eigne sich Telemedizin, regionale Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land auszugleichen und die Versorgungsqualität insgesamt zu verbessern. Für Staatssekretär Rachel ist dieser Nutzennachweis „wegweisend“. Er werde dazu beitragen, die GKV davon zu überzeugen, die Telekardiologie in ihren Leistungskatalog aufzunehmen.

„Dieser wegweisende Nutzennachweis wird die Bereitschaft der GKV erhöhen, die Telekardiologie in ihren Leistungskatalog aufzunehmen.“

Thomas Rachel, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung

Was das anbelangt, zeigt sich Dr. Mani Rafii, Vorstandsmitglied der Barmer, allerdings etwas bedeckt. „Die Barmer wird die Studienergebnisse nun mit Blick auf die Versichertengemeinschaft genau bewerten und dort, wo ein Nutzen klar belegt werden kann, einzelvertragliche Vereinbarungen für eine bessere Versorgung treffen.“ Die Barmer hatte neben der AOK Nordost als Kooperationspartner Versorgungsdaten für das Fontane-Projekt zur Verfügung gestellt.

Köhler lässt sich davon nicht entmutigen. „In einem nächsten Schritt möchten wir unsere erhobenen Daten gesundheitsökonomisch analysieren und prüfen, welche Kosteneinsparungen für das Gesundheitssystem durch telemedizinische Mitbetreuung möglich sind“, erklärt er. Ein Jahr nach Studienende solle außerdem untersucht werden, ob telemedizinische Mitbetreuung auch nach ihrem Abschluss einen nachhaltigen Einfluss auf den Krankheitsverlauf habe. Wenn die Europäische Gesellschaft für Kardiologie in zwei Jahren ihre Leitlinie zur Behandlung von Patienten mit Herzinsuffizienz überarbeitet, werde die telemedizinische Mitbetreuung darin verankert sein – davon ist er überzeugt.

Mehr dazu im Internet:

TIM-HF2-Studie im Lancet (kostenpflichtig)

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