Digital Health Conference : Mehr Mut!

Die mittlerweile dritte Digital Health Conference des Bitkom am 20. September 2018 in Berlin stand unter dem Motto „More Power to the Patient“.

Digital Health Conference: Blick in einen Kongresssaal. Menschen sitzen auf langen Stuhlräumen und blicken in Richtung Bühne. Dort steht ein Mann an einem Pult und redet.
Rund 350 Teilnehmer folgten der Einladung des Bitkom zur dritten Digital Health Conference in den Berliner Meistersaal.

„Das eigentliche Ziel ist bleibt die Patientenakte”, sagte Thomas Gebhart, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium in seiner Keynote. Er traf damit den Nerv der anderen Sprecher und wohl auch der meisten Zuhörer im Saal. Und obgleich er fast bedauernd davon sprach, dass „wir uns eines Tages melancholisch erinnern werden an die Zeiten, in denen Medizin noch Handarbeit war“, begrüßte er ausdrücklich den Beschluss des diesjährigen Ärztetages, das Fernbehandlungsverbot aufzuheben. Der Ausbau der Telematikinfrastruktur sei ein Schritt in die richtige Richtung – „zwar noch keine Revolution, aber doch ein spürbarer Fortschritt.“

Ein Fortschritt, der vielen nicht schnell genug geht. „Wir können es uns nicht leisten, jahrelang zu planen und unsere Nachbarländer an uns vorüberziehen zu lassen“, sagte etwa Atos-Geschäftsführerin Ursula Morgenstern und wünschte sich „mehr Mut für neue Lösungen“.

Sektorengrenzen müssen überwunden werden

Dafür müsse das im Gesundheitssystem vorherrschende „Denken in einzelnen Silos“ aufgebrochen werden, sagte Gabriel Enczmann von mySugr. Keine digitale Lösung werde je einen Arzt ersetzen. Sie schaffe aber mehr Zeit für die Arzt-Patienten-Beziehung. Enczmann veranschaulichte dies daran, dass Diabetes-Patienten etwa 50 Therapieentscheidungen täglich treffen müssten. Die Diabetes-App von mySugr – im Wesentlichen ein Diabetes-Tagebuch, kombiniert mit einem Insulinrechner – könne Patienten von diesem Druck entlasten. Für die Zukunft sei denkbar, dass die App nicht nur eine Insulinmenge vorschlage, führte Enczmann weiter aus. Sie könnte mit der Insulinpumpe gekoppelt werden, die die benötigte Insulinmenge automatisch abgebe.

Dr. Monika Sibbald, Roche Diabetes Care, erklärte, dass die Mehrheit der Ärzte extrem skeptisch gegenüber digitalen Lösungen sei, weil sie dafür die Prozesse in ihrer Praxis überdenken und ändern müssten. Außerdem müssten sie in eine entsprechende Ausstattung investieren und hohe Anforderungen in Sachen Datenschutz und -sicherheit erfüllen.

„Patienten sind schlauer, als Politiker denken.“

Steffen Ball, dsai

Das Thema wird in Deutschland seit Jahr und Tag heiß diskutiert. „Politikern tritt beim Thema Datenschutz immer gleich der Angstschweiß auf die Stirn“, stellte Steffen Ball von der Deutschen Selbsthilfe Angeborene Immundefekte (dsai) fest. Betroffenen sei damit nicht geholfen, vielmehr ihre Souveränität eingeschränkt. „Patienten mit seltenen Erkrankungen sind schlecht dran“, erklärte er. Nicht allein, dass sie oftmals eine Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich hätten, bevor sie eine Diagnose erhalten. Sie müssten dann auch sieben Monate und mehr auf einen Termin beim Spezialisten warten, der möglicherweise am anderen Ende der Republik praktiziere.

Künstliche Intelligenz (KI) und Telemedizin könnten in solchen Fällen sehr wertvolle Dienste leisten. So legte Dr. Thomas Friese von Siemens Healthineers dar, wie KI diagnostische Entscheidungsprozesse effizienter mache und dabei helfen könne, Patienten besser durch die Behandlung durchzuleiten. Dagmar Schuller von audEERING sprach über „Emotionale künstliche Intelligenz“ und stellte ein KI-System vor, das anhand gesprochener Sprache – ein einziger Satz sei ausreichend – mit 92-prozentiger Sicherheit erkennen kann, ob der Sprecher an Parkinson erkrankt ist oder nicht.

Datensparsamkeit hilft nicht weiter – sondern Datenspende

Dr. Pablo Mentzinis von SAP propagierte, dass die in Deutschland praktizierte Datensparsamkeit eine Sackgasse sei. Es müsse definiert werden, welcher Grad an Anonymität erforderlich sei, um einerseits Datensicherheit zu gewährleisten, andererseits die Daten aber auch zu Forschungszwecken nutzen zu können. Schon Eröffnungsrednerin Ursula Morgenstern hatte gefordert, dass zum Thema „Datenspende“ in der Öffentlichkeit eine ähnliche Debatte geführt werden müsse wie im Zusammenhang mit der Organspende.

Fazit der Konferenz: Deutschlands Gesundheitssystem braucht ein Update. Es sei „weit ins Hintertreffen geraten“, so Peter Albiez, Vorsitzender der Geschäftsführung von Pfizer. „Der digitale Wandel passiert nicht von allein. Er muss gestaltet werden.“

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