Bauchaortenaneurysmen : Streit um Behandlungsqualität

Die Erfolgsaussichten für die Patienten bei planbaren komplexen Operationen in deutschen Kliniken sind nicht überall gleich gut. Zu diesem Schluss kommt die Barmer Ersatzkasse in ihrer aktuellen Datenauswertung. Dem widersprechen die Krankenhäuser vehement.

Sechs Hände, die in voller OP-Montur, also mit Plastikhandschuehen, an einem offenen Bauch hantieren. Ein durchsichtiger Schlauch kommt aus der geöffneten Stelle, durch den Blut rauscht.
Die Chirurgen setzen eine Gefäßprothese direkt an der Erweiterung ein, damit die Bauchaorta nicht platzen kann. Neben dem klassischen Bauchschnitt wird zunehmend auch interventionell ein Stent gesetzt. Welche Methode angewendet wird, entscheiden die Mediziner.

„Die Versorgung von Patienten mit einer planbaren Operation an der Bauchschlagader muss besser werden. Künftig sollten die Eingriffe nur noch in zertifizierten Gefäßzentren oder Kliniken mit einer hohen Fallzahl erfolgen. Dazu wäre die Einführung von Mindestmengen pro Standort und Operateur sinnvoll“, sagte Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse. Eine flächendeckende Versorgung bliebe trotzdem gesichert.

Am Donnerstag stellte die Barmer Ersatzkasse die Ergebnisse ihres „Krankenhausreports“ in der Bundeshauptstadt vor. Demnach hänge die Höhe des Sterberisikos bei Eingriffen an einer erweiterten Bauchschlagader davon ab, wie und wo operiert werde.

In Deutschland leiden etwa 200.000 Frauen und Männer über 65 Jahren an einer erweiterten Bauchschlagader, einer im schlimmsten Falle tödlichen Gefahr. Eine Ruptur eines Bauchaortenaneurysmas ist eine lebensbedrohliche Situation für einen Patienten. Es ist deshalb besonders wichtig, diese Erkrankung frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Sie tritt zumeist bei älteren und multimorbiden Patienten auf.

Barmer: Überleben sollte nicht vom Wohnort abhängen

An der Bauchaorta wurden im Jahr 2016 rund 11.400 Menschen über 65 Jahre operiert. Die Überlebenschancen hingen der Barmer-Studie zufolge zum einen vom angewendeten Operationsverfahren ab. So sei bei minimal-invasiven Eingriffen das Risiko, an den Folgen zu sterben, drei Jahre nach der Operation um zwei Punkte geringer (16,4 Prozent) als bei der offen-chirurgischen Methode (18,4 Prozent).

Zudem gebe es bei den Verfahren deutliche regionale Unterschiede. So seien in Sachsen zwischen 2014 und 2016 fast 86 Prozent der Patienten minimal-invasiv an der Bauchaorta operiert worden, in Niedersachsen waren es 69 Prozent und im Saarland 61 Prozent. Eine qualitativ hochwertige Operation sollte aber nicht vom Wohnort abhängen, kritisiert der Barmer-Report.

Minimal-invasive Verfahren gelten als schonender, da die Bauchhöhle nicht geöffnet werden muss. Dabei wird eine durch Draht verstärkte Prothese (Stent) von innen in die Erweiterung der Aorta eingebracht, wie die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin grundsätzlich erläutert. Während die offene Operation immer möglich sei, eigne sich eine solche Stent-Prothese nur in bestimmten Fällen. Nachteilig sei zudem eine regelmäßige, oft lebenslange Überwachung.

Neben dem OP-Verfahren beeinflusse auch die Art des Krankenhauses die Überlebenschancen, heißt es im Barmer-Report. Speziell zertifizierte Gefäßzentren und auch Krankenhäuser mit hohen Fallzahlen für solche Eingriffe schnitten demnach besser ab. Daher sollten Mindestmengen festgelegt werden, ab denen Krankenhäuser Vergütungen dafür bekommen. Wenn Leistungen auf qualifizierte Zentren konzentriert würden, trage das auch dazu bei, dass Pflegekräfte hoffentlich nicht mehr so oft an die Grenze ihrer Belastbarkeit kommen, sagte Straub.

Künftig ist der Barmer zufolge mit mehr Operationen an der Bauchschlagader zu rechnen, da Männer ab 65 seit Jahresbeginn einen Anspruch auf eine Beratung und eine kostenlose Ultraschalluntersuchung hätten. „Der Gemeinsame Bundesausschuss ist gefragt, um für Eingriffe Richtgrößen pro Standort und Operateur auf Bundesebene festzulegen. Krankenhäuser, die Leistungen erbringen, ohne die festgelegte Mindestmenge zu erreichen, sollen künftig keine Vergütung mehr erhalten“, sagte Straub.

DKG: Zahlen wenig aussagekräftig

Die Kliniken widersprachen der Krankenkasse. „Den Erfolg einer hochkomplexen Bauchaortenaneurysma-Operation drei Jahre nach der Operation aus den Abrechnungsdaten mit einer absolut unzureichenden Risikoadjustierung messen zu wollen, ist schon gewagt. Dann auch noch eine rund zweiprozentige Differenzrate als statistisch signifikant größeres Sterberisiko einzustufen, ist völlig irreführend“, sagte Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

Offensichtlich gehe es der Krankenkasse um die Durchsetzung von Mindestmenge in diesem Operationsbereich, so Baum. So lehnte der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) bislang Mindestmengen dafür im G-BA ab. Denn lange Verlegezeiten in ein Zentrum seien im akuten Notfall lebensgefährlich und kontraindiziert. „Die DKG stellt sich weiterhin konstruktiv der Diskussion um Mindestmengen, wenn diese dazu beitragen können, Qualität zu verbessern. Überzeugend wäre zudem, wenn die Krankenkassen die Vereinbarung zur Bildung von medizinischen Versorgungszentren nicht weiter blockierten, damit sich mehr Zentren bilden können.“

Mehr dazu im Internet:

Barmer Krankenhausreport 2018

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