Sepsis : Unterschätzte Krankheit mit tödlichen Folgen

Experten fordern die Entwicklung eines nationalen Sepsisplans. Die im internationalen Vergleich unverhältnismäßig hohe Sepsissterblichkeit in der Bundesrepublik unterstreiche die Notwendigkeit, nationale Strategien zur Vermeidung und Verbesserung der Behandlungsergebnisse bei Sepsis zu entwickeln und zeitnah umzusetzen. Damit käme Deutschland auch einer Forderung der Weltgesundheitsorganisation aus dem vergangenen Jahr nach.

Vier Ärzte stehen um einen liegenden Patienten herum und untersuchen ihn.
Eine Blutvergiftung muss wie ein Notfall, etwa ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall, behandelt werden.

Eine Blutvergiftung wird zu oft zu spät erkannt. Hinweise auf eine sogenannte Sepsis können unter anderem extremes Unwohlsein, schwere Atmung, Verwirrtheit, hohes Fieber und eine verfärbte Haut, zum Beispiel schwarzverfärbte Fingerkuppen, sein. Auch Schüttelfrost und Schläfrigkeit sind mögliche Symptome. Nach Angaben der Sepsis-Stiftung entstehe sie in über 70 Prozent der Fälle außerhalb des Krankenhauses. Diese könne unter anderem durch gewöhnliche Infektionen wie Lungenentzündung, Grippe, Hirnhautentzündung oder Masern ausgelöst werden. Die Sepsis muss aber wie ein Notfall, etwa ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall, behandelt werden – unter anderem mit Antibiotika. Denn als Reaktion fällt der Blutdruck ab, der Blutkreislauf bricht zusammen. Dadurch bekommt der Körper nicht mehr genug Sauerstoff. Organe wie Herz oder Lunge nehmen Schaden. Der Tod kann dann sehr schnell eintreten.

Auffällig hohe Sterblichkeit in Deutschland

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass weltweit 30 Millionen Menschen jedes Jahr an einer Sepsis erkranken. Davon versterben schätzungsweise 6 Millionen. Dabei wäre diese Erkrankung mit ihrer tödlichen Folge nach Angaben der WHO vermeidbar – durch Impfung und Hygiene, Früherkennung und Behandlung der Sepsis als Notfall. Deshalb einigten sich die Staaten auf ihrer jährlichen Sitzung, der Weltgesundheitskonferenz in Genf, im Mai 2017 darauf, der Sepsis den Kampf anzusagen.

Im Jahr 2015 ergab nach Angaben der Sepsis-Stiftung eine Auswertung der DRG-Statistik, dass unter 18,6 Millionen Krankenhauspatienten 4,1 Millionen Fälle einer Infektion und über 320.000 Fälle von Sepsis dokumentiert waren. Die Sterberate von schwerer Sepsis im Krankenhaus betrug 2015 in Deutschland 41 Prozent, in England 32,1 Prozent, in den USA 23,5 Prozent und in Australien nur 18,5 Prozent. Doch eigentlich ist die Lage – zumindest in Deutschland – noch viel dramatischer. „Bei der Zahl der Betroffenen ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen“, sagt Konrad Reinhart, Vorstandsvorsitzender der Sepsis-Stiftung. Der Grund: Stirbt ein Patient an Lungenentzündung, wird als Todesursache oft die Infektionskrankheit angegeben – obgleich die eigentliche Todesursache eine Sepsis war.

Robert-Koch-Institut soll Maßnahmen entwickeln

Experten gehen davon aus, dass etwa 15.000 bis 20.000 Todesfälle in der Bundesrepublik vermieden werden könnten. Die Sepsis-Stiftung und das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) fordern deshalb die Entwicklung eines nationalen Sepsisplans. Die im internationalen Vergleich unverhältnismäßig hohe Sepsissterblichkeit in der Bundesrepublik unterstreiche die Notwendigkeit, nationale Strategien zur Vermeidung und Verbesserung der Behandlungsergebnisse bei Sepsis zu entwickeln und zeitnah umzusetzen. „Für ein Land, das bei der Zahl der Krankenhaus- und Intensivbetten weltweit Spitzenplätze einnimmt und in dem die Zahl der jährlichen Arztbesuche laut OECD-Angaben doppelt so hoch ist wie in England oder in den USA, wirft die vergleichsweise hohe Sepsisterblichkeit erhebliche Fragen zur Qualität unseres Gesundheitswesen auf, das von Gesundheitspolitikern stets als eines der besten der Welt bezeichnet wird“, sagt Konrad Reinhart.

Länder mit niedriger und sinkender Sepsissterblichkeit – wie etwa Australien, England und die USA - zeichneten sich unter anderem durch sepsisspezifische nationale Aufklärungsprogramme für Laien und Gesundheitsdienstleister aus, die durch die staatlichen Gesundheitsbehörden verantwortet werden. Solche Programme seien in Deutschland dringend nötig, so Reinhardt. Erst im Juni baten die Länder das Bundesgesundheitsministerium (BMG), eine Ad-hoc-Expertengruppe am Robert Koch-Institut (RKI) einzurichten. Diese solle die verabschiedete WHO-Resolution in konkrete bedarfsgerechte Maßnahmen übersetzen, um Prävention, Diagnostik und klinisches Management von Sepsis zu verbessern.

© Medizintechnologie.de/dpa

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