Barmer Pflegereport 2018 : Pflegende in Not

Wer zu Hause Angehörige pflegt, gehört zu den stillen Helden des Alltags. Die Barmer hat jetzt die Umstände und Bedürfnisse der Pflegenden erfragt. Das Ergebnis ist wenig überraschend: 60 Prozent der pflegenden Angehörigen wünschen sich mehr Unterstützung bei der Pflege. Digitale Lösungen spielen im Pflegealltag nahezu noch keine Rolle.

Hand ind Hand: Die Hand einer jungen Frau hält die Hand eines älteren Menschen.
2,5 Millionen Menschen in Deutschland pflegen ihre Angehörigen. Vielen geht es dabei nicht gut.

Fast 2,5 Millionen Menschen in Deutschland sorgen für ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Angefangen von Hausarbeit über Grundpflege bis hin zu medizinischen Fertigkeiten erledigen sie alles, was in der Pflege so anfällt. Dabei geraten diese Menschen selbst in Überlastungssituationen: 40 Prozent von ihnen klagt über Schlafmangel. Jeder Vierte hat seine Arbeit aufgegeben oder reduziert; und jeder Fünfte gibt an, die Pflege des Angehörigen sei insgesamt zu anstrengend. Zukunfts- und Existenzängste plagen diese Gruppe der Pflegenden. Dies sind Zahlen aus dem jüngst veröffentlichten Barmer Pflegereport 2018, einer repräsentativen Befragung von mehr als 1.900 Pflegenden.

Schreckgespenst Bürokratie

Neben der häuslichen Betreuung der Angehörigen macht insbesondere die Bürokratie den Pflegenden zu schaffen. Hunderttausende verzichten auf Kurzzeit- und Tagespflege sowie auf Betreuungs- und Haushaltshilfen. „Es sind hauptsächlich Zweifel an der Qualität, die schlechte Erreichbarkeit und die Kosten, die pflegende Angehörige vor Hilfsleistungen zurückschrecken lassen", erläutert Professor Christian Straub, Vorstandvorsitzender der Barmer. Aber auch Anträge auszufüllen, schreckt viele ab. 59 Prozent der Befragten gaben diesen Punkt zuallererst an, gefolgt von 48 Prozent, die sich eine bessere Aufklärung über die Leistungen der Pflegeversicherung wünschen.

Die Barmer will deswegen beim Thema Bürokratieabbau bei ihren Versicherten punkten und den Hauptantrag für Pflegeleistungen künftig einfach handhabbar online stellen. Auch der Gesetzgeber sorgt für ein wenig Erleichterung: Künftig soll für Krankenfahrten zum Arzt für Schwerkranke keine Genehmigung der Krankenkasse mehr nötig sein.

Ambient Assisted Living könnte Pflegealltag erleichtern

Insgesamt bleibt die Belastung in der häuslichen Pflege allerdings hoch. Digitale Lösungen im Pflegealltag spielen dabei nahezu noch keine Rolle. „Die Veränderung wird aber kommen“, ist sich Barmer-Chef Christian Straub sicher – allerdings eher im Sinne von Ambient Assisted Living (AAL). „Wir wollen ja nicht, dass Roboter Menschen in der Pflege ersetzen.“

Studienautor Professor Heinz Rothgang vom Socium Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik an der Universität Bremen sieht im Themenfeld Digitalisierung und Pflege ein „riesiges Potenzial“. Explizit nennt Rothgang Veränderungen in der Dokumentation von Pflege und bei internen Abläufen – Anwendungsgebiete, die rein die externe Pflege betreffen. Entlastung könnten digitale Überwachungssysteme auch in der häuslichen Pflege bringen, so Rothgang. Insgesamt stecke man bei der Digitalisierung der häuslichen Pflege noch in den Kinderschuhen.

Sechs Prozent wollen aus der Pflege aussteigen

Um die stille Reserve an Pflegenden gesund zu halten, bietet die Barmer ab dem nächsten Jahr kostenlose Seminare an: „Ich pflege – auch mich!“ Immerhin mehr als sechs Prozent der derzeit häuslich Pflegenden – dies entspricht mindestens 185.000 Hauptpflegepersonen – geben an, aus der häuslichen Pflegesituation aussteigen zu wollen, beziehungsweise diese nur mit externer Hilfe weiter leisten zu wollen. Denn: Jede zweite Hauptpflegeperson pflegt schon länger als zwei Jahre. Rund 85 Prozent kümmern sich täglich um die pflegebedürftige Person – davon die Hälfte mehr als zwölf Stunden am Tag. Entsprechend nehmen psychische Belastungsstörungen zu Beginn der Pflege und Depressionen im Verlauf der Pflege bei den häuslich Pflegenden zu. Bei den körperlichen Erkrankungen sind es Rückenschmerzen.

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