Bitkom : „Der G-BA braucht ein Update“

Deutschlands großer Digitalverband Bitkom ist in diesem Jahr erstmals auf der Medizintechnik-Messe MT-Connect aktiv. Das spricht für sich. Zeit für ein Interview mit der Bereichsleiterin Health & Pharma, Julia Hagen – über die Rolle von Digitalfirmen in der Medizintechnik-Branche, die Zukunft der Medizin und Steine, die man vorher noch aus dem Weg räumen muss.

Auf dem Bild sind eine junge blonde Frau und ein junger blonder Mann zu sehen, die sich miteinander unterhalten. Die Frau spricht gerade, der Mann schreibt etwas auf einen Zettel.
Julia Hagen ist Bereichsleiterin Health & Pharma beim Bitkom e.V.. Der Bitkom vertritt als Digitalverband mehr als 2.500 Unternehmen der digitalen Wirtschaft, unter ihnen 1.000 Mittelständler, 400 Start-ups und nahezu alle Global Player.

Wir sehen Sie in diesem Jahr als Interessenverband der Digitalwirtschaft zum ersten Mal auf der Medizintechnikmesse MT-Connect. Wie kommt es zu dem Engagement?

Wir sind als Bitkom langjähriger Partner der Messe Nürnberg bei der it-sa, einer großen Messe für IT-Security. In diesem Rahmen hat man uns gefragt, ob wir uns auch auf der MT-Connect einbringen wollen. Beim Thema IT-Security sind wir traditionell einer der ersten Ansprechpartner, anders als beim Thema Medizintechnik, wo man uns noch nicht so auf dem Schirm hat.

Man denkt da zunächst an den BVMed, Spectaris oder den ZVEI.

Genau, aber letztendlich passiert ja gerade mit der Medizintechnik das, was auch mit vielen anderen Branchen passiert. Die Software-Komponente wird größer, die Medizingeräte, seien sie groß oder klein, vernetzen sich immer mehr und Daten spielen eine immer größere Rolle. Möglicherweise sind auch neue Technologien wegweisend, wie beispielsweise Virtual oder Augmented Reality. Die Digitalisierung macht auch vor dem Gesundheitswesen nicht Halt.

Sie vertreten grundsätzlich eher reine Digitalfirmen von den großen Playern bis zu kleinen Start-ups. Sehen Sie das Verschmelzen von Digital- und Medizintechnikfirmen auf unternehmerischer Seite denn schon?

Was wir sehen, ist ein konvergentes Verhalten und gemeinsame Interessen, wenn es zum Beispiel um regulatorische Fragen zu Gesundheitsdaten geht. Wie man bei der Pseudonymisierung von Patientendaten vorgeht, interessiert sowohl Pharma- und Medizintechnikunternehmen als auch Software-Unternehmen, die die Datenverarbeitungskompetenz mitbringen. Nehmen Sie zum Beispiel die Closed-Loop-Systeme, bei denen die Insulinzufuhr für Diabetes-Patienten automatisch per Datenübertragung funktioniert. So etwas gibt es nicht ohne Datenströme, aber auch nicht ohne die Expertise der Medizintechnik.

Wird es da verstärkt zu Kooperationen kommen oder kaufen die großen amerikanischen Internetgiganten die Pharma- und Medizintechnikfirmen irgendwann auf?

Die Branchen werden natürlich zusammenwachsen, wobei die US-Giganten starke Treiber sind. Die kennen sich mit der Analyse von Daten und mit der Wertschöpfung datengetriebener Geschäftsmodelle aus. Gleichzeitig sehen wir auch, dass große Player wie Google eher das Joint Venture suchen, statt sich den Herausforderungen im Bereich Gesundheit alleine zu stellen. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit zwischen Google und Sanofi zur Bekämpfung von Diabetes.

„Derzeit werden viele Start-ups mit guten Ideen früher oder später aufgekauft“

Mal andersherum gefragt: Es gibt ja nicht nur die großen Giganten, sondern auch viele kleine Digital-Health-Start-ups, die die Medizin mit ihren Ideen verändern wollen. Der Eindruck ist aber, dass sie sich zumindest in Deutschland sehr schwer tun, lukrative Geschäftsmodelle aufzubauen. 

Das größte Problem von vielen Start-Ups oder Gründern in diesem Bereich ist es, einen guten Zugang zum Markt zu bekommen. In Deutschland ist das besonders schwierig. Der erste Gesundheitsmarkt ist stark reguliert und der Selbstzahlermarkt ist de facto nicht vorhanden.

Wie bringt man seine digitalen Ideen oder Innovationen in den Gesundheitsmarkt?

Derzeit ist es so, dass viele Start-ups mit guten Ideen nach kurzer Zeit aufgekauft werden. Ein Beispiel aus Deutschland wäre das Surgical Process Insitute. Eine in Leipzig gegründete Firma, die ein Navigationssystem für Operateure entwickelt hat, das die Qualität der Eingriffe sicherstellen soll. Sie sind 2017 von Johnson & Johnson aufgekauft worden. So gibt es einen anderen Marktzugang über einen großen Player, der derartige Innovationen nachhaltig im Markt etablieren kann.

Was müsste sich ändern, damit solche Innovationen es in Zukunft selbstständig in den Markt schaffen? Macht der neue Koalitionsvertrag da Hoffnung?

Es fehlten bislang eine grundsätzliche Vision, wo wir hin wollen, und eine Strategie, die aufzeigt, wie wir als Gesellschaft dorthin kommen. Der Koalitionsvertrag will das ändern. Bis 2020 sollen eine digitale Vision und Strategie festgelegt werden. Das ist ambitioniert, aber man hätte mit dieser Diskussion eigentlich schon vor der letzten Legislaturperiode beginnen müssen. Für Start-ups sind das gefühlt Jahrhunderte.

Sie hatten vor der Wahl gefordert, dass es eine Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt geben soll. Mit Dorothee Bär gibt es diese nun. Warum haben Sie nicht gleich ein Digitalministerium gefordert?

Weil das Thema Digitalisierung alle Ressorts betrifft. Wenn wir den Digitalisierungsaspekt aus den Ressorts herausnehmen und in einem bündeln, würde das wahrscheinlich zu Konflikten bezügliche Kompetenzen zwischen den Ressorts führen. Digitalisierung kann man auch im Gesundheitsbereich nicht losgelöst betrachten, sondern es geht immer um konkrete Versorgungsfragestellungen. Dafür muss dann das BMG die treibende Kraft sein.

Das heißt, Ihnen ist eine koordinierende Dorothee Bär lieber als eine Ministerin, die sich ständig mit Jens Spahn anlegen muss.

Wir haben nichts dagegen, wenn sich Frau Bär hin und wieder mit den Ministern anlegt und Herrn Spahn zum Beispiel darauf hinweist, dass die Verbote der Fernbehandlung oder des Rx-Versandhandels nicht mehr zeitgemäß sind. Das sehen wir durchaus als ihre Aufgabe. Auf der anderen Seite ist Jens Spahn dafür bekannt, sich sehr für die Digitalisierung einzusetzen. Er hat ja selber ein Buch über die Digitalisierung im Gesundheitswesen geschrieben. Wenn er diese Energie mitnimmt und für die Themen noch mehr Druck und Geschwindigkeit aufbaut, wäre das gut.

Der Bitkom führt immer wieder Umfragen an, deren Ergebnisse sich in etwa so anhören: „Ärzte mögen digitale Start-Ups“, „Patienten befürworten Telemedizin“, „Deutsche würden ihre Daten geben“ etc.. An wem liegt es denn, dass die Digitalisierung trotz vieler Befürworter so lange verschlafen wurde?

Das ist ein positiver Trend, den wir erst seit knapp zwei Jahren beobachten. Auch die Ärzte haben eine 180-Grad-Wendung hingelegt. Der Deutsche Ärztetag hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal chancenorientiert über die Digitalisierung gesprochen. Ich glaube, dass das Thema sehr lange, sehr stark von unterschiedlichen Partikularinteressen getrieben wurde. Das haben wir bei der Telematik-Infrastruktur gesehen, wo man auch lange gezögert hat. Man hat viel zu vielen Akteuren die Möglichkeit gegeben, das auszubremsen. Unser Privatleben hat sich derweil rasant verändert. Mittlerweile ist die Smartphone-Durchdringung selbst bei den älteren Generationen sehr hoch und wird immer höher.

„Wenn man überlegt, dass wir unsere gesamten Bank- und Finanzgeschäfte sicher über Online-Banking erledigen können, ist das Gesundheitssystem sehr rückständig“

Aber die Deutschen gelten doch international als eher skeptisch, was die Digitalisierung und vor allem die Sicherheit der Daten angeht, also den Datenschutz.

Nach den Studien, die es dazu bereits gibt, ist die Einstellung der Deutschen zum Beispiel zu den Themen Telemedizin oder auch Big Data eher positiv. Das entspricht nicht der Hysterie, die man uns teilweise auf den Podien dieser Welt und in politischen Diskussionen weismachen möchte. Für viele Patienten und Bürger wiegen gewisse Benefits hoch, vor allem, wenn es um Gesundheit und mehr Lebenszeit geht. Wenn wir uns andere Bereiche anschauen, etwa die sozialen Medien oder Messenger-Dienste, kann man sehr gut erkennen, wie Nutzen und Datenschutz im Privatleben abgewogen werden. Auf den Gesundheitsbereich bezogen sehen laut unseren Umfragen 55 bis 60 Prozent der Menschen in Deutschland in Bezug auf digitale Lösungen eher die Chancen als die Risiken.

Geht es denn nicht ohnehin eher um die Basics als um die große Digitale Revolution?

Wer an einer seltenen oder chronischen Erkrankung leidet, schleppt wahrscheinlich zu jedem der Arzttermine mehrere Ordner Papierakten mit sich herum und schildert jedes Mal von neuem seine Leidensgeschichte. Wenn man überlegt, dass wir unsere gesamten Bank- und Finanzgeschäfte sicher über Online-Banking erledigen können, ist das doch sehr rückständig.

Und wie stellt sich der Bitkom die ideal Medizin in zehn Jahren vor?

In Zukunft haben wir eine vernetzte Versorgung ohne Informationsbrüche. Wir haben mit der elektronischen Patientenakte ein zentrales Instrument, das Patienten und professionelle Akteure gleichermaßen unterstützt, die Dokumentation und die Kooperation zwischen Leistungserbringer erleichtert. Patienten können Daten aus Wearables und Appp sammeln und haben die Möglichkeit, die Informationen über ihre Patientenakte an ihren Arzt oder andere Akteure weiterzugeben. Es geht nicht darum, den Einzelnen zu diskriminieren, sondern ein möglichst ganzheitliches Bild des Menschen auch in Bezug auf präventive und individuelle Ansätze zu haben. Gesundheitsversorgung ist in Zukunft noch weniger an Orte gebunden, sondern findet auch in unseren Wohnzimmern oder Büros statt. Wenn es das große Kardiologie-Experten-Zentrum in Köln gibt, dann werden möglicherweise alle komplizierten Fälle von diesem Expertenkreis in Köln begutachtet, egal ob Sie in Berlin oder in Buxtehude wohnen.

Und aus industrieller Sicht? Wie wird sich die medizintechnische Forschung und Entwicklung verändern?

Wir wünschen uns Schnittstellen, über die Patientendaten beispielsweise anonymisiert zur Versorgungsforschung genutzt werden können, um unsere Forschung auf Weltklasseniveau zu halten. Wir werden dann mit Big-Data-Anwendungen in der Lage sein, präzisere Behandlungsmethoden zu entwickeln. Und last but not least: Wir haben in Zukunft Prozesse zur Evaluierung neuer Therapieansätze oder Diagnosen beschleunigt und an die Realität von digitalen Lösungen angepasst, sodass Innovationen zeitnah in die Versorgung kommen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) erhält quasi ein Update.

Was muss denn am G-BA revolutioniert werden?

Wir brauchen angepasste Prozesse, die digitalen Lösungen einen Weg in die Versorgung ermöglichen. Wir müssen auch mit dem immer schneller werden technischen und medizinischen Fortschritt gerecht werden und uns also auch viel früher fragen, ob bestehende Verfahren nicht bereits durch bessere Lösungen ersetzt werden können. Unser System muss lernen Innovationen besser zu integrieren, damit wir die Chancen im Hinblick auf die Versorgung und die Wirtschaftlichkeit nutzen können und einen Innovationsstau vermeiden.

Mehr im Internet:

Schwerpunkt Health des Bitkom e.V.

Bitkom auf der MT-Connect

 

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