Bundesgesundheitsministerium : Die Konturen der Digitalstrategie

Nach der Sommerpause will das Bundesgesundheitsministerium (BMG) eine Strategie zur Digitalisierung des Gesundheitswesens vorlegen. Auf dem Hauptstadtkongress rollte man dieser Strategie schon mal den Teppich aus. Der Minister und sein Digitalchef kamen, auf der Ausstellungsfläche präsentierte sich das BMG großflächig und ein Strategiepapier bereitet das Gesundheitssystem auf die Ziele dieser Legislaturperiode vor: agilere Methoden zur Nutzenbewertung digitaler Gesundheitslösungen, neue Wege für Apps in den ersten Gesundheitsmarkt und die standardisierte Bereitstellung von Daten.

Vier Personen stehen an einem Messestand. Einer der Männer ist der CDU-Politiker Gottfried Ludewig, der neuer Digital-Chef im Bundesgesundheitsministerium ist.
Gottfried Ludewig (CDU, 2.v.r.) ist der neue Digital-Chef im Bundesgesundheitsministerium. Der 35-Jährige war in der vergangenen Woche auf dem Hauptstadtkongress und skizzierte das Grundgerüst, der neuen Strategie zur Digitalisierung des Gesundheitssystems.

Dass es in Sachen Digitalisierung frischen Wind im Bundesgesundheitsministerium gibt, ist nichts Neues. Erst vor zwei Jahren hat der neue Gesundheitsminister Jens Spahn ein Buch publiziert mit dem Titel „Bessere Gesundheit durch digitale Medizin“. Spahn hat obendrein seinen 35-jährigen Parteigenossen Gottfried Ludewig zum Digital-Chef im BMG gemacht. Ludewig war zuvor gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus und ist bestens mit der Start-up-Szene und der Digitalbranche der Hauptstadt vernetzt.

Zum Anzug trägt der Nachwuchspolitiker auf dem Hauptstadtkongress rote Turnschuhe. Angriff auf Altbewährtes. Darauf muss sich unter anderem der Gemeinsame Bundesausschuss einstellen. Man müsse sich dort „an ein neues Tempo gewöhnen“, sagt Ludewig. Der Rhythmus, in dem sich digitale und mobile Gesundheitslösungen weiter entwickelten, sei viel höher als bei Arzneimitteln oder Medizinprodukten. „Es muss deshalb andere, schnellere Wege der Nutzenbewertung und in die Erstattung geben“. Wie diese Wege konkret aussehen sollen, wollten weder Ludewig noch sein Chef bei dessen Eröffnungsrede verraten. Schließlich will man bis zum Sommer noch analysieren und erst dann konsequent handeln.

Kriterien für Apps, Versorgungsdaten kommen in die Databox

Einige Hinweise geben aber diejenigen BMG-Projekte, die ein neues Strategiepapier des Ministeriums in den Fokus stellt. So fördert das BMG das Fraunhofer-Projekt „Appkri“, in dem auf Grundlage von Leitlinien, wissenschaftlichen Studien und Gesetzestexten ein Kriterienkatalog für Gesundheits-Apps entwickelt werden soll. Dieser Katalog könnte auch Grundlage für eine Bewertung von Apps und damit für einen Zugang zum Erstattungssystem sein.

Beim Projekt „Databox“ des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen geht es darum, Patientendaten in einer zentralen Datenbank zusammenzustellen. Die Entwicklung der Databox wird mit öffentlichen Mitteln des Bundesforschungsministeriums und des Bundesgesundheitsministeriums finanziert. Gestartet wird mit rund 4.000 Lungenkrebspatienten: Krankengeschichten, Laborwerte, Computertomografien, molekulare Sequenzierungsdaten und auch Arztbriefe und Therapiebeschlüsse. Der Patient soll bei dem Projekt im Mittelpunkt stehen und bestimmen, welcher Arzt Zugriff auf die Daten hat – also eine staatlich geförderte Gesundheitsakte.

Auf der anderen Seite sollen die Daten aber pseudonymisiert für die Verbesserung von Diagnose und Therapie eingesetzt werden können. Das bedeutet, dass Forscher und Innovatoren Zugang zu Big Data der Versorgungsforschung bekommen. Man will den Global Playern wie IBM und ihrem lernenden Computersystem Watson nicht alleine das Feld überlassen. Dazu soll es Forschern auch erleichtert werden, anonymisierte Versorgungsdaten vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) zu bekommen. Projekte dazu laufen bereits.

Telemedizin in den Startlöchern, Telematik soll mit der Zeit gehen

Nachdem der Ärztetag im Mai das Fernbehandlungsverbot gekippt hat, will das BMG jetzt gemeinsam mit den Leistungserbringern ausloten, welche Telemedizin-Projekte sinnvoll sind und möglichst schnell zum Einsatz kommen sollen. Der Minister hat, laut Strategiepapier, schon zu einem runden Tisch eingeladen und bezeichnet den Innovationsfonds als Motor, um besonders vielversprechende Forschungsprojekte möglichst schnell zum Patienten zu bringen.

Die Basis für alles ist und bleibt die Telematikinfrastruktur – ein Wort, das bei langjährigen Hauptstadtkongress-Besuchern für Kopfschütteln und ironisches Gelächter sorgt. Zu lange ist man hier vertröstet worden. Zu oft haben wechselnde Minister das „Ausrollen“ der Infrastruktur versprochen. Spahn und Ludewig wollen den Blick aber nach vorne und nicht nach hinten richten. Derzeit wird die Telematikinfrastruktur bei rund 170.000 Ärzten ausprobiert. „Ich habe in den vergangenen 14 Jahren auch einige Frustrationmomente erlebt. Aber jetzt passiert es", sagte Spahn und erteilte damit allen Unkenrufen eine Abfuhr, die mit ihm im Ministersessel schon eine Aus der Telematikinfrastruktur prophezeit hatten.

Derweil äußert der Minister in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon Pläne, wie die Jahrzehnte alte Idee zeitgemäß umgesetzt werden kann. Spahn fordert, dass es „einen digitalen Zugang zu allen Leistungen des Staates“ geben müsse. Ein Bürgerportal schwebt ihm vor, über das man seine Steuererklärung machen und seine Gesundheitsakte einsehen kann. Die Gesundheitskarte dürfe dabei nicht der einzige Zugang zu den Patientendaten sein, sagt Spahn. Er hat sich viel vorgenommen, für die ohnehin schon etwas verkürzte Legislaturperiode. Man darf auf das Ende des Sommers und seinen Maßnahmenkatalog gespannt sein.

Mehr im Internet:

Interview mit Jens Spahn auf bundesgesundheitsministerium.de

Interview mit Gottfried Ludewig auf aerztezeitung.de

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