Pflege : Experten fordern radikales Umdenken

Experten des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft fordern ein radikales Umdenken in Sachen Pflege – und das vor dem Hintergrund einer aktuellen Studie mit dramatischen Zahlen. Demnach ist neben den Fragen der Fachkräfteentwicklung und der Finanzierung steigender Kosten die Digitalisierung eine der wichtigsten Baustellen in der Pflege überhaupt. Allerdings reichten die geplanten Reformen der Bundesregierung nicht aus.

Eine ältere Dame probiert sich an einem Tablet-PC aus. Neben Ihr sitzt ein älterer Herr und schaut ihr zu. geholfen wird ihr von einer Pflegerin.
In 17 Jahren wird es schätzungsweise eine Million mehr Pflegebedürftige in der Bundesrepublik geben. Im Arbeitsalltag könnten die Pflegefachkräfte unter anderem mithilfe digitaler Technologien entlastet werden.

Bis zum Jahr 2035 sind nach einer Studie voraussichtlich vier Millionen alte Menschen in Deutschland auf Pflege angewiesen. Ausgangspunkt der Berechnung sei die Versorgung der Bevölkerung der kommenden Jahrzehnte zu heutigen Bedingungen, teilte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) am Montag in Berlin mit.

Deshalb reichten die geplanten Reformen der Bundesregierung laut IW nicht aus. Am Entwurf zum Pflegepersonal-Stärkungsgesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bemängelte das IW, es bringe viel Bürokratie und stelle nur zeitlich befristet gedeckelte Budgets bereit. Die Experten des IW fordern daher „ein Umdenken sowohl bei den Bundesländern, die größtenteils für die Regulierung zuständig sind, und ein Umdenken bei den Pflegekassen und Trägern der Sozialhilfe“.

Die Zahl der Pflegefachkräfte müsse angesichts der steigenden Zahlen deutschlandweit bis 2035 um 44 Prozent auf rund eine halbe Million steigen. Damit die Betroffenen nicht immer höhere Eigenanteile für die Pflege zahlen müssten und die Pflege nicht zur „Politik nach Kassenlage“ werde, forderte das Institut eine automatische Anpassung der Leistungen der Pflegeversicherung an die Entwicklung der Pflegepreise. Dafür müsste sie mindestens in eine „echte Teilleistungsversicherung“ ausgebaut werden. Auf jeden Fall werde die Pflege teurer, insbesondere für Geringverdiener.

Fachkräftemangel steigt, aber mehr Gehalt allein reicht nicht

2015 waren rund drei Millionen Menschen pflegebedürftig. Vor allem in Ostdeutschland sei der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung hoch, mit zum Beispiel rund 5 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern bei 3,7 Prozent im Bundesschnitt. „Schon heute fehlen entsprechende Fachkräfte – und die Lücke wird stetig größer“, mahnte das Institut. Derzeit kommen laut IW auf 100 bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldete Stellen für Altenpfleger gerade einmal 22 arbeitslose Fachkräfte. Dabei werde nur etwa jede zweite offene Stelle bei der BA gemeldet. Als Altenpfleger arbeiteten derzeit 244.000 Menschen, dazu 228.700 Altenpflegehelfer. „Die Lücke wird größer“, sagte die IW-Expertin Susanna Kochskämper.

Um einen Kollaps zu verhindern, müssten Bund und Länder die Rahmenbedingungen für eine ausreichende Versorgung schaffen und den Pflegeberuf attraktiver machen. Angesetzt werden sollte laut IW einerseits beim Geld. Altenpfleger verdienten mit 2.621 Euro brutto monatlich im Schnitt 19 Prozent weniger als Gesundheits- und Krankenpfleger, auch wenn die Löhne in den vergangenen Jahren gestiegen seien. Demzufolge sei von der geplanten Zusammenlegung der Ausbildungen der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zu erwarten, dass viele Berufseinsteiger in die besser vergütete Krankenpflege gingen. Andererseits müssten berufserfahrene Pfleger auch weitergebildet werden.

Zudem könnten mit digitalen Technologien Abläufe optimiert und Pfleger entlastet werden. Aber gerade die kleineren Pflegeeinrichtungen könnten den geplanten Eigenanteil für die notwendigen Investitionen in die Digitalisierung der Pflege kaum stemmen. Daher sei es notwendig, Mittel umwidmen zu können. Insgesamt seien aber alle Reformen zum Scheitern verurteilt, wenn sich nicht grundsätzlich in der Verwaltung der Pflege etwas verändere. „Solche Maßnahmen können aber langfristig nur fruchten, wenn gleichzeitig konsequent Bürokratie abgebaut wird“, argumentiert Kochskämper.

Bundesbürger wollen zuhause gepflegt werden

In der vergangenen Woche hatten bereits die Gewerkschaften Alarm geschlagen. Laut einer Erhebung von DGB und Verdi fühlen sich hunderttausende Pflegekräfte durch Überlastung, Dauerstress und geringe Bezahlung ausgezehrt. Verdi setzt im Einklang mit dem Koalitionsvertrag auf einen neuen Tarifvertrag für die Pflege.

Laut einer weiteren neuen Umfrage sind aber auch die Angehörigen in hohem Maß zur Pflege bereit. 86 Prozent der Menschen in Deutschland geben eine grundsätzliche Bereitschaft an, nahe Angehörige mehrere Stunden in der Woche zu pflegen, wie Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) ermittelt hat. Rund zwei Drittel von ihnen würden dafür im Beruf kürzer treten und Stunden reduzieren, zwei von zehn sogar eine längere Auszeit nehmen. Das geht einher mit den eigenen Wünschen für den Pflegefall. Mit 83 Prozent möchte die große Mehrheit in der eigenen Wohnung versorgt werden. Knapp die Hälfte der Befragten kann sich ebenso vorstellen, bei Angehörigen gepflegt zu werden. 37 Prozent würden auch in ein Pflegeheim gehen.

Auch TK-Vizechef Thomas Ballast plädierte für einen stärkeren Einsatz digitaler Technik zur Entlastung von Pflegenden. So könnten etwa Sturzsensoren dazu beitragen, dass Pflegebedürftige länger selbstständig daheim leben könnten. Die Politik solle Anreize setzen, „damit es hier mehr Angebote gibt und sich diese digitalen Helfer in der Pflege schneller etablieren“, sagte Ballast.

Mehr dazu im Internet:

Studie des Instituts für Wirtschaft

© Medizintechnologie.de/dpa

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