Notfallversorgung : „Wir brauchen ein intelligentes System“

Es wird ein heißer Herbst. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will mit einer E-Health-Strategie das Gesundheitswesen zukunftsfest machen. Zudem sollen die Notfallversorgung, die Finanzierung der Gesundheitsversorgung und die sektorübergreifende Versorgung verbessert werden. Medizintechnologie.de sprach mit Professor Ferdinand Gerlach, dem Vorsitzenden des Sachverständigenrates Gesundheit, über die anstehenden Gesundheitsreformen und die Digitalisierung des Rettungswesens.

Integrierte Leitstellen und integrierte Notfallzentren sollen, nach den Vorstellungen des SVR Gesundheit, künftig die Notaufnahmen entlasten. Die Digitalisierung spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Professor Gerlach, Sie haben in den vergangenen vier Jahren sich intensiv mit dem deutschen Gesundheitssystem beschäftigt. Wie steht es um das deutsche Gesundheitssystem?

Gerlach: Wir haben ein insgesamt sehr gutes, sehr leistungsfähiges Gesundheitssystem mit einer auch im internationalen Vergleich sehr guten Zugänglichkeit. Wir haben keine relevanten Wartelisten. Den Menschen wird so gut wie keine Leistung vorenthalten. Alle sind versichert. Niemand wird Haus und Hof verlieren, wenn er krank wird. Wir haben eine gute solidarische Absicherung. Das sind grob zusammengefasst die Stärken unseres Systems. Auf der anderen Seite sehen wir ein Nebeneinander von Über-, Unter- und Fehlversorgung. Und deshalb haben wir gemäß unserem gesetzlichen Auftrag Vorschläge gemacht, wie man an der einen oder anderen Stelle korrigierend, besser gesagt steuernd eingreifen kann.

Derzeit behandeln die Rettungskräfte und Notfallmediziner etwa 19 Millionen Patienten pro Jahr – Tendenz steigend. Warum steigen die Behandlungszahlen?

Das hat mehrere Gründe. Keinen davon kann ich wirklich beweisen. Zum einen ist es so, dass viele Bürger gar nicht wissen, dass es einen ärztlichen Bereitschaftsdienst von niedergelassenen Ärzten gibt. Das liegt teilweise daran, dass sie aus anderen Kulturkreisen kommen. In anderen Ländern gehen die Patienten direkt ins Krankenhaus. Zudem erwarten viele Menschen heute einen Sofort-Service. Es sind gar nicht die alten multimorbiden Schwerkranken, sondern eher die jungen Mobilen, die zunehmend in die Notaufnahme gehen. So wie wir im Internet per Mausklick sofort Dienstleistungen und Waren bestellen, wollen viele ohne Warten direkt drankommen und umfassend versorgt werden: One-Stop-Doktor-Shopping.

Ihr Notfallkonzept ist sehr umfassend und weitreichend. Sie gehen davon aus, dass allein durch die integrierte Leitstelle die Arbeitslast in den Notaufnahmen um etwa 20 bis 30 Prozent reduziert würde. Lassen sich Patienten im Gesundheitssystem wirklich steuern?

Davon gehen wir aus. Es ist ja so, dass viele Patienten angesichts der Komplexität des Gesundheitssystems hilflos sind und zum Teil auch fehlgesteuert werden. Wenn jemand mit Bauchschmerzen nicht weiß, was mit ihm ist und er geht gleich in die Notaufnahme der Universitätsklinik, dann ist er eventuell richtig, wenn es zufällig ein Darmverschluss wäre oder eine innere Blutung. In der Regel ist es aber etwas anderes, zum Beispiel ein Magen-Darm-Infekt, der sehr gut auch ambulant von niedergelassenen Ärzten behandelt werden kann. Patienten, die mit relativ harmlosen Beschwerden in eine Einrichtung der höchsten Versorgungsstufe gehen, blockieren die Kapazitäten für die Patienten, die tatsächlich akut erkrankt sind und eine spezialisierte Versorgung benötigen. Patienten können häufig nicht einschätzen, wer ihnen wo am besten helfen kann, wenn sie akut Bauchschmerzen haben. Wir brauchen also ein breit verfügbares, intelligentes System zur bedarfsgerechten Steuerung und schlagen deshalb integrierte Leitstellen und integrierte Notfallzentren vor. Flankierend sollen mehrsprachige Patienteninformationen, Apps und eine bessere Aufklärung der Bevölkerung helfen, gezielter Hilfe in Anspruch nehmen zu können.

Welches Potenzial sehen Sie speziell für digitale Medizinprodukte für die integrierten Leitstellen und die integrierten Notfallzentren? Wäre eine bundeseinheitliche Notfall-App oder viel eher Schnittstellen, über die sich verschiedene Home-Care-Systeme zum Beispiel aufschalten ließen, denkbar?

Das ist alles denkbar. Man muss dabei ein paar Sachen unterscheiden. Es geht nicht nur um eine App für Patienten. In den integrierten Leitstellen müsste zukünftig eine Software für Ersteinschätzung und Triage etabliert werden, die auf evidenzbasierten Notfallalgorithmen beruht und die drei Dinge macht: erstens eine Feststellung nach Dringlichkeit, zweitens nach Bedarf und dann drittens – und das haben wir bisher eben in Deutschland nicht etabliert – eine Einsteuerung in die richtige Versorgungsebene.

„In den integrierten Leitstellen müsste zukünftig eine Software für Ersteinschätzung und Triage etabliert werden, die auf evidenzbasierten Notfallalgorithmen beruht.“

Wenn jemand mit Bauchschmerzen anruft, dann muss anhand von definierten Algorithmen geklärt werden: Ist das ein abwendbar gefährlicher Verlauf? Ist das eine Blutung? Ist das ein akutes Bauchaorten-Aneurysma? Oder ist es ein Infekt? Was ist also die wahrscheinlichste Ursache? Wie ist die Dringlichkeit? Und was hat der Patient für einen konkreten diagnostischen und therapeutischen Bedarf? Darauf basierend würde entschieden: Kommt der Notarztwagen oder der Hubschrauber? Erfolgt ein Hausbesuch durch einen niedergelassenen Arzt? Kann der Patient in die Praxis oder zu einem integrierten Notfallzentrum geschickt werden? Oder reichen eine telefonische Beratung eines Arztes und der beruhigende Hinweis, dass man vielleicht nur eine Wärmflasche auf den Bauch legt?

Sie meinen, ein digitales Produkt müsste schon ziemlich komplexe Informationen verarbeiten und intelligent vermitteln können, damit man das auch einschätzen kann?

Ja genau. Es gibt schon ein Konzept in der Schweiz. Das nennt sich SMASS, Schweizer Medizinisches Assessment. Dieses wird gerade in einem Innovationsfondsprojekt mit elf kassenärztlichen Vereinigungen und dem AQUA-Institut sowie dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung auf Deutschland übertragen. Das Projekt heißt Demand. Das Produkt für Deutschland soll dann SmED heißen und dann auch in Leitstellen eingesetzt werden. Idealerweise müsste eine solche Software auf einer ständig aktualisierten medizinischen Datenbank basieren, aus der die Algorithmen für die Abklärung generiert werden. Und sie muss einen intelligenten Steuerungsteil haben, der die Einsteuerung in die richtige Versorgungsebene beschreibt. Es gibt ja neben den eben genannten noch weitere, etwa die Akutpflege oder Palliativ-Care-Teams.

Und die gesamte Rettungskette wird mit dieser Software vernetzt sein?

Diese Software würde in der Leitstelle laufen und die Daten würden auch digital übertragen an den Notarztwagen und an das integrierte Notfallzentrum. Die Idee ist, dass überall, insbesondere in der Leitstelle, im integrierten Notfallzentrum, im Notarztwagen, beim Hausbesuch des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, die gleiche Software mit der gleichen Dokumentation läuft, sodass wir dann eine nahtlose digitale Übergabe der Informationen haben – und auch gleiche Entscheidungen bei gleichen Situationen auf allen Ebenen, damit am zentralen Tresen im integrierten Notfallzentrum genauso entschieden wird wie am Telefon in der Leitstelle. Und das kann man mit den entsprechenden Schnittstellen, mit einer einheitlichen Software, mit einem medizinischen Datenbankkern und zum Beispiel ergänzt durch den interdisziplinären Versorgungsnachweis (IVENA) umsetzen. Im IVENA-System werden zum Beispiel die freien Betten auf Intensivstationen angezeigt und zukünftig auch sogenannte Partnerpraxen, die ebenfalls freie Slots für die Notfallversorgung melden. Und die Leitstelle kann ständig Realtime sehen, welche Versorgungskapazitäten aktuell frei sind. Das erlaubt, dass zukünftig auch Notarztwagen direkt in Praxen gesteuert werden, und nicht, wie jetzt, automatisch immer gleich zum Krankenhaus fahren.

Damit wären der gesamte Einsatz und die folgende Behandlung in der Notaufnahme digital dokumentiert.

Wir wollen auf jeden Fall das ganze System digital abbilden, auch deshalb übrigens, damit man hinterher daraus lernen kann. Wenn zum Beispiel ein Patient mit Bauchschmerzen nach diesen Algorithmen abgeklärt wurde, dann wollen wir zukünftig auch wissen: Ist er später auch gut versorgt worden? Was hat gut, was weniger gut geklappt? Wenn wir die Daten sinnvoll nutzen, haben wir die Chance, durch Versorgungsforschung das ganze Notfallgeschehen in Deutschland transparent zu machen und das System gezielt zu verbessern.

Wie weit sind wir, Ihrer Meinung nach, davon entfernt, die Notfallversorgung bundesweit digital aufzusetzen?

Wie gesagt, es gibt schon dieses Schweizer Konzept und das laufende Innovationsfondsprojekt. Es braucht noch die gesetzlichen Grundlagen, um es einzuführen. Grundsätzlich wünschen sich das auch alle. Ein wichtiges Problem wird die Kleinstaaterei sein. Wir haben in jedem Landkreis eine andere Leitstelle.

Ich habe den digitalen Rettungswagen in Aachen besucht. Dort habe ich genau das gehört: Das Problem der Notfallversorgung ist die Kleinstaaterei.

Möglicherweise muss der Gesetzgeber bezüglich der Digitalisierung der Notfallversorgung explizit Vorgaben machen und sagen: Die Dokumentation wird standardisiert. Es gibt ja das Interoperabilitätsregister. Und ich bin gespannt, was in einem neuen E-Health-Gesetz stehen wird. Im Interesse der Patienten müssen wir ja an mehreren Stellen diese Vereinheitlichung zwingend herbeiführen.

Sie sprechen es an. Eigentlich braucht es mehr als ein Gesetz. Was können Ihre Handlungsempfehlungen im Hinblick auf die Entwicklung einer nationalen E-Health-Strategie inhaltlich beitragen?

Sehr viel, denn der Notfallbereich ist eigentlich der, wo alle unzufrieden sind. Der Veränderungsdruck und die Veränderungsbereitschaft sind hier besonders hoch. Im Gesundheitssystem könnte erstmals eine wirklich sektorenübergreifende Lösung etabliert werden, etwa die digitale Patientenakte.

„Im Gesundheitssystem könnte erstmals eine wirklich sektorenübergreifende Lösung etabliert werden.“

Wir brauchen im Notfall möglichst alle Informationen über den Patienten: seine Vorerkrankungen, seine Medikation, seine Allergien. Als Notfallmediziner muss ich zum Beispiel wissen, ob er Marcumar nimmt. Ich muss wissen, welche Vorerkrankungen er hat. Es wäre daher optimal, wenn wir über eine sektorenübergreifende Patientenakte auf diese Informationen zugreifen könnten.

Die integrierten Notfallzentren, die Sie beschreiben, könnten Ihrer Meinung nach nahe einer Klinik arbeiten. Was meinen Sie damit genau?

Ich weiß nicht, wo das Wort „nah“ herkommt. Eigentlich sollen die integrierten Notfallzentren in einer Klinik sein.

Das wurde auf der jüngsten Pressekonferenz des SVR Gesundheit in Berlin so formuliert. In einer Klinik, okay.

Es gibt schon sogenannte Portalpraxen, etwa 600. Das sind Praxen, die auf dem Gelände einer Klinik sind oder in der unmittelbaren Nähe. Das ist nicht das, was wir wollen. Wir wollen einen Eingang und einen Tresen. Und erst hinter diesem Tresen liegen die Räume von Notaufnahme und ärztlichem Bereitschaftsdienst. Das heißt, in einem Gebäude soll das integrierte Notfallzentrum sein. Und das wird in der Regel Teil einer Klinik sein, die besonders geeignet ist. Wir müssen allerdings zwischen Ballungszentren und dem ländlichen Raum unterscheiden.

Die eine Region hat zu viel und die andere Region hat zu wenig Notfallversorgung.

In Berlin gibt es 60 Krankenhäuser. Davon sind 38 an der Notfallversorgung beteiligt. Wenn unser Konzept umgesetzt würde, würden wir uns nur noch auf die Kliniken konzentrieren, die die optimale Versorgung auch tatsächlich sicherstellen können.

„Wenn unser Konzept umgesetzt würde, würden wir uns nur noch auf die Kliniken konzentrieren, die die optimale Versorgung auch tatsächlich sicherstellen können.“

Wie stellen Sie sich die optimale Versorgung in einem integrierten Notfallzentrum vor?

Die Klinikärzte und die niedergelassenen Ärzte arbeiten unter einem Dach. Idealerweise gibt es im ambulanten Bereich einen kinderärztlichen und einen augenärztlichen Bereitschaftsdienst sowie einen sozialpsychiatrischen oder einen psychiatrischen Kriseninterventionsdienst. Auf der stationären Seite wünschen wir uns eine Stroke-Unit, also eine Schlaganfalleinheit, eine Chest-Pain-Unit für Herzinfarktpatienten und ein Polytrauma-Zentrum. Wenn sie mit Kopfschmerzen kommen und die Notfallmediziner eine Hirnblutung, eine Netzhautblutung oder einen Schlaganfall feststellen, kann ihnen vor Ort schnell und optimal geholfen werden. Dafür muss zum Beispiel 24 Stunden, sieben Tage die Woche eine Katheter-Bereitschaft bestehen. Ein CT muss lückenlos verfügbar sein. Rund um die Uhr müssen ein Radiologe und ein Neurologe anwesend sein. Alles das darf man sich in einer Stadt wie Berlin wünschen und da kriegt man es auch.

Wie viele integrierte Notfallzentren sollte es denn Ihrer Meinung beispielsweise in Berlin geben?

Ich kann mich jetzt nicht auf eine Zahl festlegen. Das sind aber sicher deutlich weniger als 38 Häuser. Auf jeden Fall würde man die integrierten Notfallzentren regional verteilen, etwa Nord, Süd, Ost, West und Mitte. Im Sauerland oder im Bayrischen Wald geht das so natürlich nicht. Da haben wir keine Kliniken und Bereitschaftsdienste, die das alles abdecken. Deshalb muss man da gucken: Wie kriegt man eine Balance aus möglichst guter Versorgung und Flächendeckung sowie Erreichbarkeit? Erreichbarkeit bedeutet auch, dass man im Winter bei Schnee im Sauerland überlegen muss: Kommt man da überhaupt noch hin? Vielleicht müssen dann dort auch flankierende telemedizinische Lösungen her, Teleradiologie, Telekonsil. Vielleicht müssen auch an neuen Standorten Kliniken zusammengefasst werden. Die Idee ist, dass die Patienten zukünftig, wenn sie einen Schlaganfall haben, egal ob in Berlin-Mitte oder im Sauerland, möglichst schnell zu einer best-geeigneten Klinik kommen, denn da geht es um Minuten.

In Ihrer Antwort schimmern so ein bisschen die Notfallstrukturen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) durch. Zumindest lese ich diese darin. Wie lässt sich Ihr Notfallversorgungskonzept mit den Notfallstufen des G-BA zusammenbringen?

Unser Konzept ist perfekt kombinierbar mit den Stufen des G-BA, geht aber wesentlich weiter. Die Notfallstufen des G-BA beziehen sich auf den stationären Teil der Kliniken. Wir wollen zusätzlich auch den ambulanten Teil beschreiben. Unser Konzept würde im Ergebnis bedeuten, dass die Konzentration der Notfallversorgung auf noch weniger, besonders geeignete Standorte erfolgen würde. Das heißt, in den Ballungszentren – etwa für Berlin, Rhein-Main, Hamburg, München oder das Ruhrgebiet – wären viele Kliniken, die auf der umfassenden Notfallversorgungsstufe sind, also mit dem höchsten Ausstattungs- und Vorhaltungsgrad und entsprechend ihrer Lage, wahrscheinlich optimale Standorte für integrierte Notfallzentren.

Wie viele Krankenhäuser sollten Ihrer Meinung nach geschlossen werden? Und wie kann da ein fokussierter Strukturfonds helfen?

Wir können keine Gesamtzahl und noch nicht einmal einzelne Kliniknamen nennen, weil das gar nicht unsere Aufgabe ist. Wir wissen nur, dass wir in Deutschland wesentlich mehr Krankenhäuser bezogen auf die Einwohner haben als in praktisch allen anderen vergleichbaren Industrienationen. Wir haben eine unzureichende Konzentration und Zentrenbildung. So haben wir beispielsweise 220 neonatologische Zentren in Deutschland. Das sind viel zu viele, um die Kompetenz der Ärzte und der Pflegekräfte und der Ausstattung so zu bündeln, dass eine optimale Versorgung der Kinder sichergestellt werden könnte. Das heißt, die neonatologischen Zentren sind jeweils zu klein, haben jeweils zu wenig Fallzahlen, machen sich unnötig gegenseitig Konkurrenz.

„Wir brauchen ein sinnvoll gestuftes Zusammenspiel von hoch spezialisierten Kliniken und Grundversorgungshäusern und wiederum von stationären und ambulanten Kapazitäten.“

Und so muss man das durchdeklinieren. Je nach Erkrankung, je nach Aufgabe, je spezialisierter diese ist, umso eher müsste man im Interesse der Versorgungsqualität Zentren haben. Außerdem muss man überlegen: Was für eine Art von Krankenhaus brauchen wir? Wir brauchen zum Beispiel im ländlichen Raum zum Teil eher ambulant-stationäre Zentren, also eine Kombination aus MVZ und Cottage Hospital, wo Menschen vor Ort mit einfachen Erkrankungen behandelt werden können. Wir brauchen ein sinnvoll gestuftes Zusammenspiel von hoch spezialisierten Kliniken und Grundversorgungshäusern und wiederum von stationären und ambulanten Kapazitäten.

Für welche Behandlungen sehen Sie besonders Potenziale, um die Ambulantisierung voranzutreiben? Warum macht das in Ihren Augen Sinn?

In Deutschland wird im internationalen Vergleich extrem viel stationär gemacht und nur sehr wenig ambulant. Es gibt starke finanzielle Anreize, die Eingriffe und die Versorgung stationär zu machen, weil das DRG-System das wesentlich besser honoriert als das EBM-System. Der gleiche Eingriff bringt im Krankenhaus in der Regel das Zwei-, Drei-, manchmal sogar Vier- oder Fünffache. Wir schlagen vor, dass man einen Mischpreis bildet – man könnte auch von einer Hybrid-DRG sprechen –, der unabhängig vom Ort der Leistungserbringung immer gleich ist. Einen Festpreis für einen Eingriff würden wir sogar etwas höher ansiedeln als den jetzigen EBM-Preis, um einen Anreiz für die Krankenhäuser zu schaffen und ihnen einen Markteintritt zu ermöglichen. Das Ergebnis wäre, dass zukünftig kein relevanter Fehlanreiz zur stationären Aufnahme mehr bestünde.

Für wie durchsetzbar halten Sie denn eigentlich diese Empfehlung „gleicher Preis für gleiche Leistung“?

Ich glaube, dass das durchsetzbar ist, zumal es erst mal einen umschriebenen Bereich von etwa 2.700 Eingriffen betrifft, die ambulant wie stationär durchgeführt werden könnten.

Sie schlagen regionale Gremien vor, die künftig die ambulante wie die stationäre Gesundheitsversorgung verantworten sollen, also planen, finanzieren, strukturieren. Sogar der Bund soll künftig bei der Krankenhausplanung mitreden können. Warum sollten die Länder und die Selbstverwaltungen da mitmachen?

Da gibt es nur einen Grund: weil der Bund bezahlt. Es gibt den Strukturfonds. Der wird zur Hälfte, mit 500 Millionen, aus dem Gesundheitsfonds gefüllt und zur anderen Hälfte von den Ländern. Es steht also eine Milliarde bereit. Wir schlagen vor, diesen Strukturfonds auszubauen und den Bundesanteil nicht mehr aus dem Gesundheitsfonds, sondern aus Steuermitteln zu erbringen und dafür dann dem Bund eine koordinierende Rolle zu geben. Nach unserer Vorstellung könnte das so laufen, dass es einen föderalen Bund-Länder-Krankenhausplan gibt, der in einer Bund-Länder-Kommission erarbeitet wird, insbesondere für länderübergreifende Regionen. Vor allem sollte die hoch spezialisierte Versorgung – etwa Verbrennungsbetten, Transplantationen, seltene Erkrankungen – geregelt werden. Die Länder hätten die freie Wahl, ob sie den Plan verabschieden und umsetzen oder nicht. Allerdings würden nur die Länder Geld aus dem Fonds erhalten, die bei diesem Plan mitmachen.

Sie empfehlen ein Bündel an Maßnahmen, um Fehlentwicklungen entgegenzusteuern. Welche sind Ihrer Meinung nach die drei wichtigsten Gesetze, die sich aus Ihren Handlungsempfehlungen ableiten lassen?

Das Leben ist kompliziert. Die Ursachen für die verschiedenen Entwicklungen sind vielfältig. Das hat etwas mit Anreizsystemen zu tun, mit Ausbildung, mit Weiterbildung, mit Fachkräftebedarf, mit Strukturen, mit Angebotsplanung, mit Honorierung – also alle möglichen Dinge spielen da rein. Es gibt daher nicht die eine Maßnahme, mit der man wie mit einem Zauberstab alles gutmachen kann. Wir brauchen vielmehr ein Bündel von verschiedenen Maßnahmen, denn die Ursachen sind vielfältig.

Die drei wichtigsten Gesetze …

Wenn ich mich festlegen soll: auf jeden Fall die Neuordnung der Notfallversorgung. Ich gehe davon aus, dass dieses zeitnah kommt. Unsere Empfehlungen zur Krankenhausfinanzierung sind fast schon spektakulär, wenn sie denn umgesetzt würden. Da sind ja auch noch Veränderungen des DRG-Systems, Weiterbildungsfonds, Hochrisikopool, Zentrenzuschläge vorgesehen. Da haben wir eine ganze Menge Veränderungspotenzial drin. Also zuerst die Notfallversorgung, danach die Krankenhausfinanzierung und zu guter Letzt mit längerem Horizont die sektorenübergreifende Versorgung – wobei es in den Bereichen jeweils mehrere Maßnahmen sind.

Sie sprachen das dritte Gesetz an. Es wird seit Jahren über den Abbau der Sektorengrenzen diskutiert und sogar gestritten. Warum ist Ihrer Meinung nach gerade jetzt in dieser Legislaturperiode der Moment gekommen, dass der Gesetzgeber wirklich aktiv werden könnte?

Die Erkenntnis, dass da ein gravierendes Problem besteht, musste erst mal reifen. Das haben jetzt alle verstanden. Außerdem wird zunehmend deutlich, dass es an mehreren Stellen nicht vorangeht und dass uns die Sektorengrenzen total blockieren. Diese Erkenntnis ist jetzt erst so richtig in die Köpfe gedrungen und das sieht man eben auch am Koalitionsvertrag. Manchmal braucht es eine gewisse Zeit. Alle sind sich darüber im Klaren, dass gerade dieses Thema das Bohren sehr dicker Bretter bedeutet. Wir brauchen dafür wahrscheinlich zwei Legislaturperioden.

„Alle sind sich darüber im Klaren, dass gerade dieses Thema das Bohren sehr dicker Bretter bedeutet.“

Zunächst wird erst einmal die Notfallversorgung in dieser Legislaturperiode reformiert. Und die anderen würden dann folgen …

Es kommt darauf an, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn das in Gesetzespakete zerlegt. Er könnte bei der sektorübergreifenden Versorgung auch vorankommen, wenn er einzelne Aspekte jetzt schon umsetzt – also zum Beispiel einen Katalog ambulant erbringbarer Eingriffe definiert und dafür ein Verfahren und Zuständigkeiten zur Festlegung von Mischpreisen definiert. So etwas könnte das Bundesgesundheitsministerium auch als Einzelmaßnahme schneller einleiten. Wenn man die ganze Bedarfsplanung mit entsprechenden Institutionen und Strukturen auf sektorübergreifende Versorgung umstellt, würde das länger dauern. Aber einzelne Schritte dahin können durchaus auch schon schneller erfolgen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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